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200 Jahre "Stille Nacht" - Karriere eines Weihnachtsklassikers | BR24

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Fast überall, wo heute Weihnachten gefeiert wird, dürfte es gesungen werden: "Stille Nacht", das Lied, das der Pfarrer Joseph Mohr textete und der Organist Franz Xaver Gruber vertonte. 200 Jahre ist das her.

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200 Jahre "Stille Nacht" - Karriere eines Weihnachtsklassikers

2018 feiert der Weihnachtsklassiker „Stille Nacht“ 200. Geburtstag. Doch während es heute an Weihnachten kaum aus der Kirche wegzudenken ist, war das Lied lange Zeit im Gottesdienst verpönt.

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24. Dezember 1818 in Oberndorf bei Salzburg: Der Texter Joseph Mohr und der Komponist Franz Xaver Gruber aus Hallein tragen "Stille Nacht" erstmals in der Christmette vor. Mit Gitarrenbegleitung anstatt zu Orgelklängen. "Stille Nacht"-Autor Joseph Mohr beschwört ein heiles Familienbild: Das traute Paar, das Kind in der Krippe. Eine solche Familie hatte der Liedtexter selbst nicht. Er stammte aus sozial schwierigen Verhältnissen, galt als uneheliches Kind im Jahr 1792 als Schande.

Biedermeier-Idylle versus Armut und politische Unsicherheit

Das Lied wird zum Weihnachtshit, obwohl – oder vielleicht gerade weil es ein Gegenszenario zu den Lebensumständen vieler Anfang des 19. Jahrhunderts entwirft: Die Menschen leben zu einem Großteil in Armut. Politisch ist die Lage aufgewühlt. Die Befreiungskriege gegen Napoleon haben die Bevölkerung gezeichnet, Europa ordnet sich neu nach dem Wiener Kongress.

Die Idylle von "Stille Nacht" weckte Sehnsüchte, so erklärt Ansgar Franz vom Gesangbucharchiv in Mainz den Erfolg des Liedes: "Das Lied wird berühmt in einem evangelischen großstädtischen Milieu. Während es in dem katholischen Bergmilieu noch eine gewissen Erdung hatte, fungiert es jetzt großstädtisch-protestantisch als Idylle. Als Sehnsuchtsort, in den ich mich hineinsinge. Je weiter sich das Lied von seinem Ursprung entfernt, desto populärer wird es. Heute ist es in 300 Sprachen übersetzt; in Tokio feiert es ebenso Erfolge wie in New York. Je weiter es weg ist, desto mehr wird es zur Projektionsfläche von Sehnsüchten, die meinem Alltag diametral entgegengesetzt sind."

Fahrende Händler und Handwerker aus dem Zillertal sind es, die das Lied vom Salzburger Land hinaus in die Welt trugen. Sie sangen es auf Handwerksmessen und Märkten in Dresden, Leipzig und Berlin. So machte „Stille Nacht“ zunächst im Deutschen Kaiserreich und anschließend weltweit Karriere: Der russische Zar hört es, Auswanderer bringen es in die USA; Bing Crosby verkauft in den 1930er Jahren 300 Millionen Singles.

Aus dem Salzburger Land in die Herzen der Welt

Joseph Mohr dichtet 1815 insgesamt 6 Liedstrophen, von denen heute nur noch drei gesungen werden.

"Stille Nacht! Heil’ge Nacht! / Wo sich heut alle Macht / Väterlicher Liebe ergoß, / Und als Bruder Huldvoll umschloss / Jesus die Völker der Welt! / Jesus die Völker der Welt", so die weithin unbekannte vierte Strophe.

Zum 200-jährigen Geburtstag des Liedes rückt man im Salzburger Land die jene Strophen in den Vordergrund, die heute die wenigsten kennen und entdeckt so ganz neue, vielleicht sogar politische Aspekte des Liedes, so Brigitte Winkler vom Stille-Nacht-Museum in Hallein, dem ehemaligen Wohnort des Komponisten: "Jesus die Völker der Welt - das heißt für mich, völker- und länderübergreifend hat das Lied seinen Einzug gefunden in die Herzen der Menschen. Egal ob schwarz oder braun oder weiß, eigentlich ticken wir alle gleich.“

"Stille Nacht" ist heute für viele das Weihnachtslied schlechthin. Wer aber im Gesangbuch blättert, muss schon eine neuere Ausgabe zur Hand nehmen, um es darin zu finden.

Ein Weihnachtsklassiker - in der Kirche lange verpönt

Im evangelischen Gesangbuch taucht "Stille Nacht" erst ab 1993 auf, im katholischen Gotteslob sogar erst ab 2013. Das Lied wurde lange als nicht geeignet für den Gottesdienst eingestuft, sagt Professor Ansgar Franz vom Gesangbucharchiv in Mainz: "Die Situation wie sie die Bibel schildert ist eine Situation der Ausgrenzung, der Not, der Obdachlosigkeit, der tiefen Armut. Die Situation, die das Lied besingt ist eine romantische Stille Nacht: das traute Paar, der Knabe im lockigen Haar. Von der Seite das Glaubens her würde man den Ernst und die Härte der Krippengeschichte vermissen.“

Vor zweihundert Jahren erstmals gespielt und gesungen, ist "Stille Nacht" heute Teil der weltweiten Weihnachtskultur und sogar von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe in Österreich anerkannt.

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