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So retteten die Kindertransporte jüdische Kinder vor den Nazis | BR24

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Wenige Tage nach der Reichspogromnacht erklärte sich England bereit, jüdische Flüchtlingskinder aus Deutschland aufzunehmen. Nach Vorbereitungen verschiedenster Organisationen konnte am 1. Dezember 1938 der erste Kindertransport nach London starten.

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So retteten die Kindertransporte jüdische Kinder vor den Nazis

Ein Zug in Richtung Sicherheit: Vor 80 Jahren brachten die Kindertransporte tausende jüdische Kinder nach Großbritannien. Dort waren sie vor der Verfolgung durch das NS-Regime geschützt. Doch ihre Eltern sahen viele der Kinder nie wieder.

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Obwohl es mittlerweile lange her ist, erinnert sich Bea Green noch gut an eine Nacht vor 80 Jahren: Um Mitternacht brachten ihre Eltern sie zum Münchner Hauptbahnhof. 14 Jahre war sie alt, als sie zusammen mit zwölf anderen Kindern ihre Reise antrat.

Der Zug fuhr nach Frankfurt, von dort aus weiter nach Großbritannien. Der Kindertransport rettete das Mädchen 1939 vor dem nationalsozialistischen Terror.

Britische Hilfsbereitschaft nach den Novemberpogromen

Als bei den Novemberpogromen jüdische Geschäfte und Synagogen brannten und jüdische Bürger misshandelt, verhaftet oder getötet wurden, war die Hilfsbereitschaft in Großbritannien enorm.

Jüdische Organisationen und die Religionsgemeinschaft der Quäker taten sich zusammen, um jüdische Kinder aus Hitler-Deutschland zu retten, sagt die Augsburger Historikerin Marita Krauss: "Die Quäker waren die Hilfsorganisation, die hochinternational vernetzt war und sehr gute Beziehungen in alle möglichen Konsulate hatte. Sie haben sehr früh gemerkt, dass man diese Leute bei der Flucht aus Deutschland unterstützen müsse."

Die britische Regierung reagierte schnell und erlaubte die Einreise für jüdische Kinder. Die jüdischen Gemeinden garantierten 50 Pfund pro Kind, ein Vermögen für die damalige Zeit.

In Sicherheit und doch Opfer des NS-Regimes

Mitnehmen durften die Kinder von Zuhause fast nichts: einen Koffer, eine Tasche und zehn Reichsmark. Die Kinder kamen zu Pflegeeltern und in Heimen unter. Sie lebten in Sicherheit, und waren doch Opfer der NS-Diktatur. Das hat die Bundesregierung im Dezember offiziell anerkannt und sich mit der Jewish Claims Conference auf eine Entschädigungszahlung verständigt.

Die Rettung vor der Verfolgung durch die Nazis ging an vielen Kindern nicht spurlos vorüber. Allein, ohne die Eltern, kämpften viele Kinder mit dem Gefühl des Verstoßen- und Alleingelassenseins. Einige verstanden nicht, warum sie weg mussten, sagt die Augsburger Historikerin Marita Krauss. "Viele dieser Kinder hatten ein Leben lang mit diesen Traumata zu kämpfen. Dieses Gefühl herumgeschoben zu werden ist etwas, das in diesen Kindern, je kleiner sie waren, tiefe Spuren hinterlassen hat."

Ihre Eltern sahen die Kinder oft nie wieder

Oft sind die Kinder, die mit den Kindertransporten nach Großbritannien gebracht wurden, die einzigen Holocaust-Überlebenden ihrer Familien. Nicht selten sahen diese Kinder ihre Eltern nie wieder.

Bea Green und ihre Familie hatten Glück: Ihre Eltern haben den Holocaust überlebt. Im September 1940 konnten Vater und Mutter über Sibirien nach Peru fliehen. Nach der NS-Zeit – im Erwachsenenalter – hat Bea Green ihre Eltern wiedergetroffen.