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100 Jahre Bauhaus - "soziales Gewissen" in der Architektur | BR24

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Walter Gropius - der Architekt ist Begründer der Kunstschule "Staatliches Bauhaus" in Weimar: Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs wollte er 1919 mit einer neuen Gestaltung alltäglicher Dinge einen modernen Menschen prägen.

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100 Jahre Bauhaus - "soziales Gewissen" in der Architektur

Nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs wollte Walter Gropius 1919 mit einer neuen Gestaltung alltäglicher Dinge einen modernen Menschen prägen. Architekturhistoriker, Carsten Ruhl, wirft einen Blick zurück.

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Bayern 2-radioWelt: Die meisten Häuser im Bauhaus-Stil gibt es in Tel Aviv. Wie schneiden die deutschen Städte ab?

Professor Carsten Ruhl, Architekturhistoriker, Universität Frankfurt: Der Begriff des "Bauhaus-Stils" ist in gewisser Weise ziemlich problematisch, weil man immer fragen müsste: Was ist das eigentlich? Walter Gropius hat gesagt: So etwas wie Bauhaus-Architektur gibt es eigentlich gar nicht! Wenn man genauer hinschaut, wurden erst relativ spät Architekten am Bauhaus ausgebildet. 1919 wurde das Bauhaus eröffnet, 1927 gab es zum ersten Mal so etwas wie eine Architekturklasse, und 1928 verließ Walter Gropius das Bauhaus schon wieder. Interessant ist aber, dass der Begriff "Bauhaus-Stil" im Bezug auf Architektur danach eine unglaublich große Rolle gespielt hat.

Bayern 2-radioWelt: Aber es muss doch Kriterien geben, nach denen man sagen kann: Diese Gebäude zählen dazu, diese nicht.

Carsten Ruhl: Es gibt eine ganz oberflächliche Betrachtungsweise, die sagt: Alles, was irgendwie ein Flachdach hat, was weiß verputzt ist und funktionalistisch aussieht, lässt sich dem Bauhaus zuordnen, zumal wenn es in den 1920er Jahren entstanden ist. Aber ist das ein gut definierter Begriff von Bauhaus-Architektur? Oder ist es nicht vielmehr so, dass man von Bauhaus-Architektur sprechen müsste, wenn es sich tatsächlich bei den Architekten um ehemalige Mitglieder des Bauhauses handelt - wie Walter Gropius, der lange Zeit keine großen Projekte realisieren konnte.

Bayern 2-radioWelt: Gehen wir mal weg von Gebäuden - was macht den Bauhaus-Stil grundsätzlich aus?

Carsten Ruhl: Es geht idealerweise immer um Funktionalität, um den Verzicht auf überflüssiges Ornament und Dekor. In der zweiten Phase des Bauhauses in Dessau dreht sich viel um industrielle Gestaltung, um Prä-Fabrikation, um Massenherstellung mit Hilfe der Industrie. Funktionalität ist aber immer auch mit Schönheit verbunden. Unter der Prämisse, dass alles, was überflüssig ist, eben auch nicht schön sein kann. Das ist eine weit verbreitete Diskussion gewesen Anfang des 20. Jahrhunderts. Man wollte die großbürgerlichen, historistischen Stil-Orgien endlich überwinden. Alle diese Idealvorstellungen waren wichtig für das Bauhaus und haben vor allem dann auch die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt.

Bayern 2-radioWelt: Wie revolutionär war das?

Carsten Ruhl: Das Bauhaus gehört zu den wichtigsten Kunstschulen des 20. Jahrhunderts, es war natürlich revolutionär. Allerdings ist das Bauhaus auch nicht wie ein Phönix aus der Asche aufgestiegen. Es gab ganz viele Tendenzen, die Gropius sehr geschickt miteinander verbunden hat. Das Bauhaus als Institution besteht vor allem darin, alle Tendenzen des frühen 20. Jahrhunderts zu vereinen. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hat es zahlreiche Reformbewegungen gegeben - im Bereich der Gestaltung und im Kunsthandwerk. Gropius nimmt das alles auf und stellt das später so dar, als sei er auf die Idee gekommen und habe das Bauhaus völlig voraussetzungslos installiert.

Bayern 2-radioWelt: Gibt es heute vergleichbare Reformbewegungen, die das Potential haben, in der Architekturgeschichte solche Spuren zu hinterlassen?

Carsten Ruhl: Jein. Ich habe keinen Architekten getroffen in neuerer Zeit, der behaupten würde, das Bauhaus hätte noch einen Vorbildcharakter für die eigene Praxis. Was man aber beobachten kann nach dem ganzen Star-Architekten-Kult der letzten Jahre, dass es so etwas wie ein "soziales Gewissen" in der Architektur gibt - mit den Grundfragestellungen: Welche Probleme haben wir auf der Welt und wie kann man als Architekt/in darauf reagieren? Und: Wie schafft man den Schritt von der Diagnose zur Praxis und trägt dazu bei, dass diese Probleme gelöst werden können?