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"A Rainy Day in New York" offenbart Woody Allens Frauenbild | BR24

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Eigentlich sollte Woddy Allens neuer Film "A Rainy Day in New York" bei Amazon Prime laufen – bis erneut Missbrauchsvorwürfe gegen den Regisseur auftauchten. Es ist ein guter Film geworden – und doch bleibt ein ungutes Gefühl.

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"A Rainy Day in New York" offenbart Woody Allens Frauenbild

Eigentlich sollte Woddy Allens neuer Film "A Rainy Day in New York" bei Amazon Prime laufen – bis erneut Missbrauchsvorwürfe gegen den Regisseur auftauchten. Es ist ein guter Film geworden – und doch bleibt ein ungutes Gefühl.

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Zuletzt beschlich einen das Gefühl, Woody Allen würde seine Werke inzwischen bequem aus einer Art Woody-Allen-Baukasten mit vielen routinierten Selbstbezügen zusammensetzen. Man nehme: Einen Jazz-Klassiker zum Soundtrack-Auftakt, ein neurotisches Paar, das sich irgendwohin aufmacht – und bereits nach kurzer Zeit in Dialogen über Gott und die Welt das eigene Unterwegssein ironisch in Frage stellt: Wären wir nicht besser Zuhause geblieben? Wieso kamen wir nur auf die dumme Idee, uns fortzubewegen?

Gatsby zeigt sein New York

"A Rainy Day in New York" beginnt so: Der Jazzpianist Erroll Garner spielt den Klassiker "Will You Still Be Mine" und wir sehen ein junges Upperclass-Paar aus der amerikanischen Provinz nach New York aufbrechen. Dort bekommt Ashleigh die Chance, für die Zeitung ihrer kleinen Universität ein Interview mit einem gefeierten Arthaus-Regisseur zu führen. Ihr Freund Gatsby begleitet sie, um seiner Flamme danach Manhattan zu zeigen, die Gegend, in der er aufgewachsen ist.

© Jessica Miglio/Gravier Productions/dpa

Fasziniert von New York

Ein gefühlvolles Wochenende liegt vor den beiden, in einem hochklassigen Hotel, mit kulinarischen Leckerbissen. Doch dann kommt alles anders und der Film schafft es tatsächlich, jenseits der beschriebenen Woody-Allen-Routine eine wundersam altmodisch wirkende Magie zu entfalten, einen Liebesreigen der Irrungen und Wirrungen, in der Originalfassung noch sehr viel überzeugender als in der allzu platten deutschen Synchronisation.

Melancholische Momente und böswitzige Dialoge

Drei Woody-Allen-Alter-Egos treten auf – eines davon ist der angesagte Regisseur, den Ashleigh interviewen darf. Er offenbart ihr, dass er mit seinem neuen Werk überhaupt nicht zufrieden sei, es vielmehr vermasselt habe – was Allen selbst übrigens auch jenen Journalisten sagte, die ihn kürzlich in Paris interviewen durften.

"A Rainy Day in New York" ist kein Meisterwerk, aber der Film besitzt hinreißend melancholische Momente, glänzt mit manchen abgrundtief böswitzigen Dialogen, macht sich treffend lustig über die aufgeblasene Selbstbezogenheit der Filmbranche und beweist, dass Woody Allen die urbane Muse Manhattans wohl brauchte, um eine seiner besseren Komödien der letzten Zeit zu inszenieren.

© Julien Warnand/dpa

Umstritten: Woody Allen

Abenteuerliche Entstehungsgeschichte

Die Entstehungsgeschichte seines 48. Leinwandwerkes war dabei abenteuerlich und wild: Bereits 2017 abgedreht, sollte "A Rainy Day in New York" als erster von vier Filmen bei Amazon Prime laufen. Doch der Streamingdienst machte einen Rückzieher, als 2018 im Zuge der MeToo-Debatte erneut Vorwürfe gegenüber Woody Allen formuliert wurden, er habe im August 1992 seine siebenjährige Adoptivtochter Dylan Farrow missbraucht. Seitdem haben sich viele Mitwirkende von Woody Allen distanziert. Timothée Chalamet, Rebecca Hall und Selena Gomez spendeten ihre Gagen an MeToo-Initiativen.

Die Staatsanwaltschaft hatte damals ermittelt, aber ein Verfahren wurde nie eröffnet. Juristisch hat sich an der Beweislage seitdem nichts geändert. Nur wurde Allen jetzt immer wieder zusammen mit vermeintlichen oder überführten Tätern wie Harvey Weinstein oder Kevin Spacey genannt. Gegen den vermeintlichen Vertragsbruch von Amazon Prime klagte er – der Rechtsstreit ist inzwischen beigelegt, ohne dass Details bekannt wurden. Fakt ist: "A Rainy Day in New York" läuft vorerst nur in Europa und nicht in den USA.

Zu 30 Prozent ernüchtert

"Everything happens to me" singt das Woody-Allen-Alter-Ego Gatsby im Film – Alles passiert mir! Es ist eine der berührendsten Szenen dieses Films, den der alte Bertolucci- und Fellini-Kameramann Vittorio Storaro in ein warmes und weiches Sehnsuchtslicht getaucht hat. Man folgt dem dandyhaften Gatsby, einer Wiederkehr des Stadtneurotikers, durchaus entzückt durch Manhattan, ist dann aber doch irritiert, dass Woody Allen es gegen Ende schafft, seine gesammelten Frauencharaktere zu diskreditieren: Die von Elle Fanning gespielte Ashleigh wird auf die alberne und intellektuell unbedarfte Blondine aus der Provinz reduziert, die toughe Gegenspielerin stellt schließlich zugunsten romantischer Zweisamkeit ihre erfrischend coole Widerständigkeit hintan, und Gatsbys herrische Mutter entpuppt sich als reines Drehbuch-Konstrukt. Das Kino verlässt man nach diesem nostalgisch regnerischen Wochenende in New York zu 70 Prozent verzaubert und zu 30 Prozent ernüchtert.

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