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Nicht nur für "alte weiße Männer" gedacht ... | BR24

© Audio: Bayerischer Rundfunk / Bild: BerlinBiennale

Der Riss beginnt im Inneren - Die Gedichtzeile einer ägyptischen Lyrikerin dient als Motto der 11. Berliner Biennale.

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Nicht nur für "alte weiße Männer" gedacht ...

"Der Riss beginnt im Inneren", lautet das kämpferische Motto der Berliner Biennale. Ein Jahr lang haben drei Kuratorinnen aus Lateinamerika daran gearbeitet. Die Kunstwerke setzen auf die bewusste Wahrnehmung unterschiedlicher Weltanschauungen.

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Ein geheimnisvolles Gewebe aus Wolle hängt wie eine Skulptur im dunklen Raum und filtert das Licht. Paula Baeza Pailamilla aus Chile hat andere Mapuche-Frauen eingeladen, gemeinsam eine Karte vom Land ihrer Vorfahren zu weben. Für die Arbeit haben sich alle auf einen öffentlichen Platz im Zentrum der Hauptstadt gesetzt und ihre heilige Farbe Schwarz gewählt.

In der elften Berlin Biennale geht es um die Rückeroberung von Territorien, den Widerstand gegen das Patriarchat, gegen die Vorherrschaft der westlichen Welt und ihrer Kirche. "Antikirche" nennt die Kuratorin Maria Berrios den zentralen Ausstellungsort – die Kunstwerke in der Auguststraße.

© Lorna Remmele Riede/ Berlin Biennale

Paula Baezza Pailamilla - Kurü Mapu [Schwarzes Land], Santiago de Chile, 2018

© Berlin Biennale

Anonymes Graffiti zu Rojava, dem umkämpften Gebiet der Kurden in Nordsyrien, an einer Mauer in Berlin-Wedding.

© Berlin Biennale

Auszug aus der Druck-Grafik 'Grupo Experimental de Cine en acción' [1973] von Gabriel Peluffo.

© Berlin Biennale

Heilsbringer eines Indianer-Stammes: Amulette und Kultgegenstände der Miitsitapi (1830 - 1856) aus einem kanadischen Museum.

Alte Patriarchen vs. neue Mütter

Es ist ein Nachdenken über die Beziehung, die wir zu der Figur des Patriarchen haben, die eine Basis für den patriarchalen Kapitalismus bildet, und wie diese Figur verbunden ist mit religiösen Führern oder der Vorstellung vom Vater der Nation, dem Vaterland. The Vaterland, The Nationstate.

Jetzt hält das Matriarchat Einzug in Berlin. Malgorzata Mirga-Tas ehrt auf bunten Patchwork-Paravents ihre Mutter und Großmutter, die eine zentrale Rolle in ihrer Roma-Community spielten. Das queer-hedonistische Kollektiv El Palomar aus Barcelona erinnert an Daniel Paul Schreber, den Sohn des brachialen Pädagogen Moritz Schreber. Er wurde nervenkrank und träumte davon eine Frau zu werden. Im Film befreit sich der Unglückliche, indem er sich offen zum anderen Geschlecht bekennt.

Das Motto kommt aus Ägypten

"Der Riss beginnt im Inneren" – den Titel für ihre Schau fanden die Kuratorinnen Renata Cervetto, Lisette Lagnado, Augustin Pérez Rubio und Maria Berrios in einem Buch über Mutterschaft, nämlich in "How To Mend. Motherhood and Its Ghosts", einem Werk der feministischen Dichterin Iman Mersal aus Ägypten. In dem Buch spricht sie darüber, dass Mutterschaft eigentlich ein Bruch ist: Das Leben breche entzwei, um den Weg frei zu geben für ein neues Leben. Wobei sie betont: "Aber man muss auch über dieses Zerbrechen nachdenken, darin liegt auch eine Schönheit. Es ist eben nicht nur dieser Mythos von reiner Güte und Zuwendung und Pflege".

Mit viel Empathie wendet sich die Biennale den Schutzbedürftigen wie zum Beispiel Kindern zu. Sie zeigt aber auch, wie Ausgrenzung funktioniert. Die in Nürnberg geborenen Künstlerin Christine Meisner hat aus dem Archiv des nationalsozialistischen Propaganda-Blatts "Der Stürmer" die Leserpost aus Berlin in einem Raum dokumentiert. Postkarten in Krakelschrift oder pedantisch getippte Briefe, manchmal auch simple Fotografien von Menschen auf der Straße: Dokumente des Neids – Einblicke in die Seele des Mobs.

Rückschlüsse auf unsere Corona-Zeit erwünscht

Wenn man den Raum betritt, sieht man die Straßen von Berlin, man sieht wo die Absender gewohnt haben, aber auch welche Mühe sie aufgewendet haben, um andere Leute zu denunzieren. Und das sehen wir heute wieder in den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen. Es wiederholt sich auch in den sozialen Medien in Verbindung mit der Frage, wer bringt uns das Corona Virus/ Who Brings The Corona- Virus?

Am zweiten Standort, dem Martin-Gropius-Bau übernehmen dann diejenigen das Museum, deren Artefakte sonst Objekte in Vitrinen sind. Was wäre das für ein Fest geworden, wenn all diese Künstlerinnen wie geplant nach Berlin gekommen wären – die kurdische Aktivistin, der kolumbianische Tänzer, die Filmemacherin von den Philippinen? Jetzt muss ihre Kunst für sich allein sprechen. Es fällt auf, dass die Formen dokumentarisch roh, manchmal auch eindimensional sind. Die Ausstellung zielt ins Herz des sogenannten "weißen Mannes". Aber selbst das ist dann auch wieder ein Klischee.

11. Berlin Biennale, an verschiedenen Plätzen, noch bis 1. November 2020.

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