BR24 Logo
BR24 Logo
Kultur

100 Jahre Prohibition: Leben wir wieder in puritanischen Zeiten? | BR24

© dpa/Bildfunk

Bar

Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

100 Jahre Prohibition: Leben wir wieder in puritanischen Zeiten?

Rauchverbot, Tempolimit, Fleisch: Es wird wieder heftig über Moral, Politik und Verbote debattiert. Manch einer fürchtet die Rückkehr eines puritanisch-erzieherischen Staates wie zu Zeiten der Prohibition. Doch der Feind des Genusses sitzt anderswo.

Per Mail sharen
Teilen

Lange wurde nicht so viel und so heftig über Verbote debattiert wie gegenwärtig. Wir seien, heißt es dann, eine verdruckste Gesellschaft, die sich nur zu gerne vorschreiben lasse, wie sie zu leben habe. Und diese Gesellschaft wünsche sich einen Staat, der als fürsorglicher Erzieher auftrete: Politik als moralische Besserungsanstalt.

Durch solche Debatten geistert ein Gespenst: das Gespenst der Prohibition. Als Amerika vor 100 Jahren den Alkohol zur "Störung der öffentlichen Ordnung" erklärte, hatte sich eine puritanische Mäßigungsbewegung aus dem 19. Jahrhundert politisch durchgesetzt. Eine solche soll nun wieder am Werk sein, in modernisierter Form. Sie kämpft nicht mehr nur gegen Spirituosen, sie geht aufs Ganze – mit Druckmitteln wie Flugscham, ethischem Konsum, Reinheitsfantasien von CO2-neutralem Leben und Gesundheitsprüderie. Der Widerstand gegen diese Zumutungen beruft sich auf Freiheitspathos und Sinnenfreude. Er subsumiert sehr Verschiedenes unter der großen Verbotsfrage – und betrachtet den vorsichtigen Plan eines Veggie-Days als Attacke auf Esskultur und Identität, ein Tempolimit auf Autobahnen als Entmündigung, das Rauchverbot in Gaststätten als verordnete Genussfeindlichkeit.

Rausch und Risiko

Und es stimmt ja: Verqualmte Raucherverschläge sind trostlos – und können tatsächlich etwas von Sünderbänkchen haben. Wie anziehend war dagegen die ernste Beiläufigkeit der kleinen existenzialistischen Geste, mit der man sich, als das noch erlaubt war, überall eine Zigarette anzünden konnte: im Hotelzimmer, in der Bahn, im Fernsehstudio oder zur Dienstbesprechung.

Doch es gibt eine Kleinigkeit, die man bei der Verteidigung des Alltagslasters gegen Verbote und Regeln nicht übersehen darf: Droge, Gift und Rausch sind nur dann wirklich sexy, wenn es – vielleicht sogar mit einem Hauch von Todesverachtung – um das eigene Risiko geht. Die eigene Gesundheit, den eigenen Kontrollverlust. Genau darum drehen sich die Verbotsdebatten von heute nicht. Wer darauf pocht, sich den Inlandsflug nicht von Klimapuritanern und das Schnitzel nicht von lustfeindlichen Veganern schlecht machen zu lassen, riskiert selbst nicht viel. Er will es nur bequem haben, will kriegen, was er sich leisten kann – oder einfach weitermachen wie bisher. Nach Grenzüberschreitung, Exaltation oder auch nur ein ganz klein wenig Glamour sieht das nicht aus.

Die Arbeitsethik der Selbstkontrolle

Der eigentlich tückische Feind von Lust und Rausch sitzt längst nicht mehr im Verbot und vermutlich auch nicht in der Moral. Er sitzt in unendlich verfeinerten Anreizen zur Selbstkontrolle. In der digitalen Präsentation der eigenen Person, die unermüdliche Disziplin verlangt. Oder in der Smartwatch, die Schritte zählt und Schlafzeiten verzeichnet – und ihrem Besitzer niemals etwas vorschreiben muss. Freundliche Ermahnungen tun es auch.

Der sanfte Refrain darin lautet: Willst Du es nicht noch einmal versuchen? Könntest Du es nicht besser? Ein bisschen jedenfalls? Und dieses "besser" klingt irgendwie frei, weil es eben nicht moralisch gedacht ist, sondern im Sinne von "schöner, schneller, weiter". Steigerung also, nicht Selbstbeschränkung, Optimierung statt Verzicht. So richtig lustvoll allerdings ist diese Logik dann doch nicht. Im Gegenteil: Sie hat etwas von sehr protestantischer Arbeitsethik – da braucht es gar keine Prohibition und keinen Tugendstaat.

Die tägliche Dosis Kultur – die kulturWelt als Podcast. Hier abonnieren!

Verpassen war gestern, der BR Kultur-Newsletter ist heute: Einmal die Woche mit Kultur-Sendungen und -Podcasts, aktuellen Debatten und großen Kulturdokumentationen. Hier geht's zur Anmeldung!