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Hausarzt statt Klinik Bereitschaftspraxen sollen Notaufnahmen entlasten

Die Notaufnahmen vieler Krankenhäuser sind gerade an den Wochenenden überfüllt, weil Patienten mit vergleichsweise harmlosen Erkrankungen nicht wissen, wohin sie sonst sollen. Eigentlich gibt es für solche Fälle einen Bereitschaftsdienst der Kassenärzte. Jetzt sollen neue Bereitschaftspraxen die Notaufnahmen entlasten.

Stand: 28.10.2017

Eine Bronchitis am Wochenende, ein Hexenschuss am Mittwochabend - für solche Fälle reformieren Bayerns Kassenärzte derzeit ihren Bereitschaftsdienst. Bayernweit werden Bereitschaftspraxen eröffnet, im kommenden Jahr soll es flächendeckend 110 solcher Praxen geben. Bisher mussten Ärzte einen Bereitschaftsdienst meist von ihrer Praxis aus machen oder zumindest telefonisch erreichbar sein.

Geöffnet auch abends und am Wochenende

Die nun installierten Praxen sollen dagegen feste Anlaufpunkte für Patienten an Wochenenden und in den Abendstunden sein - und damit verhindern, dass Menschen mit vergleichsweise harmlosen Erkrankungen in die Notaufnahmen der Kliniken gehen, weil sie nicht wissen, wo und wann ein Allgemeinmediziner Dienst hat.

Zugleich will die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) mit der Neuorganisation die Zahl der Bereitschaftsdienste für die Ärzte reduzieren. Denn nicht nur die niedergelassenen Hausärzte übernehmen Dienste in den Bereitschaftspraxen, sondern auch Mediziner, die sich freiwillig melden. Nach Einschätzung des Verbandes waren die vielen Bereitschaftsdienste bisher oft ein Hindernis für Ärzte, sich in ländlichen Gegenden niederzulassen.

Situation verbessert sich: Beispiel Forchheim

Die Situation habe sich nun deutlich verbessert, schilderte Hausärztin Beate Reinhardt, die im oberfränkischen Effeltrich (Lkr. Forchheim) praktiziert. In der Region Bamberg-Forchheim gibt es bereits seit Juli 2016 vier Bereitschaftspraxen. Früher habe sie tagelang Bereitschaftsdienste gehabt, ständig habe sie damit rechnen müssen, dass nachts das Handy klingelt, sagte Reinhardt.

"Das ist jetzt eine wahnsinnige Erleichterung für uns: Wir wissen, wann wir Dienst haben - und wo wir Dienst haben: in der Bereitschaftspraxis."

Hausärztin Beate Reinhardt

Für Hausbesuche in den Abendstunden und an Wochenenden richtet die KVB Fahrdienste ein.

"Der Arzt kann dadurch während der Fahrt schon Kontakt mit dem Patienten aufnehmen."

KVB-Sprecherin Birgit Grain

Über 3.000 Patienten im Monat in der Region Forchheim

Medizinerin Reinhardt bringt noch den Sicherheitsaspekt ins Spiel: Sie habe oft Angst gehabt, alleine "bei Nacht und Nebel" in ländlichen Regionen zu Hausbesuchen zu fahren. Man müsse zu teils einsam liegenden Höfen eilen - "und weiß nicht, was einen dort erwartet". Jetzt mit einem geschulten Fahrer sei es einfacher.

Die Kassenärztliche Vereinigung hat bislang gute Erfahrungen mit den schon eingerichteten Bereitschaftspraxen gemacht, etwa in der Region Bamberg-Forchheim: Die Bevölkerung nehme die Angebote gut an, im Schnitt kämen pro Monat 3.250 Patienten.

Nähe zum Krankenhaus

Für die niedergelassenen Mediziner der Region sei die durchschnittliche Bereitschaftszeit von 151 auf 66 Stunden jährlich gesunken. Auch am Klinikum Forchheim ist man zufrieden. Die Notaufnahme sei spürbar entlastet worden, teilte eine Sprecherin mit. Die Bereitschaftspraxis sei nur 100 Meter vom Krankenhaus entfernt - handle es sich doch um eine schwerere Erkrankung, könne der Patient gleich eingewiesen werden. Auch weiterführende Spezialuntersuchungen ließen sich unkompliziert zeitnah in der Klinik durchführen.

(Quelle: Bayern 3 Nachrichten, 28.10.2017 um 12 Uhr)


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H.E., Samstag, 28.Oktober, 17:42 Uhr

3. Häufiger Egoismus!

Viele kommen wegen einer Kleinigkeit und meinen dann noch, daß andere Dinge auch gleichzeitig noch erledigt werden können wie z.B. die Vorsorgeuntersuchung oder eine fällige Impfung bei Kindern und zwar besonders am Wochenende und auch am Wochenende nachts. Dann kommt noch häufig die Frage, wenn ein Medikament verschrieben wird, ob sie dies sofort besorgen sollen bei der diensthabenden Apotheke oder ob es noch am nächsten Morgen Zeit hat.
Das sie dadurch aber den echten Notfällen den Platz wegnehmen, die häufig stationär aufgenommen werden müssen und für die dann oft irrsinnige Wartezeiten entstehen, daran denken die nicht.

  • Antwort von Nadine, Samstag, 28.Oktober, 19:45 Uhr

    Hinzu kommt dann noch eine 2 Klassenmedizin. "Sie sind privat versichert? Na, dann kommen Sie gleich mal mit." - Ganz ehrlich: das gesamte Gesundheitssystem ist krank. Eine Bürgerversicherung in die dann wirklich alle einzahlen d.h. ebenso Beamte, Politiker, Anwälte, Ärzte etc. pp. ist längst überfällig. Man kann nur hoffen, dass sich da die Grünen in der Jamaika-Koalition durchsetzen können.

  • Antwort von H.E., Samstag, 28.Oktober, 22:33 Uhr

    @ Nadine
    Das mag in einer Praxis vorkommen, aber in der Klinik wo meine Tochter als Kinderärztin arbeitet, wird kein Unterschied gemacht.

  • Antwort von Stan, Sonntag, 29.Oktober, 11:13 Uhr

    @ Nadine: die "Bürgerversicherung" führt dazu, daß noch mehr Ärzte ihren Beruf an den Nagel hängen oder ins Ausland abwandern. Wir arbeiten schon jetzt zu Dumping-Honoraren. 2015 sind 1251 deutsche Ärzte ausgewandert, dazu 892 ausländische (meist mitteleuropäische) Ärzte,
    Wenn die Bürgerversicherung kommt, wandere ich auch aus. Ich spreche mehrere Sprachen fließend und lasse mir das Leben von inkompetenten Politikern wie Ulla Schmidt (SPD) vermiesen, die als Gesundheitsministerin für unsägliche Ideen wie Bürgerversicherung, Praxisgebühr, Abschaffung von Praxen zugunsten medizinischer Versorgungszentren oder "Hausarzt als Lotse" (führte zur Kostenexplosion) steht.
    Die Ideen der Grünen, SPD und Linken bedeutet für den Patienten den Verlust vertrauter Ärzte. Ich kenne die Klagen der Patienten, daß sie anderswo jedes Mal von einem anderen Arzt untersucht wurden, und mir wegen der "Massenabfertigung" auch nicht den Namen der Kollegen nennen konnten, wo sie zuvor behandelt wurden.

  • Antwort von Stan, Sonntag, 29.Oktober, 11:31 Uhr

    @ H.E.
    Ihre Erfahrungen kann ich bestätigen. Wir schieben häufig Patienten trotz voller Sprechstunden ein, weil sie den Arzthelferinnen mitteilten, akute Probleme zu haben. Es ist keine Ausnahme, wenn sich im Sprechzimmer herausstellt, daß die Beschwerden entweder schon länger bestanden, oder der Patient schlichtweg nicht in der Arbeit war und eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verlangt. Solche Fälle gehen zu Lasten von Patienten mit echten gesundheitlichen Problemen.
    Das Schlagwort von der "Zweiklassenmedizin" wird politisch mißbraucht. Kassenpatienten werden in echten Notfällen genauso schnell und genau so gut wie Privatpatienten behandelt. Der Unterschied liegt eher in IGEL-Leistungen. Während Privatversicherungen modernste Diagnoseverfahren übernehmen, zahlt die GKV nur die "wirtschaftlichste" Variante oder Generika. Viele Kassenpatienten wissen um den Wert ihrer Gesundheit. Der "Nulltarif"-Typ diskutiert dagegen wegen 20.-Euro und leistet sich gleichzeitig Luxusreisen.

Peter K., Samstag, 28.Oktober, 12:48 Uhr

2. Bereitschaftspraxen

Nähe zur Klinik vielleicht in Forchheim, wenn man kein Auto hat und doch schwer krank ist - geht man dann frustriert und krank nach Hause wenn die Bereitsschaftspraxis überfüllt ist, oder dort der Facharzt schon geschlossen hat.

Meiner Meinung geht das zu Lasten des Patienten. Wahrscheinlich nimmt man Kollateralschäden in Kauf wenn Schwerkranke auf der Strecke bleiben, die sonst eigentlich nicht wegen jedem Wehwechen zum Arzt gehen. Wenn man ernste Bedenken, oder Verletzungen hat am besten gleich den Notarzt anrufen und da sehe ich keine Entlastung für die Klinik. Man wird als Patient nur entmündigt und nur ....

Stan, Samstag, 28.Oktober, 12:40 Uhr

1. die Ärzte werden unter der Dauerbelastung selber krank

Sprechstunde von Montag bis Freitag, nach der Sprechstunde Fortbildungen, Bereitschaftsdienste ..... darüberhinaus noch 1000 Kleinigkeiten, die für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur notwendig sind. Personal, Parkplätze, Service-Firmen, Elektriker, Praxisbedarf (das beginnt bei Gummibärli und ist mit Handtuchreinigung, Wäscherei und Klopapier nicht abgeschlossen).
Wenn am Wochenende keine Fortbildungen sind, verzichte ich auf Ausflüge, weil ich ausgelaugt bin von der Arbeitswoche. Und wenn ich mal wirklich am Wochenende zum Biergarten radle, was höchstens 2 x im Jahr vorkommt, bin ich immer wieder sprachlos, wie überlaufen Radwege und Wälder von Ausflüglern sind. Selbst an Wochenenden schreibe ich Atteste und Gutachten, weil Patienten für Versicherungen, Arbeitgeber, Gerichte usw. irgendwelche medizinischen Bescheiningungen brauchen.
Dieser Artikel beschreibt die Thematik Bereitschaftsdienste unter Ausblendung der Tatsache, daß wir Ärzte oft bereits auf Anschlag malochen.

  • Antwort von TKO (Tendy Pendergrass), Samstag, 28.Oktober, 15:05 Uhr

    Sehr interessant was sie da schreiben, Stan!

    Aber was wollen sie wie ändern oder was sollte sich aus ihrer Sicht ändern? Mehr Ärzte? Mehr Anreize für Landärzte? Andere Abrechnung ohne Fallpauschalen?
    Selbstbeteiligung bei Patienten? Praxisgebühr wieder einführen? Telefonische Beratung?

  • Antwort von Stan, Samstag, 28.Oktober, 19:33 Uhr

    @ TKO, daß die Notaufnahmen überlastet sind, ist unbestritten.
    Durch Bereitschaftsdienste entlasten wird diese ohnehin.
    Nur, die Ressourcen an Arbeitskräften sind am Limit. Im Bereitschaftsdienst ist es schon normal, daß ich von medizinischem Personal unterstützt werde, das fachfremd für die jeweiligen Ärzte ist und man Diagnosen und Therapie nicht so flott kommunizieren kann wie in der eigenen Praxis. Aus der Not geboren ist es keine Seltenheit, daß uns im Bereitschaftsdienst Kollegen unterstützen, die bereits älter als 70 Jahre sind.
    Mehr Ärzte? Ich sehr schwarz. Unser Altersschnitt ist um die 55. Nach uns kommt nicht mehr viel Nachwuchs. Der Arztberuf ist zu unattraktiv geworden. In den letzten Jahren sind etliche Kollegen noch vor dem Rentenalter verstorben.
    Landärzte erwarten Patienten ohne Ende und vielleicht mal 2-3% Privatpatienten. Mit 98% Kassenpatienten kann keine Praxis auf Dauer überleben.
    Die GOÄ stammt vom 1.1.1996 - Honorare sinken, Ausgaben steigen.

  • Antwort von Stan, Samstag, 28.Oktober, 20:12 Uhr

    @ TKO,2
    Die Abrechnung ist bescheiden. Die wenigsten wissen, daß die KVB einen Teil unserer Honorare einzieht, und daß wir obendrein für die Benutzung der spartanisch eingerichteten Bereitschaftspraxen Nutzungsgebühren zahlen müssen.
    Selbstbeteiligung wäre sinnvoll für die Patienten, die keine Notfälle sind, und nur, weil sie Wartezeiten auf Termine und in Praxen unterlaufen möchten, regelmässig in Notfallpraxen vorstellig werden. Kosmetische Operationen habe ich verweigert, und mir Beschwerden von Patienten eingehandelt.
    Die Praxisgebühr war sowohl für Patienten wie Ärzte ein Bürokratiemonster. Klares NEIN.
    Telefonische Beratung? Ein Arzt muß Patienten sehen und untersuchen. Durch Ferndiagnosen riskiert man fatale Fehldiagnosen.
    Die Politik hat in den 1980/90er Jahren unter dem Schlagwort "Ärzteschwemme" Fehlentwicklungen Vorschub geleistet.
    Ärzte und Pfleger sind am Limit. Die Erwartungshaltung der Patienten zu hoch. Eine Ausbildung zum Arzt lange. Lösungen brauchen Zeit.

  • Antwort von TKO (Tendy Pendergrass), Sonntag, 29.Oktober, 10:24 Uhr

    "Mit 98% Kassenpatienten kann keine Praxis auf Dauer überleben."

    Ist das Gesundheitssystem krank?

    Die Solidargemeinschaft finanziert eine riesige Infrastruktur im Gesundheitswesen wie z.B. Krankenhäuser. Nicht alle beteiligen sich.
    Privatpatienten tragen dazu nichts bei und zahlen stattdessen an private Versicherungen.

    Sie nutzen aber diese Einrichtungen gemessen am Beitrag überproportional und bevorrechtigt. Da lässt sich leicht mal den 3,5-fachen Satz der Versicherung bezahlen.
    An der allgemeinen Finanzlast ändert das nichts. Ist das nicht unsolidarisch und eine etwas hinterhältige Umverteilung von Wirtschaft zu einzelnen Ärzten?
    Die Gewinne werden bei den Krankenversicherungen privatisiert und ein Stück vom Kuchen bekommen Ärzte.

    Ist dieses System gerecht? Ist das System sinnvoll, speziell wenn es um die Versorgung in der Fläche geht?

  • Antwort von Stan, Sonntag, 29.Oktober, 12:03 Uhr

    Das deutsche Gesundheitssystem hat Unzulänglichkeiten. Das liegt am wenigsten an den Ärzten.
    Wie kann es sein, daß mir griechische, italienische oder türkische Patienten, die von Mai bis Oktober in ihrer Heimat sind, und denen ich geraten hatte, die Kontrollen in ihrer Heimat fortzuführen, sagen, sie kämen lieber zu mir als zum Doktor außerhalb Deutschlands?
    Patienten berichten, die Ärzte in ihrer Heimat wären nicht gut, unter hundert Euro cash geht kein Arztbesuch.
    Verunglimpfung von Privatpatienten ist ungerecht. Mit 16.-Euro pro Quartal lässt sich keine Praxismiete finanzieren. Es sind die Privatpatienten, die faktisch durch Quersubvention der Kassenpatienten Ärzten die Existenz ermöglichen.
    Der 3,5 fache Satz ist die Ausnahme. 1000.-Euro pro Monat für die Krankenkasse und 16.-Euro pro Quartal (=3 Monate!) als Honorar für den Arzt - kennen Sie die Fakten?
    Die Managergehälter der GKV-Vorstände sind ein Schlag ins Gesicht jeder Krankenschwester. Hier liegt der Hase im Pfeffer.

  • Antwort von Stan, Sonntag, 29.Oktober, 13:05 Uhr

    @ TKO
    "Aber was wollen sie wie ändern oder was sollte sich aus ihrer Sicht ändern? "

    Verantwortungsvolle Berufe brauchen Rahmenbedingungen, um einen Beruf ausüben zu können, der die dort arbeitende Bevölkerung selber nicht krank macht und eine gesicherte Existenz ermöglicht.

    Je höher die Belastung, je schlechter die Arbeitsverhältnisse für Leistungsträger, desto schlechter das Gesundheitswesen für Patienten.

    Die nun in Bamberg-Forchheim installierten Bereitschaftspraxen sind ein Schritt in die richtige Richtung.
    Krankenkassen mögen nach außen ein Mutter-Teresa-Image haben. Aber Krankenkassen sind gewinnorientierte Unternehmen. Da geht es um Kostensenkung und Sparen. Gespart wird an Patienten, medizinischem Personal und Ärzten. Man kann Pfleger und Ärzte nicht auf Dauer auspressen wie Zitronen.


    "Die Solidargemeinschaft finanziert eine riesige Infrastruktur im Gesundheitswesen"

    Ich bekomme weder Zuschüsse für Diagnosegeräte noch für Einrichtung