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60 Jahre Pille: Eugen Steinach, der unbekannte Wegbereiter | BR24

© Picture alliance / dpa Themendienst

Die Anti-Baby-Pille

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    60 Jahre Pille: Eugen Steinach, der unbekannte Wegbereiter

    Vor 60 Jahren kam die Antibabypille auf den Markt. Einer ihrer Wegbereiter ist der österreichische Arzt Eugen Steinach. Er hat einen wesentlichen Baustein für die spätere Pille geschaffen. Später missbrauchten Nazis seine Forschung in Auschwitz.

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    Das Jüdische Museum in Hohenems zeichnet die Geschichte der Juden in Voralberg nach: die Blüte, die Landflucht und letztlich die Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Einer, der 1861 in Hohenems geboren ist, ist der Arzt Eugen Steinach. An ihn erinnert eine Vitrine, in der ein Flakon mit weißen Dragees steht. Progynon steht auf dem Glasfläschchen. Das Hormonpräparat hat Eugen Steinach zusammen mit der Schering AG entwickelt. Der Kurator der Ausstellung, Hannes Sulzenbacher erklärt, warum Eugen Steinach bei der Geschichte der Pille oft vergessen wird: "Dadurch, dass Eugen Steinach aus Österreich vertrieben wurde und sein Institut geschlossen und zerstört wurde, gab es einfach wenig Dinge die auf Steinach hinweisen können."

    Er kastriert Ratten und pflanzt ihnen Eierstöcke ein

    Eugen Steinach ist ein Pionier der Sexual- und Hormonforschung, der die Grundlagen für das moderne Wissen über Hormone gelegt hat. An der biologischen Versuchsanstalt der Akademie der Wissenschaften in Wien kastriert er männliche Ratten und pflanzt ihnen Eierstöcke ein. Das Ergebnis: Die Ratten verweiblichen sich. Der Medizinhistoriker Heiko Stoff sagt, die Rolle Eugen Steinachs in der Sexualforschung sei nicht zu unterschätzen: "Er war sehr wichtig, für die gesamte Sexualhormonforschung, weil er Experimente durchgeführt hat mit Meerschweinchen und Ratten, die gezeigt haben, wie wirksam unsichtbare Substanzen sind, die in den Keimdrüsen von Lebewesen verortet sind. Das hat so systematisch vorher noch niemand gemacht. Da ist noch nicht die Rede von der Pille. Sondern nur, dass es da unsichtbare Substanzen gibt, die wir als männlich oder weiblich ansehen."

    Eugen Steinach: Sexualität und Fortpflanzung sind nicht das Gleiche

    In den 1920er-Jahren verändern sich Geschlechter- und Rollenbilder. Es ist eine Zeit, in der über Sexualität neu nachgedacht wird. In der sich der Wertekosmos verschiebt und das traditionelle Welt- und Familienbild in Frage steht. Mit seiner Forschung leistet Eugen Steinach einen wichtigen Beitrag zur Neubestimmung des Verhältnisses von Sexualität und Fortpflanzung, sagt Heiko Stoff: "Er konnte zeigen, dass die Hormone nicht mit der Fortpflanzung zusammenhängen. Hormone markieren die Geschlechtsausprägung oder Ausbildung von Geschlechtsausprägung. Sexualität muss nichts mit Fortpflanzung zu tun haben: Sexualität ist Geschlechtsausbildung, Fortpflanzung ein anderes Thema."

    Die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung ist für ihn aber auch wichtig, um gesellschaftlich über so etwas wie die Einführung der Pille, eines Verhütungsmittels nachzudenken. Das muss ja auch gesellschaftlich, ethisch vorbereitet werden. Heiko Stoff, Medizinhistoriker

    Eugen Steinach versucht, das Altern aufzuhalten

    Steinach geht aber noch weiter: In seiner Versuchsanstalt will er die Grenzen von Alter und Verfall aushebeln. Ein Hormoneingriff soll den Prozess des Alterns aufhalten. Der Traum der ewigen Jugend bringt viele Männer der damaligen Zeit dazu, sich bei der von Steinach entwickelten Therapie die Samenleiter durchtrennen zu lassen. Die Formulierung "sich steinachen lassen" wird zum geflügelten Wort, das auch Alfred Döblin in seinem Roman "Berlin Alexanderplatz" aufgreift. Einer der prominentesten Patienten dieser Therapie: der Psychoanalytiker Sigmund Freud. Dass der Eingriff Erfolg hatte, kann man allerdings nicht behaupten, sagt der Medizinhistoriker Florian Mildenberger: "Ohne dass Steinach es wollte, hat er nachgewiesen, wie Placebo wirkt. Denn dieser Eingriff hat keine verjüngende Wirkung aber die Leute fühlten sich verjüngt."

    Mit Hodenverpflanzung will er Homosexualität therapieren

    Eugen Steinach arbeitet in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit Magnus Hirschfeld zusammen, dem Vorkämpfer und Ahnherren der Homosexuellen-Bewegung. Steinach vertritt die umstrittene Theorie, Homosexualität mit einer Hodenverpflanzung heilen zu können. Homosexualität steht in dieser Zeit unter Strafe. Steinach nutzte die psychische Notsituation der homosexuellen Männer für seine Forschung aus, sagt Florian Mildenberger. Erst in der NS-Zeit distanziert er sich von dieser Lehre.

    Steinach und Hirschfeld hatten die Idee, wenn man Homosexuellen, die an ihrer Sexualität litten, die Hoden von heterosexuellen Männern transplantiert, dann würden die Männer heterosexuell empfinden. Das sollte einerseits beweisen, dass Homosexualität angeboren war, was Hirschfeld wollte, und andererseits beweisen, was Steinach wollte, dass man über die Hormone den Gesamthaushalt steuern könnte. Florian Mildenberger, Medizinhistoriker

    Die Nazis missbrauchen die Forschung Eugen Steinachs

    Mehrfach wird Eugen Steinach für den Nobelpreis vorgeschlagen. Erhalten hat er ihn nie. Der jüdische Mediziner bleibt eine tragische Figur, dessen Forschungsergebnisse die Nationalsozialisten für menschenverachtende Versuche in den Konzentrationslagern missbrauchten. Der dänische Arzt Carl Vaernet experimentierte auf der Basis von Steinachs Forschung im KZ Buchenwald an homosexuellen Häftlingen. In Auschwitz missbrauchte der Gynäkologe Carl Clauberg tausende weibliche Opfer für Versuche zur chemischen Sterilisation. Er verwendete Progynon, das Hormonpräparat, das Eugen Steinach entwickelt hat, sagt Florian Mildenberger: "Durch Progynon legte er den Grundstein für die hormonelle Sterilisierung auf Zeit. Steinach wäre niemals auf die Idee gekommen Frauen zwangsweise zu behandeln. Das machten die Nazis, die auf der Grundlage seiner Forschung weiter forschten. Es ist Carl Clauberg, der grauenvolle Gynäkologe, der im KZ Auschwitz wirkt, der mit Hilfe von Steinachs Arznei dann die Pille entwickeln will. "

    Steinach selbst erlebt das nicht mehr. Seit 1938, dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, lebt er in der Schweiz im Exil. Hier stirbt er 1944 völlig verarmt.

    © picture-alliance / Imagno

    Der Sexualforscher Eugen Steinach