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Jedes zehnte Kind betroffen? Kommission legt Zwischenbericht zu Kindesmissbrauch vor

Als vor wenigen Jahren bekannt wurde, wie viele Kinder und Jugendliche in kirchlichen Heimen oder Internaten sexuell missbraucht wurden, war der Aufschrei groß. Eine Unabhängige Kommission wurde geschaffen, die die vielfältigen Formen sexuellen Missbrauchs – in Institutionen und auch in Familien - untersucht. Heute gab das Gremium einen Zwischenbericht ab.

Von: Hans-Joachim Vieweger

Stand: 14.06.2017

Eine Puppe im Rinnstein | Bild: picture-alliance/dpa

Tausend Betroffene haben sich bislang bei der Kommission gemeldet. Menschen, die sich bereit erklärt haben, ihre Geschichte zu erzählen. Menschen wie Leonie – sie ist heute etwa 20 Jahre alt. Sie musste als kleines Kind Schmiere stehen, während ihr Großvater ihre Zwillingsschwester missbrauchte: Wenn die Mutter kam, hatte sie den Großvater zu warnen - und wurde dann später, im Alter von elf, vom eigenen Vater zum Sex gezwungen.

"In der Anhörung hat Leonie gesagt, gleichzeitig zu lieben und zu hassen, kann schwer sein. Dieses Zitat macht deutlich, vor welch enormen Herausforderungen, vor welchem Leid Betroffene in der Familie oder im nahen Umfeld stehen."

Prof. Sabine Andresen, Vorsitzende der Kommission

Die Wahrheit will oft keiner hören

Die emotionale Zerrissenheit macht vielen Opfern noch Jahre, sogar Jahrzehnte, zu schaffen. Dazu kommt, dass ihnen häufig nicht geglaubt wird – im Gegenteil: Leonies Mutter warf ihr vor, mit ihren Vorwürfen mache sie nur die Familie kaputt. Bis der Vater endlich jenen Satz sagte: „Leonie lügt nicht. Es stimmt.“

"Das zentrale Bedürfnis von Betroffenen ist, dass ihnen geglaubt wird, dass sie gesehen werden, dass sie gehört werden. Und das ist eben nicht die übliche Erfahrung, die Kinder machen, die über sexuelle Gewalterfahrungen berichten wollen."

Matthias Katsch, Mitglied des Betroffenenrates und ständiger Gast der Kommission

Ein "Grundrisiko" der Kindheit

Matthias Katsch hat Missbrauch nicht in der Familie, sondern am Canisius-Kolleg, einer Jesuitenschule in Berlin, erlebt. Seit Jahren engagiert er sich dafür, dass das Unrecht nicht vergessen wird und Opfer Gehör finden.

Denn auch wenn es keine gesicherten Zahlen über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen gibt – Forscher schätzen, dass jedes zehnte Kind betroffen sein könnte. Katsch sagt es plakativ so:

"Ein bis zwei Kinder in jeder Schulklasse sind Opfer sexueller Gewalt. Es ist eben kein exotisches Schmuddelthema, wie es leider immer noch in der öffentlichen Wahrnehmung daher kommt, es ist ein Grundrisiko von Kindheit in Deutschland."

Matthias Katsch, Mitglied des Betroffenenrates und ständiger Gast der Kommission

Ein schärferer Blick ist gefragt

Christine Bergmann

Die Kommission folgert daraus: Kindesmissbrauch ist nicht allein ein individuelles Problem, sondern muss gesellschaftlich in den Blick genommen werden. Konkret heiße das zum Beispiel, dass sowohl in Schulen als auch in Jugendämtern der Blick geschärft werden müsse.

Die Ergebnisse der Kommission könnten dabei eine Hilfe sein, meint die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann, die ebenfalls der Kommission angehört.

"Aufarbeitung ist die Basis für eine wirkliche vernünftige Prävention. Alles was da aufgearbeitet wird, hilft Kinder künftig besser zu schützen und hilft eben auch den Betroffenen, mehr Unterstützung zu bekommen für das was sie erlitten haben und was sie benötigen, um mit den Folgen fertig zu werden."

Christine Bergmann (SPD), Bundesfamilienministerin 1998-2002

So müssten auch die Möglichkeiten, Opfern eine Entschädigung zukommen zu lassen, vereinfacht werden. Wer heute einen entsprechenden Antrag stelle, ernte häufig Unverständnis und erleide noch einmal jene traumatischen Erfahrungen, die den Missbrauch von Kindern und Jugendlichen so schlimm machen.


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