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25 Jahre danach: So umstritten war die Reichstagsverhüllung | BR24

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Bildrechte: Wolfgang Kumm/Picture Alliance

Wolfgang Schäuble warnte vor einem "Risiko", andere witterten bloßen PR-Rummel oder fürchteten gar um die Demokratie. Erst im Nachhinein wird die spektakulärste Kunstaktion von Christo und Jeanne-Claude als Höhepunkt ihres Schaffens gewürdigt.

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25 Jahre danach: So umstritten war die Reichstagsverhüllung

Wolfgang Schäuble warnte vor einem "Risiko", andere witterten bloßen PR-Rummel oder fürchteten gar um die Demokratie. Erst im Nachhinein wird die spektakulärste Kunstaktion von Christo und Jeanne-Claude als Höhepunkt ihres Schaffens gewürdigt.

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Von
  • Peter Jungblut

Die Berliner sind ja leicht zu begeistern, aber schwer zu beeindrucken, wie die verwöhnten Hauptstädter in aller Welt. Gern strömen sie zu einem Spektakel, wollen überall dabei sein, aber nur, um hinterher jedem mitzuteilen, dass es so aufregend nun auch wieder nicht war. Gemessen daran haben Christo und seine Frau Jeanne-Claude vor 25 Jahren wirklich Erstaunliches geleistet, nämlich Berlin nachhaltig verblüfft und Deutschland entkrampft. Wie "vor einem Geheimnis" standen die Massen vor dem verhüllten Reichstagsgebäude, hat der Theologe Friedrich Schorlemmer mal gesagt, und genau so war es.

Staunen - eine seltene Erfahrung

Ehrfürchtig betasteten die Menschen den silbrigen Stoff, versenkten sich in den Anblick dieses unwirklichen, riesenhaften Baus, gerieten ins Staunen, was schon damals eine ausgesprochen seltene Erfahrung war. Und weil Christo alles selbst bezahlte, immerhin 13 Millionen Dollar, mussten die vielen Helfer kaum nörgelnde Passanten beruhigen. "Es gibt Leute, die das als Kunst empfinden", sagte eine resolute Betreuerin zu einem der wenigen Bedenkenträger. "Für diese Leute ist das Kunst und für Sie ist das eben keine Kunst, sondern was anderes."

Der von der Geschichte des 20. Jahrhunderts so sehr durchrüttelte Reichstag war plötzlich kein graues Monstrum mehr, sondern ein fremdartiges, bezauberndes, verlockendes, unergründliches Riesenobjekt genau an der ehemaligen Ost-West-Grenze. Ein absoluter Höhepunkt im Schaffen von Christo und Jeanne-Claude, und es kam genauso, wie es der SPD-Politiker und Architekt Peter Conradi am 25. Februar 1994 in der Bundestagsdebatte angekündigt hatte: "Christos Umhüllung des Reichstags mit Stoff gibt dem Gebäude eine neue, überraschende ästhetische Gestalt. Er eröffnet uns die Chance, diesen Bau in seiner Eigenart anders wahrzunehmen, die zeitweilige Verhüllung wird unsere Sicht darauf schärfen. Erkenntnis durch Verfremdung!"

© Wolfgang Kumm/Picture Alliance
Bildrechte: Wolfgang Kumm/Picture Alliance

Auf der Suche nach einem Geheimnis

Bizarr muten heute die Argumente der Gegner des Projekts an. Ein so kluger und engagierter Mann wie der FDP-Politiker Burkhard Hirsch nannte Christo einen "Gebrauchsgrafiker" und verdächtigte ihn, nur an Rummel interessiert zu sein: "Es sollte und es muss in unserem Land noch Dinge geben, die für private Vergnügungen eben nicht zur Verfügung stehen. Und es ist wichtig, dass der Reichstag dazu gehört."

Schäuble warnte vor "Risiko"

Helmut Kohl lehnte seinerzeit die Kunstaktion vehement ab, Wolfgang Schäuble schloss sich an und hielt eine lautstarke, aber aus heutiger Sicht auch betuliche Rede, mit der er versuchte, Ängste zu schüren: "Der Ausgang eines Experiments ist immer ungewiss, und der Nutzen kann nur ein begrenzter sein, und deshalb sollten wir das Risiko einer Beschädigung höher bewerten. Deshalb bitte ich Sie alle, bedenken Sie die Gefahr, dass das Vertrauen zu vieler Mitbürger in unsere demokratische Geschichte und Kultur Schaden nehmen könnte."

Nur der hartnäckigen und unerschrockenen Rita Süssmuth, der damaligen Bundestagspräsidentin, war es zu verdanken, dass solche Widerstände überwunden wurden und im Parlament eine Mehrheit von 292 zu 223 Stimmen zustande kam. Hinterher wollten natürlich reihenweise Bürgermeister ihre Rathäuser verhüllt haben, die Begeisterung war allgemein, und wenige scherten sich um Christos sehr persönliche Motive. Der Reichstag, das war für ihn eben kein beliebiges Parlamentsgebäude, sondern eines, das eng mit seiner Biographie verknüpft war: "Ich stamme aus Bulgarien und bin von Ost- nach Westeuropa geflohen. Ich wollte unbedingt ein Projekt an der Nahtstelle zwischen beiden Gebieten machen. Der einzige Ort auf der Welt, wo dafür die nötige Architektur steht, wo der Osten und Westen gleichermaßen staatsrechtlich zuständig waren, das ist Berlin, das ist das Reichstagsgebäude. Wäre ich in Nebraska geboren, hätte ich überhaupt keinen Grund gehabt, den Reichstag zu verhüllen."

© Andreas Altwein/Picture Alliance
Bildrechte: Andreas Altwein/Picture Alliance

Begehrter Stoff: Halb verhülltes Parlament

Vor fünf Jahren durfte sich der Bundestag über eine Leihgabe des Unternehmers Lars Windhorst freuen, der von Christo und Jeanne-Claude zahlreiche Kunstobjekte rund um die Reichstagsverhüllung angekauft hatte: Zeichnungen, Fotos, Skizzen, Lagepläne, Stoffproben. Wer das Glück hat, den Bundestag betreten zu dürfen, kann sich dort alles ansehen und über das schwierige Verhältnis von Politik und Kunst nachdenken. Der damalige, sehr kunstverständige Bundestagspräsident Norbert Lammert zeigte sich ehrlich begeistert: "Wir haben heute das Privileg, dass es jetzt für alle, die dabei waren, eine Erinnerungsstütze gibt, die die Faszination dieser vierzehn Tage im Gedächtnis besonders lebendig hält. Und alle, die natürlich längst bedauern, dass sie damals nicht dabei gewesen sind, bekommen durch diese Ausstellung, zum ersten Mal, glaube ich so etwas wie einen beinahe authentischen Eindruck von dem, was damals hier in Berlin stattgefunden hat."

Eine Geschichte mit Happy End: Sogar der einst erbitterte Gegner Wolfgang Schäuble rang sich vor ein paar Wochen in seinem Nachruf auf den am 31. Mai gestorbenen Christo zum Fazit durch, "schöner und freier" als bei der Reichstagsverhüllung könne Kunst nicht wirken.

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