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"Es ist längst uncool, auf Instagram mit Filtern zu arbeiten" | BR24

© Audio: BR / Bild: picture alliance / NurPhoto

Instagram wird zehn Jahre. Ist die Plattform inzwischen auch ein politisches Medium geworden? Antworten von Annekathrin Kohout.

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"Es ist längst uncool, auf Instagram mit Filtern zu arbeiten"

Instagram wird zehn Jahre – in der Zeitrechnung digitaler Medien ein stolzes Alter. Die Plattform hat die Selbstinszenierung revolutioniert, doch ist sie auch ein politisches Medium geworden? Antworten der Medienwissenschaftlerin Annekathrin Kohout.

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#Pussypower, #selflove, #feminist, #divinefeminine, #vulvaart: Das sind nur ein paar Hashtags, die auf Instagram Selbstermächtigung – in diesem Fall weibliche – versprechen. Sind das nur lockende Labels oder ist die zu Facebook gehörende Bildplattform in den zehn Jahren, die es sie nun gibt, tatsächlich progressiver geworden? Joana Ortmann hat mit Annekathrin Kohout, Netzfeministin und Bild-Wissenschaftlerin, die digitale Kulturen erforscht, über zehn Jahre Instagram gesprochen.

Joana Ortmann: Frau Kohout, gleich die Frage an Sie: Ist Instagram inzwischen auch eine politische und progressive Plattform?

Annekathrin Kohout: Aus meiner Sicht hat sich da tatsächlich etwas getan. Die durchaus demokratische Ausgangslage, dass jede Person dort Bilder veröffentlichen kann, sich dort selbst inszenieren kann und auch entsprechend adressieren kann, würde ich sagen, hat definitiv gewisse Erfolge nach sich gezogen. Was man vielleicht daran sieht, dass natürlich Labels zunehmend bestimmte Ästhetiken aufgreifen, die sie auf Instagram, aber vielleicht auch in den sozialen Medien generell beobachten, und meistens sind dann diese Bildmotive tatsächlich auch aus bestimmten aktivistischen Bewegungen. Dadurch werden Motive und auch Anliegen in eine sehr viel breitere Öffentlichkeit getragen, die vielleicht sonst nicht in diese Bereiche außerhalb der Community gekommen wären. Mein Lieblingsbeispiel ist immer "Germany's Next Topmodel": all diese Bemühungen, nicht nur Size-Zero-Models einzuladen, nicht nur weiße Menschen einzuladen, sondern auch People of Color. Das kann man jetzt ein bisschen angestrengt finden und ein bisschen pseudo, aber im Endeffekt führt es dann eben doch dazu, dass auch der letzte Teenager in Deutschland noch mal googelt: Was ist eigentlich Diversity?

Für alle, die sich jetzt vielleicht nicht täglich auf Instagram bewegen, vielleicht etwas grundsätzlich: Was ist das für ein Medium, mit dem wir es zu tun haben? Es ist ein Medium, in dem man vor allem durch Filter auf die Welt schaut – die dann schön ist: schöne Natur, schöne Tiere, schöne Menschen, schöne Nahrungsmittel …

Instagram hat sich in den vergangenen Jahren insgesamt sehr verändert. Es hat genauso begonnen, wie Sie gerade gesagt haben, mit vielen Filtern, mit denen man dann immer eine Art Retro-Effekt hervorrufen und damit natürlich auch eine gewisse Bildästhetik erzielen konnte. Aber tatsächlich hat sich das auch sehr weit davon wegbewegt: Mittlerweile gibt es sehr viele auch sehr ambitionierte Fotografen und Fotografinnen auf dieser Plattform, die gar nicht mehr mit Filtern arbeiten, weil das längst uncool geworden ist, sondern wieder zu einer gewissen "Realität" zurückkommen. Aber natürlich: Das, was man am meisten auf Instagram sieht, was man am meisten von Instagram kennt, sind Verschönerungen der Welt und Darstellungen einer Welt, die erst mal irgendwie positiv ist. Was aber wiederum dazu führt, dass es so etwas wie Empowerment überhaupt möglich macht.

© Privat

Annekathrin Kohout

Vor einigen Tagen haben das Model Chrissy Teigen und ihr Mann, der Musiker John Legend, auf Instagram dokumentiert – und zwar in einer ganz anderen Bildsprache als normalerweise –, wie sie im Krankenhaus ihr Kind verloren haben. Das war Schwarz-Weiß und hatte fast so eine Ikonografie wie Trauerbilder, man kann ähnliche Darstellungen sogar in der Kunstgeschichte finden, wenn man möchte, etwa bei Frida Kahlo. Das fand ich ein interessantes Beispiel für die Dimension, die da möglich ist auf Instagram. Wie sehen Sie das?

Das habe ich auch schon beobachtet. Es gibt tatsächlich eine Vielzahl von Accounts, die mit diesen Themen auch regelrecht arbeiten. Man kann das auch in diesem Sinne problematisch finden: Alle Bilder bleiben ja immer gespeichert, es sei denn, man löscht sie selber, aber erst mal dokumentiert ja Instagram das eigene Leben oder diese wenigen Ausschnitte, die man veröffentlichen will. Ich habe ein paar andere Accounts schon verfolgt, in denen Todesfälle verhandelt wurden, und mir kam es immer ein bisschen merkwürdig vor, dieses Ereignis im Leben als so eine Etappe vorliegen zu haben, die sich irgendwie nachverfolgen lässt. Wenn man es zum Beispiel nicht "live" mitbekommen hat, dann schaut man drei Wochen später oder drei Jahre später auf diesen Account, und man wird sehen: Da gab es diese zwei Wochen, und da war irgendwie etwas ganz, ganz Starkes, aber irgendwie ist es unter denselben Filtern wie das restliche Leben. Es ist schon eine sehr, sehr neue Umgangsweise mit dem Tod, und da bin ich mir, ehrlich gesagt, noch unsicher, wie ich das einschätzen soll. Aber es bleibt immer ein bisschen mulmiges Gefühl bei mir zurück.

Das liegt in der Natur der Sache, denke ich. Ich frage mich nur: Ist das eine neue Dimension? Hat es auch etwas Aufklärerisches? Findet eine wirkliche Ermächtigung statt in dem Sinne: Ich bestimme, was ich öffentlich mache und wie ich damit umgehe – bis in die Bilderpolitik hinein?

Da haben sie völlig recht, das ist natürlich die Argumentationsweise derer, die solche Bilder veröffentlichen: Das ist meine Umgangsweise mit Trauer und wieso sollte ich das nicht tun können? Das zeigt natürlich vor allem erst mal, dass das Medium Instagram tatsächlich dazu dient, vieles aus dem Alltag zu zeigen, und dass es die Ambition gibt, nicht nur die positiven, sondern auch die negativen Momente zu zeigen. Dass wir sozusagen in den Sozialen Medien leben und denken und uns zeigen wie in der Realität auch. Nichtsdestotrotz finde ich natürlich auch die Kritik daran plausibel, dass es einen Beigeschmack behält in dem Moment, wo man anfängt, auf den Bildern bestimmte Firmen zu verschlagworten, zum Beispiel die Firma der Wiege, in der das tote Kind liegt, oder des Pullovers, den man trägt, wenn man es hält. Das ist natürlich schon auch eine gerechtfertigte Kritik, weil es auf diejenigen, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, die Situation nicht genug würdigt oder vielleicht doch nicht der richtige Umgang ist.

Da sprechen Sie eine ganz interessante Entwicklung an: das Social Media Shopping, das sich dem Online-Shopping folgend entwickelt hat. Ist das auch so ein weiterer großer Bogen? Sind solche Entwicklungen wie Social Media Shopping eigentlich Techniken, die wieder näher ans Analoge heranrücken, weil man dann plötzlich wieder so einen direkten Austausch in einem begrenzten Raum hat? Ganz anders als das anonyme Shopping – noch dazu, wenn es verbunden ist mit so hoch emotionalen Ereignissen …

Das finde ich eine interessante These, die, glaube ich, stimmt. Man könnte sagen, das ist eine extreme Form des Einzelhandels. Aber im Endeffekt natürlich wiederum auch nicht, denn das einzige, was passiert, ist: Man verlinkt es mit den Unternehmen oder vielleicht mit bestimmten Ketten, die die Unternehmen vertreiben. Aber ja, was auf jeden Fall richtig ist: Das ist eine sehr, sehr persönliche Art und Weise, sich Dinge anzueignen über Konsum. Und mich überrascht es auch jedes Mal wieder, wo die Emotionen bei dieser Art von Konsum herkommen: gar nicht so sehr von einer bestimmten Produktgestaltung her, wie wir das normalerweise kennen, oder von der Inszenierung her auf einen Point of Sale, sondern eben wirklich über ein Bild und einen Text, die auf Instagram im eigenen Feed, auf der eigenen Startseite landen.

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