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365XX: Ein Rap-Label nur für Frauen | BR24

© Vanessa Seifert

Lina Burghausen, Musikpromoterin, Bloggerin, Autorin, DJane und Gründerin von Mona Lina und 365XX

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    365XX: Ein Rap-Label nur für Frauen

    HipHop und Sexismus gehören meist zusammen - rappende Frauen sind fast unsichtbar. Damit macht Lina Burghausen ein Ende: Die Frau aus Leipzig hat mit 365XX jetzt ein Label nur für Frauen gegründet und zeigt, wie weiblich und divers HipHop ist.

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    "Eine der dümmsten Aussagen, die ich jemals gehört habe über Frauen im HipHop, ist, dass Frauen einfach genetisch weniger dazu gemacht sind, zu rappen", sagt Lina Burghausen und lacht. Natürlich können Frauen rappen. Und wie! Lina Burghausen aus Leipzig ist schon seit der Grundschule HipHop-Fan und seit Jahren aktiv in der Szene. Sie war Chefredakteurin eines kleinen HipHop-Magazins, sie ist Promoterin und legt als DJ unter dem Namen Mona Lina auf. Irgendwann war es ihr einfach ein dummer Spruch zu viel. Sie gründete kurzerhand einen Blog: 365 Female MCs. MC – kurz für Master of Ceremony – ist im Jargon ein anderes Wort für Rapper*in. Ein Jahr lang stellte Lina jeden Tag eine HipHop-Künstlerin aus der ganzen Welt vor. Das Argument, man würde ja gerne mehr Frauen buchen oder mehr über Frauen im HipHop berichten, aber es gäbe so wenige, das zählte für sie nicht.

    Ihr HipHop-Blog über Rapperinnen traf einen Nerv

    Sie habe von Veranstalterinnen und Veranstaltern die Rückmeldung bekommen, dass sie den Blog nutzen, um aktiv nach Künstlerinnen suchen, die sie buchen können. Und von Medien, dass es eine coole Recherche-Grundlage sei. "Von Künstlerinnen hab' ich ganz viele Zuschriften bekommen: dass sie immer das Gefühl hatten, dass sie allein auf weiter Flur sind. Und einfach mal diese Masse zu sehen und zu sehen, da ist jetzt eine Plattform, die mich mitdenkt! Wo ich nicht das seltsame Einhorn bin, sondern wo es auch um meine Musik geht", sagt Lina Burghausen. Denn in den Porträts, die sie über diese Künstlerinnen geschrieben habe, da sei es eben nicht darum gegangen, dass das eine Frau sei, sondern was sie in ihrer Musik mache.

    Auch das Musik-Label PIAS wurde auf den Blog aufmerksam - der Deutschland-Chef des international agierenden Labels ist HipHop-Fan. Vor kurzem hat sich PIAS Lina Burghausen ins Boot geholt: Sie ist jetzt A&R-Managerin des neu gegründeten Labels 365XX – ein Rap-Label nur für Frauen. Der Name ist angelehnt an Linas Blog 365 Female MCs, wobei mit dem Label ausdrücklich auch trans-Frauen und nicht-binäre Personen angesprochen sind, also auch solche, die sich weder als weiblich noch als männlich definieren.

    © Sebastian Frank

    A&R-Managerin des neu gegründeten Labels 365XX Lina Burghausen

    Kampf für Diversität im HipHop

    Für Lina ist das neue Label jetzt nur ein logischer nächster Schritt in ihrem Kampf für mehr Vielfalt im HipHop: "Natürlich will eine Plattenfirma, mit dem, was sie macht, auch Geld verdienen, es ist natürlich ein wirtschaftliches Unternehmen und wir wollen natürlich erfolgreiche Künstlerinnen auf den Markt bringen. Das klingt ganz furchtbar, aber es ist ja so. Aber es geht mir in erster Linie darum, wirklich fantastische künstlerische Visionen in die Realität umwandeln zu können", sagt sie . Das mit den Visionen ist aber immer noch ein Problem. Zum einen, weil risikofreudige Visionen – und dazu gehört zum Beispiel auf einer Bühne zu stehen und zu rappen und damit vielleicht sogar sein Geld zu verdienen – in der Erziehung von Mädchen oft immer noch nicht stattfinden. Und zum anderen, weil solche Visionen bisher oft an den männlichen Strukturen in der Musikindustrie gescheitert sind.

    "Das ist glaub ich was, was vielen Künstlerinnen in den letzten Jahrzehnten einfach das Rückgrat gebrochen hat: Zum einen, dass viele Labels und Booking-Agenturen weibliche Artists als eigenes Genre abgetan haben und es dann hieß, ja, gute Musik, aber wir haben für dieses Jahr schon eine Frau - weil in deren Augen einfach kein Platz war für eine Frau, dafür aber für zehn Männer", sagt Lina Burghausen. Zum anderen aber dass die männlich dominierte Musikindustrie von Künstlerinnen etwas Bestimmtes erwarte: Dass sie auf eine bestimmte Art und Weise aussehen, sich verhalten, Musik machen.

    Die HipHop Szene ist "super sexistisch"

    Bis hierher ist das die typische Sexismus-Geschichte, die man Genre-übergreifend auf die gesamte Musikindustrie übertragen könnte. Aber haben es Frauen im HipHop nicht nochmal schwerer? Wo es für manche männliche Rapper doch ein Sport ist, sich in frauenverachtenden Texten zu überbieten? Lina Burghausen hat das auf jeden Fall eine Zeit lang so wahrgenommen, findet jetzt aber, Sexismus sei einfach überall ein Riesenproblem. "Das nimmt aber HipHop nicht aus seiner Verantwortung. Und das bedeutet für mich, dass wir natürlich insbesondere im eigene Haus fegen müssen und das ist halt für mich HipHop. Das ist der Bereich, wo ich was ändern kann und das möchte ich auch machen. Und es ist auch bitter nötig, weil die Szene natürlich super sexistisch ist. Und es ist auch wahnsinnig ätzend für Frauen, die HipHop lieben, immer wieder mit diesem Blödsinn konfrontiert zu werden. Das ist wahnsinnig anstrengend und da muss auf jeden Fall ganz viel passieren."

    Mit 365XX, dem neuen Rap-Label nur für Frauen, ist jetzt auf jeden Fall was passiert. Hier wird es naturgemäß schon mal keinen frauenverachten Rap geben, Künstlerinnen sollen mit ihren Ideen ernst genommen werden, sie sollen in Studios aufnehmen können, in denen sie sich wohlfühlen und nicht die einzige Frau im Raum sind, die danach auch noch angemacht wird. Und nein, es geht nicht darum, Frauen für immer zu separieren, weil sie in die bestehenden Strukturen nicht passen. Die Strukturen sind es, die sich ändern müssen. Beim Rap-Label für Frauen arbeiten übrigens auch Männer mit, die das gecheckt haben.

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