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Warum der Brexit für A.L. Kennedy ein Albtraum ist | BR24

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Der Roman "Süßer Ernst" von A.L. Kennedy ist auch ein bissiger Kommentar zur aktuellen Politik in Großbritannien. Im Interview erklärt die Schottische Schriftstellerin, warum der Brexit eine fatale Entscheidung ist – besonders für Schotten.

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Warum der Brexit für A.L. Kennedy ein Albtraum ist

Der Roman "Süßer Ernst" von A.L. Kennedy ist auch ein bissiger Kommentar zur aktuellen Politik in Großbritannien. Im Interview erklärt die Schottische Schriftstellerin, warum der Brexit eine fatale Entscheidung ist – besonders für Schotten.

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Zum Interview über ihren Roman kommt sie zu spät: Bei einer leidenschaftlichen Brexit-Debatte mit anderen Briten in München hat sie den Termin glatt vergessen. Dabei ist die Schottin A.L. Kennedy, Anfang 50, androgyner Typ, hochgelobte Schriftstellern und Stand-up-Co­me­di­an, mit ihrem neuen Roman zu Gast: "Süßer Ernst". Das Original erschien 2016, im Jahr des Brexit-Referendums, eine Liebesgeschichte zwischen zwei verlorenen Seelen. Cornelia Zetzsche hat mit der Autorin über den Roman gesprochen, über den Brexit und die Freundlichkeit von Großstadt-Bewohnern.

Cornelia Zetzsche: Ihre Hauptfiguren sind: Jon, 59 Jahre alt, gedemütigt und betrogen von seiner Ex-Frau, frustriert als Regierungsbeamter, als Diener von Dienern, das heißt Ministern der Britischen Regierung. Ein Mann alter Schule in einer Gesellschaft von Narzissten. Und es gibt Meg, 45, die trockene Alkoholikerin, verwundet an Körper und Seele, früher Wirtschaftsprüferin, jetzt Bürohilfe im Tierheim. Beide tanzen einen Liebestanz, einen Cha-Cha-Cha, also zwei Schritte vor, wenigstens einen zurück, bis sie sich finden. Was verbindet beide?

A.L. Kennedy: Sie sind gebrochen, beide fühlen sich schuldig, meistens für Dinge, für die sie nichts können. Beide brauchen Liebe und haben doch entschieden, sich vor der Liebe zu verstecken. Aber ohne Liebe ist das Leben unmöglich. Beide haben eine sehr seltsame Art zu lieben. Und sie passen zueinander wie Teile eines Puzzles.

"Süßer Ernst" ist eine Liebesgeschichte, eine Hommage an London, ein Porträt unserer Zeit. Welches der Themen stand am Anfang?

Ich fing 2010 an, über das Buch nachzudenken, und da war schon alles klar. Schreckliche Dinge geschahen damals. Wir hatten eine Politik, die weder auf der Wirklichkeit noch auf Liebe beruhte. Etwas Schlimmes geschah, das stand vermutlich am Anfang. Und weil die Liebe wichtig ist, musste es eine Liebesgeschichte sein.

Was geschah 2010?

Ich denke, es wurde sehr klar, dass wir eine Grenze überschritten, dass unsere Politik zwar nicht unabänderlich krank, aber sehr krank war, und dass Schlimmes geschah. Behinderten wurden lebenserhaltende Mittel entzogen, nur um Geld zu sparen. Wo Mittel gebraucht wurden, bewilligte man sie einfach nicht. Das allein war schon ein Desaster. Etwa 150.000 Menschen starben, eingestuft als arbeitsfähig.

© Hanser Verlag

A.L. Kennedy: Süßer Ernst, Übersetzung: Ingo Herzke, Susanne Höbel, Hanser 2018

Sie kommen aus Schottland, würden Sie sagen, Sie haben – mit der Distanz – einen schärferen Blick auf die Londoner und die englische Gesellschaft?

Obwohl wir uns ähneln, sind wir sehr verschieden. Historisch gesehen war Schottland sehr gebildet, denn wir haben das Empire verwaltet. Aber wir hatten die historische Tradition einer Theokratie, also die Moral. Historisch gesehen waren die Engländer die Bosse, aber unmoralisch. Und die Schotten waren die Diener, die sich der Moral bewusst, aber bereit waren, für unmoralische Leute zu arbeiten. Und diese Art von Unterscheidung gibt es noch immer.

Und die Schotten rebellieren gegen den Brexit. Wie ist Ihr Blick auf die aktuelle politische Lage?

Es ist ein Albtraum! Denken Sie nur an die schottischen Unabhängigkeitsbestrebungen. Der einzige Grund für die Leute, gegen die schottische Unabhängigkeit zu stimmen, war die Vorstellung, dann würden sie gezwungen, die EU zu verlassen. Die Propaganda von Westminster war: Wenn Ihr Großbritannien verlasst, verlasst Ihr die EU. Das wäre schrecklich, Ihr könnt außerhalb der EU nicht überleben, ohne EU würdet Ihr alle Handelsabkommen verlieren, warum wollt Ihr das? Jahre später werden wir nun von diesen irren Leuten aus der EU gezerrt. Schottland ist wütend. Jeder in Schottland wacht wütend auf. Abgesehen von all diesen Lügen zum Brexit gibt es noch das russische Geld und die Währungsmanipulationen. Leute, die Geld aus Russland bekamen, um für den Brexit zu stimmen, machen jedes Mal Gewinn, wenn das Pfund abstürzt. Sie befördern das Chaos, damit das Pfund weiter fällt und steigt und fällt, jedes Mal, wenn das Pfund fällt, machen sie Milliarden-Gewinne. Wir sind also offensichtlich nicht erfreut über all das, aber wir machen uns auch Sorgen: Würde das enden wie der Spanische Bürgerkrieg, wenn wir für unsere Unabhängigkeit stimmten? Endete es mit der Lage, in der sich Spanien und Katalonien derzeit befinden? Ist das so wie die Samtene Revolution in der Tschecheslowakei 1989? Wie sollen wir mit Führern in Westminster verhandeln, die keine Führer sind, die nicht vertrauenswürdig, nur egoistisch sind?

Das klingt eher nach innenpolitischen Streits. Gäbe es denn auch Argumente für Europa?

Oh absolut! Schottland ist total für Europa. Leute, die gegen die schottische Unabhängigkeit gestimmt haben, waren in Sorge, Europa zu verlieren,

Wie ist Ihr Blick auf Europa heute, auf die EU, die ja selbst kollabiert?

Das ist die Propaganda. Wenn man damit konfrontiert ist, Europa zu verlieren, erkennt man, was Europa ausmacht. Manche Leute sagten, Europa sei undemokratisch, weil man nicht europäisch wählen konnte. Aber man könnte in das Projekt Menschenrechte einbezogen sein. Das ist einer der Gründe, weshalb sich europäische Länder nicht so abscheulich bekriegen wie früher. Die Rechte der Gewerkschaften, bezahlter Urlaub, die finanzielle Unterstützung für die Künste, die Inspiration durch die Gespräche und die Chance, aus der eigenen kleinen Blase herauszukommen, all das sind Gründe. Künstler werden inspiriert durch andere Künstler, da gibt es keine Grenzen. Auch all die Lektionen, die wir nach dem Zweiten Weltkrieg lernten, diese Dinge hat Großbritannien vergessen.

Die Gesellschaftskritik in Ihrem Roman "Süßer Ernst" verbindet sich mit einem zärtlichen Blick auf London. Würden Sie sagen, es ist eine Hommage auf London?

Ich habe ein Jahr in London gewohnt und zum Beispiel die Freundlichkeit zwischen Fremden gesehen. Unsere Medien sind im Grunde wie "Der Stürmer" in diversen Ausgaben. Uns wird gesagt, jeder will jeden töten, man müsse kämpfen, man sei bedroht. All diese Dinge sagt man, um Leute aufzuwiegeln, den anderen anzugreifen. Wenn man wirklich auf die Realität schaut und Freundlichkeit sucht, findet man sie überall, besonders in großen Städten, anders könnte man nicht überleben. Die Leute würden einander töten und zerfleischen, gäbe es in den Städten nicht große Freundlichkeit, die das alles funktionieren lässt. Man muss sich an die Freundlichkeit erinnern. Das ist eine Gelegenheit, ja, über London zu reden, aber auch über Freundlichkeit und Fremde.

"Süßer Ernst" von A.L. Kennedy ist in der Übersetzung von Ingo Herzke und Susanne Höbel im Hanser Verlag erschienen.

Das Buch als Lesung: Katja Bürkle vom Residenztheater München liest aus "Süßer Ernst" von A.L. Kennedy. Gibt's auch in unserem Podcast "Lesungen" – hier abonnieren!

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