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Mit, eins, vier oder acht: So fühlt sich die Welt für Kinder an | BR24

© Bild: Bea Davies, JaJa Verlag

Die Comic-Zeichnerin Bea Davies hat einen Comic aus der Perspektive ihres Sohnes gezeichnet.

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Mit, eins, vier oder acht: So fühlt sich die Welt für Kinder an

Die Welt mit den Augen ihres Sohne zeigen: Das war der Wunsch der Comic-Zeichnerin Bea Davies. In ihrem Band "A Child’s Journey. Drawn by Mama" können wir sehen, wie der Radius eines Kindes wächst.

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"Ich frage mich, ob Du manchmal enttäuscht warst - so auf die Decke zu starren und dabei blubbernde Geräusche zu machen", schreibt Bea Davies unter das erste Bild ihres neuen Buches, das ein Baby zeigt, das wie hingegossen auf dem Rücken liegt und nach oben blickt.

Zeichnungen aus der Perspektive eines Babys

In ihrem Versuch, die Welt aus seiner Perspektive anzuschauen, sei sie ihrem Sohn viel nähergekommen, sagt Bea Davies im Interview. Mit zeichnerischem Einfühlungsvermögen folgen fünf weitere, minimalistisch skizzierte Bilder unterschiedlicher Baby-Stellungen: Mal auf dem Bauch liegend mit angehobenen Kopf, dann wird dieser schwer und scheint - Nase voran - in den Boden einzusinken. Dazu hebt sich der windelpralle Po wie ein kleiner Hügel. Danach mal Seitenlage oder erstes Krabbeln. "Es gibt so vieles ganz Besonderes an Comics - und zwar dieses besondere Tempo und die Art und Weise, wie man das Auge des Lesers animiert, sich durch die Seite zu bewegen. Die Leser von Comics müssen Zwischenszenen ergänzen und sich vorstellen können. Das hilft sehr, sich hineinzuversetzen."

Bea Davies macht dank präziser Beobachtung typische Physiognomien und Körpererfahrungen nachvollziehbar. Es ist, als würden wir uns selbst wieder in einem säuglingshaften Zustand befinden. So versuchen wir, aus der Rückenlage auf die Seite zu rollen, machen diese spaßige Bewegung, als würde man ein feststeckendes Auto aus einem Schlammloch freischaukeln wollen, vor und zurück, bis die Trägheit in Schwung kommt.

© JaJa Verlag

Die Comic-Zeichnerin Bea Davies

Wie der Sohn immer mehr Kontrolle über seinen Körper gewinnt

Ihrem Sohn Samuel hat Davies wegen dessen beeindruckender Erforschungen körperlicher Kontrollgewinnung bald den Spitznamen Samurai gegeben. Seit der Geburt hat sie ihn acht Jahre lang zeichnerisch begleitet - vom Ankommen in der Welt bis zur immer aktiveren Erkundung der immer größer werden Umgebung."Meinen Blick als Kind habe ich verloren - das ist mir immer deutlicher geworden. Wobei ich dachte, den werde ich nie verlieren. Deswegen ist es jetzt so wertvoll, dass ich ein Kind habe, das mich immer daran erinnert, was es heißt, auf dieser Welt neu zu sein. Das merke ich etwa beim Spielen mit kleinen Figuren - er macht das und er ist jede dieser Figuren." Das sind zeichnerisch die faszinierendsten Episoden, wenn sich Samuel etwa in ein Küken verwandelt und verlangt, dass die Mama zum Huhn wird. Schwuppdiwupp möchte er lieber eine Babyschnecke sein. Schließlich wird er zu einer Kükenschneckenschildkröte.

Sie komme in diesem Spiel komplett durcheinander, sagt sie. Mal sei man ein Delfin, ein paar Minuten später ein Küken. Anfangs postete Bea Davies solche Episoden auf ihrer Website samuraivisualjournal - zeitweise hatte sie täglich mehrere Tausend Besucher aus aller Welt. Deswegen entschied sie sich, die Texte und Dialoge auf Englisch zu verfassen. So jetzt auch für das beim Berliner Jaja Verlag erschienene Buch "A Child's Journey". "Um ehrlich zu sein: ich weiß nicht, wie es jetzt mit dem Verkauf klappt - ohne Leipziger Buchmesse und die vielen Comicfestivals. Aber nun gibt es immerhin schon Bestellungen aus Neuseeland, Australien oder den Niederlanden."

Viele lustig Alltagsszenen

"A Child’s Journey" besteht aus vielen lustigen Alltagsszenen, die stilistisch ganz unterschiedlich gestaltet sind, mal als flüchtige Bleistiftskizzen, mal sehr malerisch mit Tusche. Aus der Sicht des Kindes werden auch schwerere Themen wie Tod und Vergänglichkeit angesprochen. "Als meine Großmutter gestorben ist, als er gesehen hat, wie ich geheult habe, hat er mein Gesicht in die Hände genommen und gesagt: Mama, mach' Dir keine Sorgen, die Archäologen werden sie finden, wenn sie ein Fossil ist."

Diese Leichtigkeit von Welterklärungen hat die Zeichnerin genauso beseelt wie jetzt den Leser - Bea Davies meint, der Blick auf das Leben sei durch ihren Sohn wieder reiner geworden. Ja, die kindliche Phantasie erscheint frei und grenzenlos. In Zeiten wie diesen ist das vielleicht noch tröstlicher als sowieso schon.

"A Child’s Journey. Drawn by Mama" von Bea Davies ist beim Jaja Verlag erschienen.

© JaJa Verlag

Aus dem Cover von "A Child's Journey"

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