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2.873 Tage im Amt: Papst Franziskus holt Benedikt ein | BR24

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In der Anfangszeit seines Pontifikats begannen Berichte über den neuen Papst Jorge Mario Bergoglio oft so: "Das gab es noch nie…"

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    2.873 Tage im Amt: Papst Franziskus holt Benedikt ein

    Heute holt Franziskus seinen Vorgänger ein. Am 22. Januar ist er 2.873 Tage im Papstamt und damit länger als Benedikt XVI. Unterschiedlicher können Päpste kaum sein. Eine Analyse.

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    Von
    • Tilmann Kleinjung

    Nach 2.873 Tagen haben wir uns daran gewöhnt: an die einfachen schwarzen Schuhe, an einen Papst, der lieber im Kleinwagen statt im Papamobil gefahren wird und der höchstpersönlich zum Optiker geht, um neue Brillengläser zu bestellen. Das alte Gestell tut‘s noch. In den ersten Wochen und Monaten dieses Pontifikats hat uns Franziskus immer wieder überrascht. Und die Erzählungen über Jorge Mario Bergoglio begannen oft so: "Das gab es noch nie…" Bei Auslandsvisiten trägt der pontifex maximus seine abgewetzte Aktentasche selbst ins Flugzeug. Das gab es noch nie! "Es ist doch völlig normal, dass man seine Tasche mit persönlichen Sachen selbst trägt", sagt Franziskus auf Nachfrage. "Wir müssen uns an die Normalität des Lebens gewöhnen."

    "Otto Normal-Papst"

    Vorgänger Benedikt schwebte in anderen Sphären, wirkte entrückt, weit weg von der Lebens- und Kirchenwirklichkeit. Otto Normalpapst Franziskus verordnete seiner Kirche, der Kurie und vor allem seinem Amt wieder Bodenhaftung. Ein Papst wie du und ich. Revolutionär fanden das viele. Papst Benedikt XVI. war erst ganz am Ende seines Pontifikats revolutionär, als er mit seinem wirklich revolutionären Rücktritt selbst für das Ende der Entrückung gesorgt hatte.

    Franziskus setzt Zeichen, hinter die seine Nachfolger nicht zurückkönnen. Die verwaiste Papstwohnung im apostolischen Palast wird wohl ein Museum. Wer da künftig noch einziehen will, nachdem Franziskus gezeigt hat, dass ein Papst auch in einem schlichten Apartment im vatikanischen Gästehaus wohnen kann, muss sich zumindest rechtfertigen. Franziskus wirkt damit stilbildend für die gesamte Kirche. Er will eine "arme Kirche für die Armen". Da fallen dicke Bischofslimousinen und protzige Residenzen unangenehm auf.

    Spektakulärer Rauswurf

    Stärker noch ist sein Kampf gegen den Klerikalismus. Elitäres Gehabe von Geistlichen ist für Franziskus das Grundübel der Kirche, eine "Krankheit", eine "Perversion", eine "Plage". Da kennt der päpstliche Furor keine Grenzen. Auch den Missbrauchsskandal führt er auf Klerikalismus zurück. Dass sich jemand für besser hält, nur, weil er geweiht ist. Vor dem Kirchenrecht sind dank Franziskus alle gleich: Auch Bischöfen kann der Prozess gemacht werden. Und wenn Kardinäle sich etwas zu Schulden kommen lassen, dann scheut sich der Papst nicht, ihnen Titel und Würde zu entziehen. Jüngstes Opfer: Angelo Becciu. Der Vorwurf: Vetternwirtschaft. Papst Franziskus hat den mächtigen Kardinal all seiner Ämter enthoben und zum Verzicht auf "die mit der Kardinalswürde verbundenen Rechte" gedrängt. So einen spektakulären Rauswurf gab es bei Benedikt nicht.

    Bei aller demonstrativ zur Schau gestellten Kontinuität zwischen den beiden Päpsten: Benedikt und Franziskus könnten unterschiedlicher kaum sein. Während sich Joseph Ratzinger immer an einem dogmatischen oder philosophischen Ideal orientierte und jede Abweichung davon als "Relativismus" diskreditierte, schrieb Franziskus in seiner Enzyklika "Evangelii gaudium": „Die Wirklichkeit ist wichtiger als die Idee". So nährte dieser Papst die Hoffnung, dass er die katholische Lehre mit der Lebenswirklichkeit der Menschen im 21. Jahrhundert versöhnen will. Wie umgehen mit homosexuellen Partnerschaften, die laut katholischem Katechismus in "keinem Fall zu billigen" sind? "Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?", antwortete Franziskus und schlägt damit eine neue Richtung ein.

    Reformen nur in homöopathischen Dosen

    Bislang bleibt er den Beweis schuldig, dass er "guten Willens" ist, auch konkrete Reformen einzuleiten. Franziskus regt an, ermöglicht Diskussionen, doch Reformen oder offizielle Abkehr von möglicherweise überkommener Lehre verabreicht er seiner Kirche in homöopathischen Dosen. Den einen ist das schon viel zu viel, den anderen viel zu wenig. Kirchlich-konservative Kardinäle zweifelten öffentlich die Autorität des Papstes an. Und reformorientierte Katholiken wünschen sich paradoxerweise nichts sehnlicher als ein Machtwort des Papstes, ein "Ja" zu konkreten Reformen: die Aufhebung der Zölibatspflicht, mehr Mitspracherechte für die Kirchenbasis, die Diakoninnen– oder sogar Priesterinnenweihe.

    Jorge Mario Bergoglio ist Jesuit. Wie man schwierige Fragen löst, zu Entscheidungen kommt, hat er im Orden gelernt: Die "Unterscheidung der Geister" ist die jesuitische Methode der Urteilsfindung. Das ist ein langes Ringen um die beste Lösung und eben nicht die klare Ansage. Dieses Prinzip, auf eine große und sehr bunte Weltkirche angewandt, überfordert bisweilen Klerus und Kirchenvolk. Doch es traut dem Christenmenschen fast alles zu. Bei moralisch oder theologisch umstrittenen Fragen setzt Franziskus mehr auf das Gewissen des Einzelnen als auf lehramtliche Direktiven.

    "Andate avanti!"

    Bezeichnend für diesen Nicht-Regierungsstil des Papstes war eine Fragestunde in der evangelischen Gemeinde in Rom. Wann sie denn einmal mit ihrem katholischen Mann gemeinsam zum Abendmahl, zur Eucharistie gehen kann, fragt eine Protestantin. Und Franziskus setzt diesen für ihn typischen Stan-Laurel-Blick auf und verweigert eine eindeutige Antwort. Er werde nicht wagen, die Erlaubnis dafür zu geben. Und dann wird er ernst und sagt: "Sprecht mit Gott und dann geht voran, andate avanti!"

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