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"A merkwürdige Zit": das Corona-Tagebuch vom Land | BR24

© Audio BR/ Bild: Gert Eggenberger picturedesk.com apa picture alliance

Noemi Schneider, Dokumentarfilmerin und Schriftstellerin schreibt unser Corona-Tagebuch fort.

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"A merkwürdige Zit": das Corona-Tagebuch vom Land

Nicht nur in Berlin, auch auf dem Dorf an der österreichischen Grenze läuft in Corona-Krisenzeiten alles anders. Schriftstellerin Noemi Schneider hat sich in ihre "erste Heimat" begeben, wo ihr die Pandemie zuweilen merkwürdig surreal vorkommt.

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"Kick it, Walaa!: Das Mädchen, das über Grenzen geht": Mit ihrem Dokumentarfilm über eine israelische Fußballerin, die sowohl für ihren Verein in Israel als auch für die palästinensische Nationalmannschaft spielt, machte sich Noemi Schneider zuerst einen Namen. Inzwischen ist sie auch schon mit ihrer Prosa - ihrem Roman "Das wissen wir schon"(2017) - beim Wettlesen in Klagenfurt gewesen. Jetzt ist die Dokumentarfilmerin, Schriftstellerin und Journalistin in das Dorf ihrer Kindheit an der österreichischen Grenze zurückgekehrt - und schreibt unser Corona-Journal fort.

Das wissen wir schon "So an Ooschner", sagt die Bäuerin kopfschüttelnd. Wir halten Abstand. Im Ausnahmezustand. Ich streichle die Esel und blinzle in die Sonne. Das Wetter ist traumhaft bis auf den Wind, den Ostwind, "Ooschner", genannt. Der ist nämlich arschkalt und fegt schon seit Montag über die Dörfer. Aber zum Wochenende hin soll's endlich wieder wärmer werden. Es ist schön, einfach nur übers Wetter zu reden, und ich bin froh hier zu sein, am Land, wo zwar auch irgendwie alles anders ist, aber womöglich ein bisschen unaufgeregter als in Berlin, wo ich jetzt eigentlich sein wollte.

Seit acht Tagen bin ich wieder in meiner ersten Heimat, einem kleinen Dorf an der Grenze zu Österreich. Die Grenze, über die wir seit Jahrzehnten einfach hinwegspazierten, wurde über Nacht dichtgemacht. Die Straßen und Wege sind blockiert und der Übertritt ist "strengstens verboten". Die meisten nehmen es gelassen, nur ein paar Wanderer sind empört. Die Bauern fahren die Gülle aus, auf den Feldern stinkt es bestialisch. Alle warten auf den Regen.

Super Zeiten für eine Schriftstellerin möchte man meinen, aber ich bringe kein Wort zu Papier, checke die News und frage mich, wie lang die Zigaretten reichen, die ich gehortet hab? Ich ordne Steuerbelege. Schlecht fürs Gemüt. Entscheide mich für Gartenarbeit, die ist ergebnisorientiert und verleiht innere Ruhe. Die Stare halten Hochzeit und zwitschern unerhört laut.

Im Dorf wird es immer stiller. Der Heimwerker-Aktionismus hält sich in Grenzen, die Wertstoffhöfe sind geschlossen. Die Nachbarskinder bemalen die Straße. Die Leute halten Abstand, aber sie sind freundlich: "Grüß Gott" rufen sich die einsamen Wanderer zu. Jeden Abend um 21.00 Uhr läuten die Glocken. In der Regionalzeitung steht: "Legen sie Vorräte an, aber hamstern sie nicht!" Im Supermarkt ist, wie im ganzen Land, das Klopapier knapp.

Während ich das schreibe, kommt es mir immer noch surreal vor. Wenn ich im Radio Quarantäne-Raps höre, und selbst wenn ich "Ausgangsbeschränkungen", "Kontaktverbot" und "Grenzschließungen" durchbuchstabiere, bleiben mir die Worte fremd. Wenn ich abends den Fernseher anmache und Nachrichten gucke, habe ich immer noch das Gefühl im falschen Film zu sein. Die Sturmschäden im Wald hier sind sichtbarer als die Pandemie. Ich sage meine geplanten Reisen ab, fülle das Kulanzformular der Deutschen Bahn mehrfach aus und warte vergeblich auf eine Eingangsbestätigung des DB-Service-Centers. Stattdessen trudeln in meinem Posteingang Nachrichten, die die Worte, "leider", "ausgesetzt", "abgesagt", "verschoben" oder "gestoppt" enthalten ein. Ich denke über Geld nach, bin sparsamer mit dem Klopapier, nehme mir vor, meine Arabisch-Lektionen zu wiederholen und gehe täglich spazieren. Abends lese ich Tolstoi.

"A merkwürdige Zit", sagt die Bäuerin. Ich stimme ihr zu, mehr gibt es dazu grade nicht zu sagen, denke ich, verabschiede mich von ihr und den Eseln, "Bis morgen!" und laufe über die stinkenden Felder zurück nach Hause.

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