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80 Jahre Zweiter Weltkrieg: Wie erinnert man sich richtig? | BR24

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Am 1. September 2019 jährt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. Medien, Politik und Kirchen erinnern in jedem Jahr neu an diesen geschichtsträchtigen Tag. Aber wie erinnert man sich richtig? Mit mahnenden, starken Predigtworten?

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80 Jahre Zweiter Weltkrieg: Wie erinnert man sich richtig?

Vor 80 Jahren begann der Zweite Weltkrieg. Nach Kriegsende erkannten viele, dass auch sie eine Schuld hatten. Durch Wachhalten der Erinnerung möchte man heute dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert. Doch wie erinnert man sich "richtig"?

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Tiefe Wunden hat der Zweite Weltkrieg geschlagen und hinterlassen. Wunden, die noch Jahrzehnte nach Kriegsende schmerzen. Man solle doch nicht immer wieder mit dem Finger in diesen Wunden rühren, wünschen sich viele. Man solle doch nicht so sehr nach hinten, in die dunklen Kapitel der deutschen Geschichte blicken – sondern kraftvoll nach vorne!

Welche Art der Erinnerung stiftet Frieden?

Es gibt verschiedene Arten von Erinnerung. Die eine erstarrt im Blick auf die millionenfachen Grausamkeiten, die im Zweiten Weltkrieg geschehen sind. Kriegsverbrechen, Morde, Vergewaltigungen, Vertreibungen, Bombenhagel: Wer sich dem menschengemachten Leid aussetzt, das der Zweite Weltkrieg verursacht hat, mutet sich viel zu. Der Blick zurück kann lähmen. Wie aber sollte man sich an den Zweiten Weltkrieg erinnern? Welche Art der Erinnerung bindet keine Kräfte, sondern setzt Energien frei, Frieden zu stiften?

In Dresden beschäftigt sich der Historiker Justus H. Ulbricht mit Erinnerungskultur. Er hat sich in einem Streit zu Wort gemeldet, der in der kriegsgebeutelten Stadt entstanden ist. Einige Menschen forderten ein neues Museum – eines, das den Bombenhagel darstellt, in dem Dresden im Jahr 1944 zerstört worden ist. Ulbricht ist der Meinung, dass es keinen musealen Ort braucht, um Kriegserinnerung für den Frieden der Zukunft zu nutzen.

Dezentrales statt museales Erinnern

Ulbricht setzt sich für ein dezentrales Erinnern ein, wie es seit ungefähr zehn Jahren in Dresden praktiziert wird. Erinnerung wachzuhalten und zu aktualisieren, sagt er, "das kann man viel besser tun in Diskursen, in Gesprächen, in kulturellen Veranstaltungen. Denn es kommt ja auf uns alle in Dresden zu, dass die Erlebnisgeneration in den nächsten Jahren komplett weg sein wird. Das ist ja überall in Europa der Fall. Und dann ist die Frage des Weitererzählens solcher Geschichten viel wichtiger, als die Musealisierung oder Petrifizierung über Denkmäler vergangener Geschichten, die seit 80 Jahren nicht mehr stattfinden."

Der Historiker hat sich auch mit der Rolle der Kirchen in Krieg und Frieden beschäftigt. Er kritisiert, dass die wichtigsten kirchlichen Repräsentanten viel zu wenig darauf hinweisen, dass die deutschen Waffenexporte "ein dauernder moralischer Skandal" sind. Der Einsatz der Kirchen für den Frieden ist Ulbricht zu leise, zu wenig scharf: "Dass wir als Bundesrepublik da so mitspielen als dritter oder viertgrößter Waffenexporteur im Kleinwaffen-Bereich, das ist eigentlich ein Skandal und das könnte man lauter anmerken."

Kirche uneins über richtigen Weg zum Frieden

Im November tagt in Dresden die Synode, das Kirchenparlament der Evangelischen Kirche in Deutschland. "Auf dem Weg zu einer Kirche der Gerechtigkeit und des Friedens": So lautet ihr Motto. Es wird spannende und kontroverse Diskussionen geben. Denn auch in den evangelischen Kirchen ist nicht so klar, worin denn nun die Lehre aus dem Zweiten Weltkrieg für die Protestanten besteht.

Dass es nach Gottes Willen keinen Krieg mehr geben soll, darin sind sich alle einig. Aber welcher Weg zum Frieden führt – darüber herrschen unterschiedliche Ansichten: Da gibt es die Pazifisten in den Kirchen. Sie lehnen jede Art von Gewalt ab. Frieden schaffen könne man nur ohne Waffen, lautet ihr Credo. Sie fordern Abrüstung und die Einstellung aller Waffenexporte, ja sogar der gesamten Waffenproduktion.

Pazifisten gegen Verfechter einer staatstragenden Friedensethik

Und dann gibt es die Verfechter einer staatstragenden Friedensethik. Frieden müsse notwendig gesichert werden, meinen sie. Dazu seien wohl oder übel Waffen nötig. Und auch Soldaten. Insofern diene die Bundeswehr dem Frieden. Natürlich dürfe sie keinen Angriffskrieg führen, sondern nur im Verteidigungskrieg aktiv werden. In anderen Ländern: Mali, im Nahen Osten, in Afghanistan – sei es ethisch vertretbar, mit Waffen oder anderem Gerät den Frieden zu sichern. Immerhin wurde ja auch der Zweite Weltkrieg mit Waffengewalt beendet – als die Alliierten Deutschland zur Kapitulation zwangen.

In den Kirchen spiegelt sich eine Aufteilung, wie sie aus Parteien bekannt ist: "Fundis" und "Realos" leben nebeneinander und versuchen, ihre Sicht der Dinge durchzusetzen. Bestenfalls ergibt das konstruktive Gespräche. Schlimmstenfalls endet es in Verhärtungen und Streit.

Darf Kirche sich in Militärseelsorge engagieren?

Hartwig von Schubert, Dekan der Evangelischen Militärseelsorge, versucht zu vermitteln. Die Militärseelsorge ist eine durchaus umstrittene Institution. Kirchen betreuen mit großem Aufwand Soldaten. Viel Geld kostet das nicht, die Gehälter werden vom Bund übernommen. Viele Landeskirchen erinnert das aber sehr an die Wehrmachtsseelsorge während des Zweiten Weltkriegs. Kirche habe nicht die Aufgabe, Soldaten ein gutes Gewissen zu verschaffen, argumentieren sie. Doch eine Mehrheit in der Evangelischen Kirche ist für die Beibehaltung der Militärseelsorge.

Friedenstauben im Military-Tarn-Look

Erinnerung an den Krieg – das bedeutet für den Militärdekan, sich pragmatisch der Wirklichkeit zu stellen. Mit großer Leidenschaft plädiert er für eine "realistische Friedensethik". Es gebe auch eine "unrealistische Friedensethik", die einem Fehlschluss unterliege, so von Schubert: "Weil Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll, geht sie davon aus, dass es auch keinen Krieg gibt. Und was machen wir aber, wenn ein Konflikt die Schwelle zum bewaffneten Konflikt übersteigt und wenn das wirklich passiert? Lassen wir dann dem Geschehen freien Lauf und haben keine Antworten mehr oder wollen wir auch dann noch bereit und in der Lage sein, uns einer solchen Eskalation entgegenzustellen. Und welche Mittel sind dazu geeignet?"

Dazu gehört für den Militärseelsorger eben das Militär, das zuallererst eine abschreckende Wirkung haben solle, aber eben auch im Notfall eingesetzt werden könne. Das Cover seines Buches, in dem er seine Meinung aufgeschrieben hat, dürfte den Pazifisten gehörig missfallen: Friedenstauben im Military-Tarn-Look.

Kirchen: Orte der Erinnerung

Kathrin Oxen ist an anderer Stelle in der Kirche tätig. Sie ist Pfarrerin an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Die im Krieg zerstörte Kirche steht nur noch als mahnende Ruine da – in ihrem Schatten der weltberühmte Kirchenneubau. In blaues Licht gehüllt, erinnert hier Einiges an den Zweiten Weltkrieg. In einer Vitrine ist das Bild der "Stalingrad-Madonna" zu sehen: Eine Frau hält ein Kind beschützend in den Armen. Ein deutscher Militärarzt hat das Bild gemalt, 1942 im sogenannten "Kessel von Stalingrad", wo Zigtausende deutsche Soldaten von russischen Truppen eingekesselt waren, Kälte und Hunger ertragen mussten.

Weihnachten hat die gezeichnete Madonna ihnen Trost gespendet, bevor sie an Bord eines Flugzeuges zurück nach Deutschland gelangte. Viele ältere Menschen, die den Krieg erlebt haben, finden nun vor ihr Ruhe zur Erinnerung. An ihr eigenes Ergehen während des Krieges oder an das Schicksal ihrer im Krieg "gefallenen" Ehemänner oder Väter.

Erinnerung: Ohne Belehrung sich mit dem Schicksal aussöhnen

Für Pfarrerin Oxen haben solche Erinnerungs-Orte eine wichtige Funktion. Ohne zu belehren, laden sie Menschen ein, sich mit dem Schrecken zu beschäftigen – und sich mit dem Schicksal auszusöhnen. Kirche stellt solche Orte zur Verfügung. Damit leiste sie der Erinnerungskultur einen wichtigen Dienst, so Oxen.