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Abbas Khider
© picture alliance / Erwin Elsner
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Abbas Khider

"E Flüchtling redet in de Botschaft mit e Mitarbeiter und e Mitarbeiterin über de’ Visum. Die Mitarbeiter antworten: E Flüchtling bekommt nirgendwo e’ Visum, er soll illegal in de’ Land einreisen." (Aus: "Deutsch für alle"). So klingt das „Neudeutsch“ von Abbas Khider, wenn man allen Regeln folgt aus seinem kessen Lehrbuch “Deutsch für alle“, das die deutsche Sprache vereinfachen und renovieren möchte. Alle Umlaute sind aus dem Alphabet verschwunden, Artikel sind verkürzt und vereinfacht, die Herrschaft des verwirrenden Konjugierens ist gebrochen in diesem „wohltemperierten Deutsch“ von Abbas Khider. "Es ist machbar", sagt Khider und lacht. "Wir können das machen wie eine Rückkehr zur Natur und nennen die Dinge wie sie sind. Das ist auch eine Möglichkeit, wie zum Beispiel: Sächliche Dinge bleiben sächlich, das Glas, das Kuche, das Wand usw., und männliche sind männlich und Weibliches ist weiblich, das war’s, wie die Natur die Dinge dargestellt hat."

Abbas Khider schmuggelt das Fremde ins Deutsche

Regeln sind wie „Verhörbeamte einer Diktatur“, sagt Abbas Khider, streicht Genitiv und Dativ, es lebe der Akkusativ! Das Verb am Ende eines Nebensatzes und andere Irritationen sind aufgelöst, von 200 Präpositionen lässt er nur 50 gelten, anstatt zu deklinieren werden Töne variiert, wie im Arabischen. Das Fremde schmuggelt er ins Deutsche – ganz im Sinne Goethes: „Wer die deutsche Sprache versteht und studiert, befindet sich auf dem Markte, wo alle Nationen ihre Waren anbieten". Wie das funktioniert, erklärt Khider: "Man sagt zum Beispiel 'die Männer', aber der letzte Buchstabe wird anderes betont: 'die Männerrr', und da haben wir Nominativ. Da kommen wir wie die Franzosen ganz sanft. Und dann machen wir beim Akkusativ die letzte Silbe oder den letzten Buchstaben bisschen sanfter: 'die Frauin', 'die Männer reden mit de Frauin'. Und da weiß man, da ist Nominativ und da ist Akkusativ, da braucht man keinen Dativ und Genitiv mehr."

Die Hose des Abbas, ist nun die Hose von dem Abbas, ganz wie in Bayern üblich, keine Panik also, und auch anderes hat Abbas Khider während seiner – rettet den Genitiv! – sieben Jahre in Bayern gelernt: Da heißt es ja schon längst nicht mehr scheinen, schien, geschienen, sondern scheinen, scheinte, gescheint – aus unregelmäßigen, starken Verben werden im Handumdrehen regelmäßige. Wir lernen:

"Schwimmen, schwimmte, geschwimmt"

"ja, 'schwimmen, schwimmte, geschwimmt“. Im Deutschen gibt es sooo viele Ausnahmen, sooo viele komische Wendungen, und das reicht irgendwie, und ich dachte, da kann man wirklich unregelmäßige Verben regelmäßig machen und die Dinge einfacher machen für die Menschen, für alle Menschen, auch für die Deutschen selbst: 'Gehen, ging, gegangen', da macht man 'gehen, gehte, gegeht'", sagt Khider. Entsprechend 'nehmen nehmte, genehmt' anstatt 'nehmen, nahm, genommen'. Da seien die Dinge leicht. Jeder lerne das Verb und könne schnell mehrere Sätze bilden.

"Deutsch für alle" ist ein subversives Vergnügen, entstanden aus dem Wunsch, allen und vor allem erwachsenen Migranten das fremde Idiom verständlicher und leichter erlernbar zu machen. Und Abbas Khider weiß, wovon er spricht. Als er im Jahr 2000 in München strandete, nach Monaten der Haft in Saddam Husseins Gefängnis, nach Jahren der politischen Verfolgung und Flucht aus dem Irak, da war die deutsche Sprache für ihn nichts als Wahnsinn und Tränen und sein Kopf ein rotierender Sprachcomputer. Das ist er bis heute. "Ja, weil man denkt, man hätte mehrere Ebenen, wenn man auf Deutsch redet. Ich habe, wie gesagt, als 27-Jähriger die deutsche Sprache gelernt, und wenn ich jetzt auf Deutsch rede, denke ich zuerst daran, was ich brauche, zum Beispiel. Ich rede jetzt über die Sprache, da brauche ich bestimmte Wörter. Die muss ich abrufen aus meiner Festplatte im Gehirn - das ist die erste Ebene. Die zweite Ebene ist, ich muss an die Grammatik denken. Zum Beispiel, das Verb ist im Nebensatz am Ende. Ich muss auch an den Artikel denken: das, der, die. Und dann die dritte Ebene, da muss ich das alles so leicht rüberbringen, dass man mich versteht, damit keine Missverständnisse entstehen. Und alle diese Ebenen passieren gleichzeitig in meinem Gehirn, wenn ich jetzt mit einem auf Deutsch rede."

Ein Angriff auf die "Leitkultur"

Aus Bayern ist er fort, der alltäglichen Polizeikontrollen wegen. Längst wohnt Abbas Khider in Berlin, als deutscher Bürger, Familienvater und preisgekrönter Schriftsteller, der auf Deutsch schreibt, der Neuere Deutsche Literatur und Philosophie studiert hat und Präfix, Suffix, Affix selbstredend zu unterscheiden weiß. Der den Reichtum der deutschen Sprache liebt, für den verschwenderischen Umgang mit Adjektiven wirbt wie für lange Unterhosen im Winter, der mit seinem „Deutsch für alle“ alle erheitern möchte und zugleich weiß, dieses vergnügliche Lehrbuch ist ein Angriff auf die „Leitkultur“ und erst recht auf alle nationalistischen Phrasen. "Ich wollte aber am Anfang das wirklich nicht mit meinem richtigen Namen veröffentlichen, das ist die Wahrheit. Ich wollte irgendeinen anderen Künstlernamen erfinden, weil ich natürlich auch dachte, okay, da kommen vielleicht Leute und würden mich beschimpfen und bedrohen, was auch leider in den letzten Jahren mit mir passiert ist, ich meine hier die Rechtsradikalen natürlich. Ich habe manchmal tatsächlich den Eindruck, vielleicht habe ich dieses Buch geschrieben, um solche Menschen zu ärgern, vermutlich, ich weiß es nicht", sagt Khider.

„Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch“ von Abbas Khider

„Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch“ von Abbas Khider

„Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch“ von Abbas Khider ist im Hanser Verlag erschienen.

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Autoren

Cornelia Zetzsche

Sendung

Diwan - Das Büchermagazin vom 03.03.2019 - 14:05 Uhr