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100 Jahre Radio: Von Rundfunk-Utopien zur digitalen Revolution | BR24

© Audio: BR / Bild: WDR Digit (Foto: Angel Lindfeld)

1968 war das Radio sogar beim Picknick dabei. Was kann die Rolle dieses Mediums heute sein?

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100 Jahre Radio: Von Rundfunk-Utopien zur digitalen Revolution

Das Radio wird 100! Das Museum für Kommunikation in Berlin feiert mit der Ausstellung "ON AIR", eröffnet vom Radiomacher und Brecht-Experten Jürgen Kuttner. Ein Gespräch über die historische Revolution des Radios – und Parallelen zum Internet.

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Das Augsburger Brechtfestival und 100 Jahre Radiogeschichte: Beides gehört zusammen. Denn Bertolt Brecht war ein Freund des Rundfunkapparats, von ihm stammen zum Beispiel die schönen Worte: "Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm daran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat." So schrieb es Bertolt Brecht 1927 in seinem Text "Radio – eine vorsintflutliche Erfindung?“. Sieben Jahre zuvor, am 22. Dezember 1920, fand die erste öffentliche "Rundfunkaussendung" in Deutschland statt. Aus diesem Anlass hat Jürgen Kuttner gestern im Museum für Kommunikation in Berlin die Ausstellung "On Air" eröffnet. Kuttner ist selbst ein alter Radio-Mann und, aktuell, auch Leiter des Augsburger Brechtfestivals. Knut Cordsen hat mit ihm gesprochen.

Knut Cordsen: So neu wie für Bertolt Brecht zu seinen Lebzeiten das Radio war, so neu ist für uns heute das Internet, auch wenn wir jetzt schon gut zwei Jahrzehnte mit ihm zu leben gelernt haben. Ist diese Art der revolutionären Erfindung eines neuen Mediums miteinander zu vergleichen? War für Brecht Radio das, was für uns das Internet ist?

Jürgen Kuttner: Ich glaube schon. Ich glaube, was beides verbindet, ist, dass mit den technologischen Neuerungen ein Utopismus einhergeht. Man denkt, die Welt könnte durch diese Erfindungen eine bessere werden. Als es mit dem Internet losging, dachte man ja auch, dass es direkte Demokratie fördern könnte, dass wir uns viel mehr austauschen würden, dass die Wissensvermittlung viel einfacher würde. Man musste dann aber erkennen, dass Erfindungen doch immer nur die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse reproduzieren. Der Utopismus des Internets hat sich – glaube ich – erledigt. Wobei man sagen muss: Was das Radio betrifft, war Brecht ja nicht nur utopisch. Er hat in seiner Radiotheorie etwa den Vorschlag gemacht, aus dem Sendeapparat des Radios einen Kommunikationsapparat zu machen. Und die bösen Folgen von einer solchen technologischen Erfindung fanden dann relativ schnell statt, ab 1933. Goebbels erkannte das Radio sofort als ein wunderbares Propagandainstrument und nahm es auch in Besitz. Auch in der Zeit danach – im Krieg – spielte es natürlich eine große Rolle. Das reichte von Partisanen- und Guerillasendern bis zu Radio Moskau und der BBC, die ja tatsächlich quasi ins Kriegsgeschehen eingegriffen haben mit dem Radio.

© Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Langwellensender aus Königs Wusterhausen

Brecht hat in der von Ihnen erwähnten Radiotheorie – von der nicht wenige sagen, dass sie sich erst mit dem Internet verwirklicht hat – geschrieben: "Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen." Dieses utopische Potential wohnt ja auch dem Internet inne, das auch über verschiedenste digitale Kanäle die Menschen in Beziehung zueinander setzt. Verwirklicht erst das Internet, was Brecht sich vom Radio erträumt hat?

Ich glaube, das Radio war auch ein bisschen sehr zurückhaltend. Erst Ende der 80er Jahre gab es ja diese Call-In-Sendungen, wo sich Hörer offensiver zu Wort melden konnten. Das war in gewisser Weise eine vertane Chance, man hätte ein bisschen mehr ausprobieren können, um das Radio lebendiger zu machen und Hörer anders einzubinden. Ansonsten ist das, was Brecht als Utopie fürs Radio geschrieben hat, wenn man so will, im Netz Wirklichkeit geworden. Aber ich glaube nicht nur eine gute Wirklichkeit, wenn man an Twitter und Facebook denkt.

Sie sind 62 Jahre alt, haben verschiedene Arten der Radiorezeption in Ihrem Leben mitbekommen. Heute heißt es gern: Podcast ist das Nonplusultra. Lineares Radio hat bei den Jüngeren angeblich ausgedient. Nun leben Totgesagte bekanntlich länger. Hat das Radio eine Zukunft?

Ich würde hoffen, dass das Radio lange lebt. Podcasts sind natürlich auch eine tolle Möglichkeit, andererseits sind die, finde ich, auch ein weiteres Indiz für diese radikale Atomisierung unserer Gesellschaft. Man wird in die Blase getrieben, in der man sich ohnehin befindet. Das finde ich immer noch einen großen Vorteil des Radios, dass es nicht diese Einkaufsmentalität bedient: Man packt sich den Podcast in seinen Einkaufskorb, in dem gesagt wird, was man ohnehin schon weiß und denkt.

© WDR Digit / Foto: Ursula Eich

Radiozuhörerin, 1964.

Das Thema Radio wird auch auf dem Augsburger Brechtfestival 2021 eine Rolle spielen – inwiefern?

Das große Thema ist Brechts Frauen. Wir versuchen also, die Frauen in Brechts Umkreis, die ja auch sehr produktiv waren, in den Mittelpunkt zu rücken. Aber wir wollen – das hatten wir letztes Mal auch schon – wieder eine Hörspiel-Reihe einrichten, weil das Hörspiel eine tolle Erfindung ist und weil es dann doch interessant ist, gemeinsam ein Hörspiel zu hören und nicht vereinzelt vor dem Radio zu sitzen.

Bis zum Festival 2021 selbst ist es noch einige Monate hin, aber man kann die Entstehung des Festivals quasi in the making verfolgen – es gibt im Netz eine Art Festival-Vorbereitungs-Tagebuch, ein sogenanntes "Arbeitsjournal". Auch da ist Brecht der Namensgeber. Was kann man im Arbeitsjournal des Augsburger Festivals lesen?

Das hat mehrere Funktionen: Die grundsätzliche Angst, die dahintersteht, ist, dass es möglicherweise gar nicht so stattfinden kann, wie wir es geplant haben, jetzt in Corona-Zeiten. Da muss man natürlich vorbereitet sein, weshalb wir uns da mit digitalen Auftritten nochmal vertraut machen, damit man dann im Februar so ein Festival vielleicht tatsächlich im Netz veranstalten kann. Und das ohne diese Tristesse, die in den ersten Tagen im Theater zu beobachten war, dass da Schauspieler in ihren Hobbykellern sitzen und irgendwas vorlesen. Vielleicht findet man ja eine Form, die dem Netz irgendwie entspricht und damit auch dem Gedanken des Festivals Rechnung trägt. Zum anderen ist es der Versuch, immer wieder interessante Meldungen zu Brecht zu bringen, ein bisschen tagebuchartig unseren Arbeitsstandards zu dokumentieren und darauf vorzubereiten, dass dieses Festival nicht erst im Februar beginnt, sondern in gewisser Weise jetzt schon begonnen hat. Wir werden auch Künstler vorstellen, die da auftreten sollen. Es wird wie ein gigantisches Halbjahres-Programmheft sein. Eigentlich ist es auch so eine Art Adventskalender: Man macht ein Türchen auf und – siehe da – es ist immer etwas da.

Die Ausstellung "ON AIR. 100 Jahre Radio" ist vom 2. Oktober 2020 bis 29. August 2021 im Museum für Kommunikation Berlin zu sehen.

Das Arbeitsjournal des im Entstehen begriffenen Augsburger Brechtfestivals finden Sie unter www.brechtfestival.de.

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