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Valeria Luiselli

Per Mail sharen

    35.000 Euro weg: Kriminelle haben es auf Preisgelder abgesehen

    Neue Geschäftsidee von Cyber-Dieben: Sie geben sich als preisgekrönte Autoren aus und leiten die Gelder auf ihre Konten um. Der Trick funktionierte bereits mehrmals, die Stiftungen warnen sich gegenseitig vor Nachahmern.

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    Von
    • Peter Jungblut

    Er ist einer der ganz wenigen Literaturpreise, der für alle Formen der Dichtkunst offen ist: Lyrik, Drama, Romane. Doch jetzt machte der "Rathbone Folio Prize" unrühmliche Schlagzeilen: Die letztjährige Preisträgerin, die mexikanische Autorin Valeria Luiselli, von der auf deutsch zuletzt der prämierte Roman "Archiv der verlorenen Kinder" erschien (2019), wurde Opfer von Online-Kriminalität. Gewiefte Täter hatten sich gegenüber der Stiftung, die den Preis vergibt, als Luiselli ausgegeben und die Zahlung des Preisgeldes von 30.000 Pfund (umgerechnet ca. 35.000 Euro) auf ihr PayPal-Konto veranlasst.

    Obwohl die Polizei eingeschaltet wurde, ist das Geld spurlos verschwunden. Minna Fry von der "Rathbone Folio"-Stiftung teilte allerdings mit, dass die echte Luiselli trotzdem ihr Preisgeld erhielt, dafür habe die Institution Kosten "an anderer Stelle" einsparen müssen.

    Schon mehrfach Veruntreuungs-Versuche

    Der Hauptsponsor, die Firma "Rathbone Investment Management", soll einen Teil des Schadens übernommen und bei den Sicherungsmaßnahmen für künftige Fälle behilflich gewesen sein. In diesem Jahr wurde die amerikanische Kurzgeschichten-Autorin Carmen Maria Machado für ihr Buch "In the Dream House" ausgezeichnet.

    Nach Informationen des britischen "Guardian" war es nicht das erste Mal, dass ein Preisgeld veruntreut werden sollte. So bestätigte eine Sprecherin des mit 50.000 Pfund dotierten Baillie Gifford-Preises, der letztes Jahr an Craig Brown ging, dass sich Unbekannte mit einer Mail gemeldet hätten: "Irgendwer gab vor, Craig Brown zu sein und bat uns, das Geld via PayPal zu überweisen. Es war jedoch offensichtlich, dass es ein Täuschungsversuch war, weil der Stil der Mail in keiner Weise dem von Brown entsprach."

    Im Oktober 2020 zielten Kriminelle auf den "Forward"-Preis für Lyrik, der 10.000 Euro einbringt und an Caroline Bird ging.

    Auch Nobelpreis wurde schon mal veruntreut

    Wirklich neu ist die Masche, Preisgelder abzuzocken, übrigens nicht: Schon 1935 ließ sich der Berliner Rechtsanwalt Kurt Wannow von der Ehefrau des berühmten Autors und NS-Gegners Carl von Ossietzky eine Bevollmächtigung ausstellen, um die 100.000 Reichsmark-Preisgeld für den Friedensnobelpreis aus Norwegen abzuholen. Die Familie Ossietzky selbst durfte Deutschland nicht verlassen. Statt die Summe pflichtschuldig abzuliefern, behielt Wannow fast alles für sich, kaufte damit ein Kino und vergab Darlehen. Dafür wurde er 1938 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

    Dass bei jeder Art von Mail höchste Wachsamkeit geboten ist, erwies sich einmal mehr auch bei der Kasseler documenta. Dort hatten Künstler angebliche "Einladungen" zur nächsten Kunstschau erhalten, die sich als Fake erwiesen.

    Im Fall der Bremer Günter-Grass-Stiftung, die das audiovisuelle Werk des Literaturnobelpreisträgers dokumentiert, war es dagegen die Geschäftsführerin selbst gewesen, die Gelder veruntreute. Wie sich im November 2017 herausstellte, hatte die Literaturwissenschaftlerin 23.660 Euro beiseite geschafft.

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