Zurück zur Startseite
Kultur
Zurück zur Startseite
Kultur

So haben die 1968er die Kirche verändert | BR24

© BR

1968: ein stürmisches Jahr - auch für die Kirchen.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

So haben die 1968er die Kirche verändert

1968 - mit diesem Jahr sind Mythen verbunden, positive wie negative. Die einen erinnern sich an Freiheit, Selbstbestimmung und Toleranz. Für die anderen ist 1968 der Anfang vom Ende. Gerade für die Kirchen enden viele lieb gewonnene Traditionen.

Per Mail sharen

1968 gilt als das Jahr der Studentenunruhen und des Umbruchs in vielen gesellschaftlichen Bereichen. In Deutschland ist das entscheidende Jahr aber eigentlich 1967. Am 2. Juni wird der Student Benno Ohnesorg am Rande der Demonstrationen gegen den Schah von Persien umgebracht. Zum ersten Mal nimmt die breite Öffentlichkeit die Unzufriedenheit der Jugend und ihren politischen Willen wahr.

Auslöser Vietnamkrieg

Der evangelische Theologieprofessor an der Freien Universität Berlin Helmut Gollwitzer ist damals eine geistige Stütze der Studenten. Er unterfüttert den Protest gegen den Vietnamkrieg - einer der Auslöser für die Wut - mit Argumenten.

"Man kann nicht Christ sein, und zu den Morden in Vietnam schweigen." Helmut Gollwitzer

Theologie goes Politik

Dieser fordernde Ton bleibt in weiten Teilen der evangelischen Kirchen in den nachfolgenden Jahren bestimmend. Wenn schon Christ, dann engagiert, ist die Devise. Mit der Bergpredigt gegen die Apartheid in Südafrika, gegen Atomkraft, gegen Waffengeschäfte, für Gleichberechtigung, Anerkennung von Homosexualität, für Verständigung und Frieden.

Ein weiteres Thema: das, was später die sexuelle Revolution genannt werden wird. Denn 1960 hat eine Erfindung die Liebe radikal verändert: die Antibaby-Pille. Kirchliche Jugendgruppen, zum Teil auch der Religionsunterricht, bieten Raum, sich mit dem neuen Verhältnis zur Sexualität zu beschäftigen.

Die katholische Kirche lässt keinen Zweifel daran, was sie von der Entwicklung hält: Am 25. Juli 1968 erlässt Papst Paul VI die Enzyklika Humane Vitae, der Volksmund nennt sie die "Pillenenzyklika". Danach dürfen einzig und allein verheiratete Paare Sex miteinander haben. Und: Sexualität diene ausschließlich der Fortpflanzung. (Paul VI. handelte sich daraufhin den unrühmlichen Spitznamen "Pillen-Paul" ein.)

Sexualität fegt Autorität der katholischen Kirche hinweg

Der Papst kann sich damit aber nicht durchsetzen. Im Gegenteil: Die neue Bedeutung der Sexualität fegt in den folgenden Jahren die Autorität der katholischen Kirche für das Alltagsleben hinweg. Wenn es um die Liebe geht, treffen selbst überzeugte Katholiken Entscheidungen, die von der offiziellen Haltung der Kirche abweichen.

Was die Kirchen geschwächt haben mag, hat das Zusammenleben der Generationen auf eine neue Basis gestellt: Jugendliche haben ein freundschaftlicheres Verhältnis zu ihren Eltern, nicht zuletzt, weil sie ihre Sexualität nicht mehr heimlich ausleben müssen. Verbunden mit den Emanzipationsbewegungen - von Frauen, von Minderheiten, von Menschen unterschiedlichster Herkunft - scheint das einer der großen Gewinne der 68er-Bewegung zu sein.

Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit

Was mit den Demonstrationen gegen den fernen Vietnamkrieg beginnt, wendet sich in Deutschland bald dem Krieg zu, den das eigene Volk erst 23 Jahre zuvor verloren hat. Viele Deutsche beschäftigen sich zum ersten Mal mit den Verbrechen der Ermordung der europäischen Juden. Das Wort "Holocaust" sollte erst zehn Jahre später durch eine amerikanische Fernsehserie eingeführt werden. Immerhin wird "Auschwitz", nach jahrelangem Schweigen, durch die Frankfurter Prozesse um die größte NS-Vernichtungsstätte ein Begriff.

Fragen wie "Was hat mein Vater getan?", "Wo war mein Großvater?" oder "Auf welcher Seite standen unsere Lehrer?" beschäftigten die junge Generation. Und da diese Verbrechen, die nach und nach ans Licht kamen, so unfassbar waren, erstirbt bei den 68ern das Interesse an Fragen wie "Was hat der Vater erlitten, was der Großvater, was haben die Lehrer erlitten?"

Theologie nach Auschwitz

Die religiöse Sicht der Theologin Dorothee Sölle ist auch aus Wut auf Gewalt und Krieg geboren, wendet sich aber zum Mitgefühl mit den Opfern. Sie versucht Gott nach Auschwitz zu denken. Ihr Ansatz: Wenn Gott allmächtig ist und gütig, dann kann man ihn sich nicht vorstellen als jemand, der im Himmel sitzt und zusieht, wie sechs Millionen Menschen vergast werden. Das passe nicht zusammen.

"Entweder ist er nicht gütig oder er ist nicht mächtig. Und dann meinte ich, man sollte vielleicht auf die Macht verzichten und an die Liebe glauben und habe versucht, daraus eine Theologie zu entwickeln." Dorothee Sölle

Sölle erteilte der klassischen "Papa-wirds-schon-richten-Theologie" eine Absage und plädierte für eine radikal politische Theologie.

Nicht die Welt, aber sich selbst verändern

International wird schon im Jahr 1968, vor allem aber von ‘70 an, ein weicherer Ton angestimmt. In San Francisco suchen die Hippies Love and Peace, die Beatles wenden sich nach Osten zum indischen Guru Maharishi Yogi - und George Harrison landet einen Welthit mit "My Sweet Lord" - seiner freundlichen, wieder ganz harmlosen Verehrung Gottes. Damit bereitet er den Weg für die Bewegung, die den aggressiven 68ern folgt: der Sinnsuche auf dem Weg nach innen.

"The purpose of life is to find out, who am I, why am I here and where am I going." George Harrison

Anders ausgedrückt: wenn ich schon die Welt nicht ändern kann, kann ich doch wenigstens mich selbst ändern. Diese neue Ausrichtung führte viele Menschen religiös zum Buddhismus, noch mehr aber in die Psychologie.