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Unwissen veraltet nicht: 50 Jahre "Schulmädchen-Report" | BR24

© Audio: BR / Bild: Aushangfoto/Picture Alliance

100 Millionen Zuschauer können nicht irren: Die dreizehn Teile der Kino-"Aufklärungsfilme" waren ab 1970 international ein Kassenmagnet, obwohl selbst der Buch-Autor nicht an den Erfolg geglaubt hatte. Manche Mitwirkende wurden später seriöse Stars.

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Unwissen veraltet nicht: 50 Jahre "Schulmädchen-Report"

100 Millionen Zuschauer können nicht irren: Die dreizehn Teile der Kino-"Aufklärungsfilme" waren ab 1970 international ein Kassenmagnet, obwohl selbst der Buch-Autor nicht an den Erfolg geglaubt hatte. Manche Mitwirkende wurden später seriöse Stars.

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Wenn Sie Deutschland mal nicht finden sollten auf der Landkarte der Libido, dann suchen Sie am besten zwischen dem "Tatort" und dem "Schulmädchen-Report", da werden Sie garantiert fündig. Beide Formate begannen uns vor genau fünfzig Jahren darüber aufzuklären, was alles möglich ist. Der "Tatort" macht damit bekanntlich unverdrossen weiter, der "Schulmädchen-Report", erstmals im Kino am 23. Oktober 1970, beendete seine Bemühungen nach dreizehn Folgen. Gemessen an den zehn Jahren, in denen sich das Publikum in die Kino-Sessel drückte, hatte es dann ja zumindest die Mittlere Reife. Jedenfalls antwortete eine der offenbar nicht mehr ganz ahnungslosen Schülerinnen auf die Frage, was eigentlich Petting sei: "Ach, so eine Art, den Gegner auf die Matte zu legen, ohne ihn dabei so richtig zu erledigen, oder?"

"Ja, das kommt drauf an"

Nun ist es ja so, dass zwar Wissen veraltet, Unwissen jedoch nicht, und daher stellen sich die Fragen, die der Schulmädchen-Report 1970 zu beantworten versuchte, naturgemäß immer wieder neu. Die Welt ist seitdem zwar nicht größer geworden und die Menschen wohl auch nicht einfallsreicher, weder im Bett noch am Bett, aber die Möglichkeiten, die haben sich vervielfacht, und zwar so sehr, dass sie schätzungsweise ein Viertel des gesamten Internetverkehrs beanspruchen. Das hätte auf der Leinwand niemals Platz gehabt. Ob es sinnvoll sei, bis zur Ehe "unberührt" zu bleiben, wollte der Interviewer im Schulmädchen-Report wissen, und die junge Münchnerin, auf die er "rein" zufällig stieß, hatte da genau die richtige Erwiderung parat: "Ja, das kommt drauf an." Generell könne man das jedenfalls nicht sagen. Hätte von Karl Valentin sein können!

© BR Bild

Großes Bedürfnis nach Aufklärung

In Deutschland hatte sich 1970 offenkundig einiges angestaut, Neugier vor allem, denn die war bis dahin entweder verboten oder gesellschaftlich unmöglich. Die heutigen Großeltern mussten ihre Entdeckerfreude also noch im Dunkel des Kinos ausleben, aber immerhin unter Gleichgesinnten. Heute wird die Neugier zwar bei jeder Tageszeit und an allen Orten befriedigt, aber doch vorzugsweise allein – was Rückfragen an die Wirklichkeit leider so sehr erschwert, das es ständig zu Verwechslungen kommt zwischen dem medialen Diesseits und Jenseits. Vor 50 Jahre fiel die Orientierung da noch leichter: "Meine Freundin hat's mir vorgemacht und ich habe es nachgemacht und ich finde, es ist für den Körper sehr gut, ja."

Hat der Stadtschulrat einen Zuschuss gegeben?

Der Komponist der bis heute beliebten, "chilligen" Schulmädchen-Report-Musik, Gert Wilden, erzählte bis zu seinem Tod 2015 jahrelang in den Talk-Shows, der Münchner Stadtschulrat habe den Schulmädchen-Report mit 100 000 Mark subventioniert, später sollen es sogar 200.000 Mark gewesen sein, und das Buch habe ja immerhin ein Dozent geschrieben. Hört sich doch richtig nach Weiterbildung an: "Kein Mensch konnte wissen, dass dieser Pseudo-Aufklärungsfilm ein solcher Erfolg wird. Der erste Teil hat in einem einzigen Kino, im 'Atlantic', 1,7 Millionen Mark eingespielt. Und welcher Produzent fängt da nicht an, weiterzumachen?"

© Aushangmaterial/Picture Alliance

Endlose Serie: Jugend beim Erklären

Warum denn Gewissenskonflikte?

Nun, Gert Wilden hat zumindest vieles gut erfunden, allerdings war der mittlerweile 94-jährige Günther Hunold, der 1969 tatsächlich in München mit Schülerinnen Interviews über Sexualität führte, kein Dozent, sondern studierter Musikpädagoge und eher Journalist als Professor. Angeblich soll er mit vergleichsweise mäßigen 30 000 Mark für die Filmrechte "abgespeist" worden sein, so hat es der 2017 verstorbene Produzent Wolf C. Hartwig angeblich mal in einem Interview behauptet. Was Hartwig aber nicht sagte: Hunold schrieb unter dem Pseudonym "Günther Heller" auch die "Drehbücher" für alle Folgen und konnte sich von seinen Honoraren schon bald eine Villa in der Berchemstraße in München-Laim leisten. Doch glaubte Hunold anfangs wohl tatsächlich nicht an den Erfolg der von ihm aufgeschriebenen Geständnisse im Kino. Tatsächlich wurden es dreizehn Folgen mit sagenhaften 100 Millionen Zuschauern. Und eine Darstellerin wie Katja Bienert schaffte es gerade noch so in der allerletzten Episode, ihre berufliche Zukunft entscheidend aufzuhellen, wie sie dem BR verriet: "Ja, ich war einmal kurz oben ohne zu sehen, und da ist eigentlich die Karriere in Gang gekommen – die Leute haben aber auch gesehen, das ich spielen kann."

Die größte deutsche Nachrichtenagentur DPA hat sich übrigens den Scherz erlaubt, zum 50. Geburtstag des "Schulmädchen-Reports" bei heute prominenten, sehr seriösen Schauspielern nachzufragen, die damals dabei waren. Es fehlt ja in fast keinem Beitrag zum Thema die Liste der direkt Betroffenen. Süffisant heißt es dann immer, niemand von ihnen wolle sich nachträglich äußern, dabei sagte doch schon eine Mitwirkende im Film: "Warum sollte ich denn Gewissenskonflikte haben?"

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Wissensdurstig: Schülerinnen mit Pfarrer

Auch Nacktheit unterliegt der Mode

Da stellt sich doch im Rückblick glatt die Frage, was eigentlich peinlich ist und was peinlich sein sollte. Vor Jahrzehnten halb oder ganz nackt durchs Bild gelaufen zu sein, wohl eher nicht. Überhaupt gilt zumindest in Deutschland, dass bis weit in die 1970er-Jahre hinein das Enthüllen aus heutiger Sicht allemal weniger beschämend war als das Verhüllen. Das eine betraf ja nur den menschlichen Körper, das andere historische Schuld. Und so geht Schauspieler Rinaldo Talamonti, einst Dauergast im "Schulmädchen-Report", auch mit gutem Beispiel voran: "Meine Kinder sind heute erwachsen, und wenn sie die Filme von mir sehen, sagen sie, mei, was warst du fleißig und gut."

Das wirklich Beruhigende am "Schulmädchen-Report" ist ja, dass jede Art von erotischer Darstellung irgendwann fabelhaft wird im eigentlichen Sinn des Wortes, nämlich zur Fabel, deren historischer Kern verschwimmt, oder, in diesem Fall wohl die treffendere Formulierung, unscharf wird. Sogar Nacktheit unterliegt der Mode – nicht nur wegen der Frisuren – und der Geschmack, der ändert sich: "Ich weiß es bei mir selber, man ändert seine Ansichten, ehrlich", sagte eine Schülerin: "Man denkt mit 15 anders als mit 16 und mit 17 wieder anders!" Und es hört niemals auf – ehrlich!

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