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Kampf um ein Kulturgut: 1.700 Jahre freier Sonntag | BR24

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Bildrechte: picture alliance / VIE7143 | Leopold Nekula

Diese Woche feiert er seinen 1.700. Geburtstag: der arbeitsfreie Sonntag. "Sechs Tage sollst Du arbeiten, am siebenten Tage sollst Du ruhen", heißt es in der Bibel. Doch dieses Gebot spielte - wie manche meinen - bei seiner Einführung keine Rolle.

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Kampf um ein Kulturgut: 1.700 Jahre freier Sonntag

Diese Woche feiert er seinen 1.700. Geburtstag: der arbeitsfreie Sonntag. "Sechs Tage sollst Du arbeiten, am siebenten Tage sollst Du ruhen", heißt es in der Bibel. Doch dieses Gebot spielte - wie manche meinen - bei seiner Einführung keine Rolle.

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Von
  • Markus Kaiser
  • Martin Jarde

Es ist das Jahr 321 nach Christus. Kaiser Konstantin der Große macht der römischen Bevölkerung ein Geschenk: Alle Richter und Einwohner der Städte, auch die Arbeiter aller Künste, sollten am ehrwürdigen Tag der Sonne ruhen.

Kaiser Konstantin erklärt Sonntag im Jahr 321 zum Feiertag

Er erklärt den "dies solis", also den Tag der Sonne, zum verpflichtenden Feiertag. Allerdings nicht für alle. Bauern sollten nach wie vor ihre notwendige Arbeit verrichten. Die frühen Christen hatte Konstantin wohl nur bedingt im Blick, sagt Philipp Büttner von der Allianz für den freien Sonntag in München: "Er hat das gemacht, um verschiedene Bevölkerungsgruppen zu beschenken mit diesem Tag."

Letztendlich hat der den Sonntag ausgewählt, weil es einen ganz starken Kult gab, einen Sonnenkult im alten Rom, der sich unter den Soldaten stark verbreitet hatte. Und die Christen waren einfach Nutznießer dieser Regelung, weil sie eben just an diesem Tag auch ihren Feiertag hatten. Philipp Büttner

Ruhetag war zumindest für die jüdisch geprägten Frühchristen bis dahin noch der Schabbat. Der Sonntag wurde im Gedenken an die Auferstehung Christi gefeiert – drei Tage nach der Kreuzigung an einem Freitag.

Gottesdienst-Gebot seit dem Mittelalter

Kirchliche Gebote wie der verpflichtende Gottesdienstbesuch kamen im Mittelalter auf und damit auch das Verbot von bestimmten Arbeiten, wie dem Bau von Häusern, dem Fällen von Bäumen oder dem Waschen und Nähen von Kleidung.

Auch Luther hat mit seinem Katechismus im Jahr 1529 den Sonntag, wie wir ihn heute kennen, mitgeprägt, sagt Heidrun Alzheimer, Ethnologin an der Universität Bamberg. Der Reformator spreche davon, dass der Sonntag nicht nur der Frömmigkeit geweiht sein sollte, sondern auch der Erholung. Nicht nur die Protestanten, auch die Katholiken seien sehr darauf bedacht gewesen, den Sonntag zu heiligen, erklärt Alzheimer. Unterstützt wurde dies zusätzlich, indem man sogenannte Warnsagen von Sonntagsfreveln in die Welt setzte.

Auch Goethe beschäftigte sich mit dem "Sonntagsfrevel"

"Da gibt es Geschichten von Leuten, die den Gottesdienstbesuch verweigern und demonstrativ in ihrem Vorgarten arbeiten", erzählt Alzheimer. "Und wenn der Gottesdienst zu Ende ist und die Menschen zurück kommen, dann ist diese Person eben nicht mehr da. Die Erde hat sich aufgetan und sie verschlungen."

Auch Johann Wolfgang von Goethe beschäftigte sich mit dem "Sonntagsfrevel". In "Die wandelnde Glocke" wird ein Kind, das den Gottesdienst verschmäht, von der lebendig gewordenen Kirchenglocke verfolgt.

Kampf um den arbeitsfreien Sonntag

Mit der Aufklärung und der Säkularisierung beginnt ein Kampf um den Sonntag. In der Französischen Revolution wird er zum normalen Werktag erklärt, und in Zeiten der Industrialisierung sollen die Fabriken maximal ausgelastet werden. Es herrscht die Sieben-Tage-Woche.

Der Sonntag bekommt plötzlich eine große Bedeutung für den Schutz der Arbeiter, so der Volkskundler Roman Tischberger von der Universität Augsburg: "Im Zuge der Industrialisierung kommt ja erst einmal eine Vorstellung von Arbeit und Freizeit, wie wir sie heute kennen. Dass das zwei verschiedene Sphären sind. Das findet sich eben auch in den vielen Arbeitsgesetzen, die seit dem 19. Jahrhundert unsere Arbeitszeit immer weiter reduziert haben und dann schließlich wieder dazu geführt haben, dass der Sonntag doch wieder arbeitsfrei ist."

1891 wird Sonntagsruhe staatlich verordnet

So wird 1839 erst einmal die Kinderarbeit am Sonntag verboten. Gut 50 Jahre später im Jahr 1891 wird die Sonntagsruhe dann staatlich verordnet. Aus dem religiösen wurde immer mehr ein weltlicher Ruhetag, wovon die Geistlichen vielerorts nicht gerade begeistert waren. "Dann häufen sich die Klagen, dass die Leute am Sonntag zum Teil nicht mehr in den Gottesdienst gehen, sondern ins Wirtshaus. Manche beklagen sich, dass die Leute ihren Rausch ausschlafen", weiß der Theologe Peter Scheuchenpflug von der Universität Regensburg.

Mit der Weimarer Reichsverfassung wird der Sonntag 1919 offiziell zum "Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung", was für viele nach dem Kirchgang den Weg ins Wirtshaus zum Frühschoppen bedeutet. In den 1920er Jahren entwickelt sich die Ausflugskultur. "Waldspaziergänge sind modern geworden, das sonntägliche Vereinsleben hat einen großen Schub erfahren", sagt Ethnologin Heidrun Alzheimer.

Nazis versuchen Sonntag von Kirche zu lösen

In der Nazi-Zeit versucht das Regime, den Sonntag für sich zu beanspruchen und von der Kirche zu lösen – etwa mit speziellen Freizeitangeboten für Jugendliche während der Gottesdienst-Zeiten. Und in der Nachkriegszeit stellt sich für manche die Frage, ob man sich mit Blick auf den Wiederaufbau einen arbeitsfreien Tag leisten kann.

Doch am Ende wurden es sogar zwei Tage: Mit dem Samstag verschmolz der Sonntag ab den 1960er Jahren zum Wochenende, sagt Heidrun Alzheimer. "Der Samstag dient primär zur Vorbereitung des Sonntags – da wird im Haus gewerkelt, das Auto gewaschen, die Hausfrau kauft für den Sonntag ein."

Heute Schutz durch das Grundgesetz

Heute ist der Sonntag als arbeitsfreier Tag offiziell geschützter denn je. Durch das Grundgesetz aber auch durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2009, das den freien Sonntag als Schutz von Grundrechten sieht, etwa der Religionsfreiheit oder der Menschenwürde, sagt Philipp Büttner von der Allianz für den freien Sonntag.

Auch wenn Freizeit und Arbeit in Zeiten von Homeoffice immer individueller gestaltet und liegengebliebene Mails am Sonntag beantwortet werden – der erste Tag der Woche hat eine Wirkung auf die Gesellschaft, davon ist Philipp Büttner überzeugt: "Jeder versteht, dass am Sonntag ein Anruf nicht angenommen wird, jeder versteht, dass etwas nicht weiterbearbeitet wird an diesem Tag." Der Sonntag sei der Tag, an dem man sich darauf verlassen könne, dass auch andere für einen Zeit haben, sei es in Kirchengemeinden, in der Familie oder in Sportvereinen.

So ist der Sonntag nach 1.700 Jahren zwar immer noch nicht für jeden Menschen arbeitsfrei, aber er ist und bleibt etwas Besonderes, mit oder ohne Gottesdienstbesuch.

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