22

Schweinehaltung Ist Schwanzbeißen bei Schweinen ein genetisches Merkmal?

In vielen Ställen ist es üblich: Schon bald nach ihrer Geburt werden den Ferkeln zwei Drittel ihre Ringelschwänze abgetrennt - mit einem Heißschneidegerät. Eine EU-Richtlinie verbietet zwar das routinemäßige Kupieren, doch es gibt reihenweise Ausnahmegenehmigungen von Tierärzten. Und so stehen die meisten Schweine in Deutschland mit kupiertem Schwanz im Stall. Das Forschungsprojekt "Pigs with tails" - Schweine mit Schwänzen - untersucht, ob das Schwanzbeißen genetische Ursachen hat.

Von: Jutta Schilcher, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 08.04.2018

Es brennt der EU und Tierschützern auf den Nägeln. Auch die Bauern würden gerne auf das Kürzen der Ringelschwänze verzichten. Wie aber lässt sich Schwanzbeißen bei Schweinen verhindern? Lange Zeit waren sich Fachleute sicher: Um zu verhindern, dass sich Schweine gegenseitig in ihre Schwänze beißen, müsse man sie nur besonders gut halten, ihnen Beschäftigungsmaterial gegen die Langeweile geben, Liegebuchten mit Stroh anbieten, für Rauhfutter, viel Platz und Frischluft sorgen. Doch so einfach ist es offensichtlich nicht.

"Pigs with tails" - Wissenschaftler nehmen Gene der Schweine unter die Lupe

Katrin Danowski von der Landesanstalt für Schweinezucht in Boxberg

An der Landesanstalt für Schweinezucht in Boxberg in Baden-Württemberg dürfen alle Schweine ihre Ringelschwänze behalten. Doch auch in Boxberg ist man offenbar nicht gefeit. Auch hier gibt es manchmal Ärger in den Buchten, trotz idealer Haltungsbedingungen für die Schweine. Wissenschaftler wollen nun herausfinden, ob Schwanzbeißen ein genetisches Merkmal ist. Ob man eines Tages das Merkmal "Schwanzbeißen" züchterisch bearbeiten kann, ist momentan noch offen.

Forschungsprojekt "Pigs with tails"

Nicht jeder abgestorbene Ringelschwanz geht auf Bissverletzungen zurück

Neben Boxberg sind am Forschungsprojekt "Pigs with tails" auch die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft in Grub, das Bundes-Hybrid-Zucht-Programm und die Uni Göttingen beteiligt. Jetzt werden erst einmal viele Daten gesammelt. Zum Beispiel werden die Ringelschwänze der Ferkel gleich nach der Geburt untersucht. Sind sie lang oder kurz, geknickt oder verletzt? Weist ein Schwanz zum Beispiel eine rote Schwanzspitze auf, könnte das auf Entzündungen hindeuten. Solche Entzündungen können zu Nekrosen führen, das sind abgestorbene Körperteile vergleichbar mit Erfrierungen oder einem Raucherbein.

"Nekrosen sind Veränderungen am Schwanz, so dass es dann auch zum Absterben des Schwanzteils kommt oder zu Neuinfektionen. Und wenn dann Blut oder Eiter im Spiel sind, dann ist das für andere Schweine immer interessant, diesen Schwanz mal zu manipulieren. So kommt es dann zu Sekundärinfektionen und tatsächlich auch Verletzungen und kann dann auch Schwanzbeißen auslösen."

Katrin Danowski, Wissenschaftlerin

Schwanzbeißen: Welche Rolle spielt Stress?

Pigs with tails: 2019 sollen die Forschungsergebnisse vorliegen

An der Landesanstalt in Boxberg will man auch herausfinden, wie sich ein Tier verhält, bevor es zum "Täter" wird. Hatte es Stress vorher? Futter und Stallklima, Tiergesundheit und Platz - all das spielt eine Rolle und womöglich noch die Gene. Genaueres weiß man erst 2019, dann soll das Ergebnis der Studie "Pigs with tails" vorliegen.

Forscherin Katrin Danowski jedenfalls hofft, dass ihre Studie dazu beitragen wird, dass in Zukunft irgendwann einmal alle Schweine ihre Ringelschwänze behalten dürfen.

"Ich denke schon, dass wir das schaffen. Aber es ist wirklich ein weiter Weg, weil wir es mit einem multifaktoriellen Geschehen zu tun haben."

Katrin Danowski

Infos & Links

Dr. Katrin Danowski
Bildungs- und Wissenszentrum Boxberg
Landesanstalt für Schweinezucht
Internet: www.lsz-bw.de

An der Studie ist auch die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft in Grub beteiligt
Internet: www.lfl.bayern.de

Pig Watch - Früherkennung von Schwanzbeißen
Internet: www.pigwatch.net

Merkblatt: Verzicht auf das routinemäßige Schwänzekupieren bei Schweinen
Internet: www.lvkh.de (pdf)

Im Anhang der EU-Richtlinie 2001/88/EG (v. 9.11.01) (Änderung der EU-Richtlinie 91/630/EWG) heißt es unter 8.: "Ein Kupieren der Schwänze oder eine Verkleinerung der Eckzähne dürfen nicht routinemäßig und nur dann durchgeführt werden, wenn nachgewiesen werden kann, dass Verletzungen [...] entstanden sind. Bevor solche Eingriffe vorgenommen werden, sind andere Maßnahmen zu treffen, um Schwanzbeißen und andere Verhaltensstörungen zu vermeiden, wobei die Unterbringung und Bestandsdichte zu berücksichtigen sind. Aus diesem Grund müssen ungeeignete Unterbringungsbedingungen oder Haltungsformen geändert werden."


22