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100 Jahre Charles Bukowski: Der Dirty Old Man der Literatur | BR24

© Audio: BR / Foto: picture alliance/ Magnolia Pictures/ Everett Collection

Charles Bukowski wurde vor 100 Jahren geboren.

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100 Jahre Charles Bukowski: Der Dirty Old Man der Literatur

Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Charles Bukowski hat sich auf die weniger erfreulichen Seiten der Gesellschaft konzentriert. Vor hundert Jahren wurde er geboren. Ein Klassiker des Underground oder nur eine Fußnote der Literaturgeschichte?

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Ich erinnere mich noch, wie peinlich es war, Buchhändlerinnen den Titel des Lyrikbandes "Gedichte, die einer schrieb, bevor er im achten Stockwerk aus dem Fenster sprang" von Charles Bukowski zu nennen oder nach "Fuck Machine" zu fragen, den ersten, ins Deutsche übersetzten Erzählungen. Mitte der 70er-Jahre tauchte seine Name öfter auf in kleinen Literaturmagazinen und Blättern der Alternativ-Szene.

Der ausgebuffte Bukauski

Charles Bukowski – die Amerikaner sagen übrigens "Bukauski" – schien ein harter, ausgebuffter Typ zu sein, ein Autor, der in der urbanen Krake von Los Angeles hauste und über die wenig erfreuliche Seiten Amerikas schrieb. Ein von schwerer Akne gezeichnetes Narbengesicht, das mit Huren posierte. Er hatte als Postbote gejobbt, im Schlachthof und bei der Eisenbahn gearbeitet, um sich über Wasser zu halten.

Nur bis zum Alter von vier Jahren ist man wirklich frei, später geht’s dann auf die eine oder andere Schule. Da wirst du dann getrimmt und in bestimmte Interessensgebiete gesteckt. Dir wird jegliche Individualität abgesprochen, falls du jemals welche hattest, und du mutierst zu einer Person, die sich Quizshows im Fernsehen ansieht. Jetzt bist du bereit, für einen Job, der dir das Gefühl von Selbstwert vermitteln soll. Kann man doch mal ausprobieren, denkst Du dir. Also heiratest du und tust so als wär‘s ein Sieg. Du bekommst Kinder und tust so, als wär das ein Sieg, aber im Grunde ist das Meiste, was die Menschen absolvieren, Geburt, Heirat und Kinder, nur ein Pflichtprogramm, weil sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen. Es steckt keine große Idee dahinter, keine Kraft, kein Feuer. Im Grunde ist es ziemlich platt. – Charles Bukowski

Dirty Old Man?

Seine Kolumne in der Underground-Zeitschrift Open City hieß Notes of a Dirty Old Man. Alt war er, aber schmutzig? Erschreckend ehrlich hätte besser gepasst. Bukowski, Sohn deutschstämmiger Immigranten, gehörte der Generation der Beatautoren an, war aber hart gesottener als Kerouac, Ginsberg und Co. Buk, wie ihn Freunde nannten, (oder Hank Chinaski, wie er in einem Roman schrieb) war kein Fan von Bewusstseinserweiterung. Jazz, Müsli, Tantra-Sex und leichte Drogen, den alternativen Zirkus, den einst die Beatniks propagiert hatten und der längst im Mainstream angekommen ist, lehnte er ab. Er setzte sich literarisch mit dem auseinander, was Menschen bleibt, die nicht die Chance haben auf feingeistige Literatur und Sensibelgetue, wie in der Verlagsbranche üblich.

Zwischen Banalitäten und Beethoven

Bukowski, der sich offen zu seinem Alkoholkonsum bekannte, schrieb mit leichter Hand und knochentrockenem Humor über den Horror des Banalen, über miesen Sex, leichte Frauen, Pferdewetten, miserable Jobs, die Freuden des Suffs. Merkwürdig war, dass er sich nicht für harte Rockmusik, für Jazz oder Blues interessierte, sondern für Klassik, für Beethoven, Tschaikowsky und Mahler, die Werke von weißen alten Männern, deren Musik als pathosgeladene Glorifizierungs- und Erhabenheitsmaschine funktioniert – wie gesagt, Bukowski war älter als die Studenten der 70er-Jahre. Er wusste, was kam. Seine Fans, die deutlich jünger waren, bewunderten jedenfalls die Lakonie, die er der höchst schnöden Realität abrang. Als wären sie aus der Hüfte geschossen, so wirkten seine Sätze.

© picture alliance/ Magnolia Pictures/ Everett Collection

Bukowski stand offen zu seinem Alkoholkomsum, war aber kein Fan von Bewusstseinserweiterung.

Bukowski war cool, ein Außenseiter und Einzelgänger, dessen prägnanten Tonfall viele seiner Schüler aus der 68er-Generation, wie etwa Jörg Fauser, kopieren wollten, was selten gelang. Das Schreiben fiel ihm leicht. Wenn er sich etwas beschickert an die Schreibmaschine setzte, dann dudelte im Hintergrund das Klassikradio und er machte sich daran, sein Programm vom Anti-Beatnik in wunderbar einfache, klare Sätze zu gießen, über eine Existenz zu schreiben, die ohne jede Hoffnung auf einen Traum oder irgendeine Vision, wie man heute so gerne sagt, am unteren Ende der materialistischen Welt stattfindet.

Mir hat das alles nicht gefallen. Ich mochte keine 8-Stunden-Maloche, Halbtagsjobs auch nicht, obwohl ich gerne einen gehabt hätte, also hab‘ ich eine Entscheidung getroffen. Für mich ist es besser, hungernd an den Rändern des Nirgendwo zu leben als dem Durchschnitt hinterherzujagen und als Normalo einsortiert zu werden. 50 Jahre lang hat man mich als Vogelscheuche abgetan, aber allmählich hält man mich doch für einen Schriftsteller. – Charles Bukowski

Schreiben als Alternative zur banalen, bewusstlosen Existenz – trotz aller Misanthropie sind seine Texte immer voller Zärtlichkeiten für die Mitmenschen. Der amerikanische Existenzialist Bukowski gehört in eine Reihe mit Hamsun und Céline. Er wird auch in Zukunft Leser finden, so viel dürfte klar sein.

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