BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

80 Prozent weniger Anzeigen: Zeitungsjournalisten in Kurzarbeit | BR24

© BR Bild

Tageszeitungen in der Krise

Per Mail sharen
Teilen

    80 Prozent weniger Anzeigen: Zeitungsjournalisten in Kurzarbeit

    In der Würzburger "Main-Post" kündigte Chefredakteur Michael Reinhard ab 1. Mai für die Redaktion Kurzarbeit an. Begründung: Stornierte Anzeigen und das "brach liegende" öffentliche Leben. Auch andere Blätter haben dramatische Einnahme-Ausfälle.

    Per Mail sharen
    Teilen

    Das Kulturgut Tageszeitung ist erheblich gefährdet, trotz immer neuer Rekordzahlen bei den Abrufen von Online-Artikeln. Im Netz lässt sich für die meisten Medien immer noch wenig verdienen, weshalb der massive Rückgang der gedruckten Anzeigen für viele Verlage verhängnisvoll ist. Besonders kostenlos verteilte Anzeigenblätter haben es zunehmend schwer und werden derzeit in vielen Regionen eingestellt. Der Chefredakteur der Würzburger "Main-Post", Michael Reinhard, wandte sich gestern in großer Offenheit direkt an die Leser. Unter der Überschrift "Nie war es wichtiger, die Menschen seriös zu informieren" kündigte Reinhard ab 1. Mai Kurzarbeit für die Redaktion an. Geschäftsleiter David Brandstätter, im Nebenberuf Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Presseagentur (dpa), will dieses Arbeitsmarkt-Instrument nach eigenen Worten "so umfassend wie nötig" zu nutzen, um betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden.

    "Es ist Arbeit weggefallen"

    Wie fast alle Zeitungen beklagt die "Main-Post" einen "massiven Einbruch bei den Vermarktungs-Erlösen". Die Anzeigen sollen um über achtzig Prozent eingebrochen sein. Der Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter, so die "Main-Post", berichtete sogar von einer Stornoquote in Höhe von neunzig Prozent. Die prekäre finanzielle Lage ist demnach aber nicht der einzige Grund für die bevorstehende Kurzarbeit. "Auch bei uns ist Arbeit weggefallen", schreibt Reinhard. "Sie erleben es ja selbst jeden Tag: Es finden keine öffentlichen Veranstaltungen mehr statt. Das Kulturleben liegt genauso brach wie das Sportgeschehen. Wir haben die vergangenen Tage bereits intensiv genutzt, um uns intern bestmöglich auf diese Situation vorzubereiten. Ich kann Ihnen versprechen, dass wir weiterhin ausreichend Journalistinnen und Journalisten an Bord haben werden, um Sie mit allen Nachrichten zu versorgen, die für Sie wichtig sind."

    © BR Bild

    Lektüre von Zeitungen: Wichtiger denn je

    Handel in schwieriger Lage

    Nach Recherchen der Evangelischen Nachrichtenagentur epd planen weitere, teils große Zeitungshäuser Kurzarbeit. Die Branchen-Gewerkschaft Verdi nennt als einen Grund für die massiven Anzeigen-Verluste die "schwierige Situation des Handels". Einzelne Ketten hatten bereits angekündigt, bis auf Weiteres Sonderangebote zu streichen, um keine zusätzlichen Anreize zu schaffen, in den Supermärkten einkaufen zu gehen. Das bedeutet für die Zeitungen weniger Beilagen, weniger großformatige Annoncen. Aber auch die Stornierung von Druckaufträgen trägt zur angespannten Situation der Verlage bei. Bei Bertelsmann sind bisher vor allem Mitarbeiter der Tochter Arvato von Kurzarbeit betroffen, weil die Auslieferung von Büchern an den Handel weitgehend zum Erliegen gekommen ist.

    Der Deutsche Journalistenverband (DJV) befürchtet, dass bis zu zwanzig Redaktionen bereits in Kurzarbeit sind bzw. demnächst verkürzt arbeiten werden. Aus zwei Bundesländern lägen schon Informationen über Kurzarbeit für Journalisten vor. Die von der Bundesregierung angebotenen Soforthilfen für freie Journalisten in Höhe von neun bis 15 000 Euro für die Dauer von drei Monaten hält der DJV für unzureichend.

    Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!

    Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!