Nackt in den Tropen: Outdoor-YouTuber Fritz Meinecke in der Survival-Serie 7 vs. Wild
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Nackt in den Tropen: Outdoor-YouTuber Fritz Meinecke in der Survival-Serie 7 vs. Wild

    "7 vs. Wild": Was steckt hinter dem Serien-Hype?

    Krokodile, Krabben, Kokosnüsse: Gegen "7 vs. Wild" kann die Fußballweltmeisterschaft einpacken. Das YouTube-Reality-Format ist das Medienereignis dieses Winters. Was macht die Serie rund um den Outdoor-YouTuber Fritz Meinecke so erfolgreich?

    "Es ist so krass!" Joris hat ein Krokodil gesehen, aufgekratzt tigert er am Strand entlang. "Ich bin gerade ein bisschen auf 180", erklärt er der Kamera, "ich sag’s euch ganz ehrlich, Leute!" Das Bild wackelt. Und Joris wirkt in dem Moment noch jünger als sonst – wie er seine Augen aufreißt und sich immer wieder ungläubig auf seinen Dschungelhut patscht. Wer will es ihm verdenken. Wie gesagt: Joris hat gerade ein Krokodil gesehen.

    Später dreht er die Kamera, filmt aufs offene Meer hinaus. "Man sieht die Augen und die Schnauze", verkündet er aufgeregt und zeigt mit dem Finger aufs Wasser. Tatsächlich sieht man dort: überhaupt nichts. Joris' GoPro ist nicht für Fernaufnahmen gemacht. Aber egal, man glaubt ihm trotzdem. Die Unschärfe der Bilder verhält sich direkt proportional zu ihrer "Realness". Joris Emotionen füllen den blinden Fleck im Wasser. "Das ist so verrückt", murmelt er.

    Allein auf einsamer Insel

    Diese Szene ist exemplarisch. Exemplarisch für ein Format, das derzeit durch die Decke geht wie kein zweites: "7 vs. Wild". Eine Reality-Show rund um den erfolgreichsten deutschen Outdoor-Youtuber Fritz Meinecke. Meinecke ist nicht nur einer der Teilnehmer, er hat sich das Format auch ausgedacht und veröffentlicht die Folgen auf seinem Kanal.

    Das Prinzip: Sieben Menschen werden auf einer unbewohnten Insel in den Tropen ausgesetzt. Einzeln müssen sie sich dort sieben Tage lang durchschlagen, ausgestattet mit einem Minimum an Equipment. Ohne Kamerateam, und ohne Regie. Manche haben nur eine Machete dabei. Dazu kommt noch eine GoPro, also eine Handkamera, mit der sich die Teilnehmenden selbst filmen. Erst nach ihrer Rückkehr wird das Material zusammengeschnitten. Wer durchgehalten und dazu noch die meisten Punkte bei sogenannten "Challenges" (z.B. Bogen bauen) gesammelt hat, der gewinnt.

    Männerfernsehen?

    Sieben von insgesamt 16 Folgen sind mittlerweile erschienen. Und das mit gigantischem Erfolg. Binnen weniger Tage erreichen die einzelnen Folgen in der Regel mehrere Millionen Klicks. Mit momentan elf Millionen Aufrufen ist die zweite Folge schon jetzt das erfolgreichste deutschsprachige YouTube-Video dieses Jahres. Nimmt man alles zusammen, wurde die Serie schon jetzt über 50 Millionen mal geklickt. Rechnet man noch die diversen "Reaction"-Videos und "Rewatches" dazu, kann man wahrscheinlich locker nochmal 20 Millionen draufschlagen. Nicht die Fußball-WM in Katar – "7 vs. Wild" ist das Medienereignis dieses Winters. Und zwar eines, das sich vor allem an junge Männer richtet.

    Das vermutet zumindest Frank Schwab, Professor für Medienpsychologie in Würzburg. Und nicht nur, weil er selbst zwei kleine Männer (7 und 11) zuhause hat, die die Serie schauen. Vor allem das "Einzelkämpferische" der Show, das Ringen zwischen Mensch und Natur sei ein eher männlich konnotierter Topos. Dem kann man kaum widersprechen. Auch Ausrüstung ist ein zentrales Thema der Serie. Nichts ist wichtiger, als das richtige Messer, die richtige Machete. Darüber geht nur das Mindset, die richtige Einstellung. Teilnehmer Otto, Spitzname "Bulletproof", Ex-Fallschirmjäger und Soldat mit Einzelkämpferausbildung (wie die Serie nicht müde wird zu betonen) schleppt sich sogar mit Rückenproblemen in den Dschungel. Eine Woche hält man ja immer durch, sagt er. Na klar.

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    Teilnehmerin Nova hat sich eine Kokosnuss geangelt

    Die PR-Füchse der Bundeswehr, die seit Jahren versuchen, den Dienst an der Waffe zum Abenteuer zu verklären, dürften neidisch auf "7 vs. Wild" blicken. Abenteurer-Lifestyle in Camouflage-Optik hat die Serie jedenfalls reichlich zu bieten. Es gehört jedoch zur Wahrheit dazu, dass – anders als noch bei der ersten Staffel – an der zweiten Staffel auch Frauen teilnehmen. Und würde sich die Serie nur an junge Männer richten, hätte sie kaum ein derartiges mediales Lagerfeuer (naja, eher Flächenbrand) entfacht. Meinecke erreicht mit seinem Format weitaus mehr als nur die deutsche Survival- und Outdoorszene. Man sieht es in den Kommentaren unter den Videos genauso wie in den hohen Abrufzahlen. Das Internet ist "hyped", wie man so sagt. "7 vs. Wild" umgibt der Nimbus des Sowas-gab‘s-noch-nie.

    Von wegen Dschungelcamp!

    Das klingt erstmal überraschend, schließlich ist Reality-TV im Dschungel keine ganz neue Nummer. Formate wie "Wild Island" oder – noch bekannter – das "Dschungelcamp" haben den Urwald schon viel früher für sich entdeckt. Gerade davon setze sich "7 vs. Wild" jedoch ab, meint Frank Schwab. Von einem "Gegenentwurf" spricht er sogar. "Das Drama ist hier, dass die Teilnehmer alleine sind. Und dort ist das Drama, dass sie nicht alleine sind." Normalerweise lebt das Reality-TV vom zwischenmenschlichen Zwist, vom Clinch zwischen den Teilnehmenden, getreu dem Sartre’schen Diktum "Die Hölle, das sind die anderen".

    Anders hier: "7 vs. Wild" führt eher vor, dass Hölle vor allem ohne die anderen ist. Schließlich müssen sich die Teilnehmenden auf der Insel komplett alleine durchschlagen. Schwab spricht auch von einer "Inszenierung des Verstoßenseins", die ganz elementare Ängste auslöse. Gerade vor diesem Hintergrund sei es interessant, dass die Serie so viel "para-soziale" Anschluss-Interaktion provoziere. Vor allem sogenannte "Rewatches", bei denen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Show zusammen mit ihrer Community (dem "Chat") die Folgen im Live-Stream gucken. Public Viewing im digitalen Raum. Community-Building als Reaktion auf die einsame Cruseonade. Alleinsein schweißt offenbar zusammen.

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    Häufiger als Kokusnüsse sind in der Serie nur nackte Männerbrüste zu sehen: Teilnehmer Otto mit seinem "Fang"

    "Total interessant" findet das auch Daniel Hornuff, Professor an der Kunsthochschule in Kassel. "Was man früher um 20:15 Uhr am Samstag hatte, bei Wetten dass oder sonst einer Sendung, das wird jetzt eigentlich wieder zelebriert auf YouTube. Die Hoffnung scheint mir dieselbe zu sein: Über ein Medium zueinander zu finden und ähnliche Erlebnisse zu machen." Den Kulturwissenschaftler interessiert vor allem die Ästhetik der Serie. Diese sei nämlich "gar nicht so leicht zu fassen", wie er sagt. Und genau das trägt wohl auch zu ihrem Erfolg bei. "7 vs. Wild" arbeite mit Versatzstücken ganz unterschiedlicher popkultureller Genres und werde so erst anschlussfähig, meint Hornuff – nicht nur für verschiedene Communities, auch für diverse mediale Weiterverarbeitungen.

    Einzigartige Ästhetik: Zwischen Ego-Shooter und Laberpodcast

    Stellenweise erinnert das, was man sieht, etwa an ein Computerspiel. Die Teilnehmenden werden wie Avatare präsentiert, wie Spielfiguren auf der Insel verortet, und wenn sie mit Kopfkamera durch den Dschungel stolpern, bekommt man schnell das Gefühl, man befände sich in einem Ego-Shooter. Dagegen zitieren Vor- und Abspann eher klassische Erzählformate. Der Anfang könnte auch der Trailer eines Actionfilms sein. Und die Spielfilmlänge der einzelnen Folgen löst diese Erwartung auch ein.

    Nicht aber, wie sie erzählt sind: Auf den hollywoodesken Beginn folgt der Wechsel ins Found Footage-Format. Handkameraästhetik und verwackelte, unscharfe Bilder. Und auch auf der dramaturgischen Ebene ist eher Durchwursteln angesagt. Krokodil-Sichtungen wie jene von Joris sind die große Ausnahme. Unterschlupf bauen, Kokosnuss öffnen, und dabei fröhlich in die Kamera monologisieren – auf der Insel dominiert die Monotonie. Das fühlt sich manchmal so an, wie ein Survivalserie gewordener Laberpodcast. Von wegen Abenteuer! Erleben wir hier die Dekonstruktion der Dschungelhelden?

    Knossi und co: Die Teilnehmenden sind Medienprofis

    Der Kulturwissenschaftler ist anderer Meinung: "Das Hingehaltensein an die Dauer, an die pure Langeweile führt dazu, dass der Heldenstatus der Teilnehmenden gestärkt wird. Und wir selbst leiden ja mit, wir sind ja auch hingehalten an das Immergleiche. Denn das muss man ja auch mal sagen", so Hornuff, "es passiert in der Serie letztlich nicht wirklich etwas Neues." "7 vs. Wild" präsentiert uns also nicht nur Überlebenskünstler, sondern auch: Helden des Aushaltens, des Zeittotschlagens. Mehr noch: In der Länge der Folgen wird dieses Aushalten sogar (mit-)fühlbar, lässt die Zuschauerinnen und Zuschauer also mindestens zu Sofahelden des Aushaltens werden.

    Wobei erleichternd dazu kommt, dass es Profis sind, die dort auf der Insel die Zeit totschlagen. Unterhaltungsprofis. Sämtliche der Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben einen eigenen YouTube-Kanal, sind es also gewohnt, in eine Kamera zu sprechen, geübt darin, alleine "Content" zu produzieren, auch wenn nicht viel passiert. Für Hornuff eine ganz entscheidende Voraussetzung für das Gelingen des Projekts, denn "wenn die Akteurinnen und Akteure nicht wüssten, wie sie ihr Medium bespielen, dann könnten sie sich auch in der Situation selbst nicht so verhalten, dass es interessant wäre."

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    Fast am Ende: Teilnehmer Knossi unmittelbar nach seiner "Aussetzung"

    Überleben als Vlog

    Überleben – aber als Vlog. "Hey, Leute" hört man da genauso oft, wie das Versprechen, dass man uns "mal mitnehmen" wolle. Wer weiß, vielleicht hilft das auch dabei, der Einsamkeit zu trotzen. Denn wenn die Sieben ja eines beherrschen, dann sich ein Publikum zu imaginieren, das nicht anwesend ist: Sogar alleine nie allein.

    Allen voran: Knossi, selbsternannter König des Internets, der hauptberuflich stundelange Livestreams auf Twitch mit seinem sprachlichem Geblubber füllt. Nun tut er es eben an seinem "Beach". Und zwar mit der emotionalen Eskalationsbereitschaft, die man von ihm gewohnt ist. Und einem nicht unkomischen Hang zu grimmigem Pathos: "Du musst hart sein, wenn der Dschungel weint", bellt Knossi unter seinem Regencape während sich der Himmel über ihm ausgießt.

    "Realness": Keine Serie hat mehr davon

    "7 vs. Wild" lässt uns also keinen Moment vergessen, dass das, was wir hier gerade sehen eine Inszenierung ist. Erstaunlicherweise führt das aber in keiner Weise dazu, dass die Serie ihre "Realness" verliert. Ein bisschen paradox, denn die Macher betonen immer wieder, dass "7 vs. Wild" im Unterschied zu klassischen Reality-Formaten eben nicht inszeniert sei. Kein Kamerateam, kein Regisseur, der Anweisungen gibt. Alles authentisch! – Das ist das große Versprechen, mit dem die Serie an den Start geht.

    Für Daniel Hornuff ein Anhaltspunkt dafür, dass die "Authentizitätsgestaltung hier komplexer" verlaufe. Das macht er auch an der begleitenden Making-off-Serie fest, deren Folgen im selben Rhythmus erscheinen wie die Folgen der Hauptserie. Nicht nur die Telnehmerinnen und Teilnehmer, auch das Format macht sich nackig. Man bekommt einen ständigen Einblick in den Produktionsprozess. Die andauernde Versicherung, dass das alles "kein Fake" ist. "Die Glaubwürdigkeit der Sendung steigt, indem sie ihre eigenen Bedingungen offenlegt", kommentiert Hornuff. "Gemacht!" und "Echt!" schließen sich offenbar nicht aus, wenn die Karten offen auf dem Tisch liegen. Im Gegenteil: Mehr "Realness" geht nicht. Und YouTube-Deutschland dankt.

    Inszenierung von Männlichkeit: Es gibt manches, an dem man sich stoßen kann

    Es gibt manches, an dem man sich stoßen kann bei "7 vs. Wild". Man hätte zum Beispiel einen eigenen Artikel, über die Inszenierung von Männlichkeit auf der Insel schreiben können. Das ändert allerdings nichts daran, dass die Serie so intelligent wie kein anderes Format mit den medialen Bedingungen auf YouTube spielt. Der Nimbus des Sowas-gab’s noch-nie ist völlig verdient.

    Zwischen den Jahren werden die letzten Folgen von "7 vs. Wild" laufen. 100 Millionen Klicks dürfte die Serie dann locker erreicht haben. Und Joris wünscht man bis dahin noch die ein oder andere Krokodil-Sichtung.

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