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Neonicotinoide Insektizide - eine Gefahr für Bienen

Einst galten sie als Wunderwaffe im Kampf gegen Schädlinge: Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide. Dann stellte sich heraus: Sie sind unter anderem für Bienen gefährlich. Das hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA heute in einem lange erwarteten, neuen Gutachten bestätigt. Werden die Mittel jetzt bald verboten?

Von: Michael Kraa

Stand: 28.02.2018

In dem neuen Gutachten benennt die EFSA drei Neonicotinoide als "Risiko" für Bienen, Wildbienen und Hummeln benannt: Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid. Sie unterliegen aufgrund ihrer Gefahr bereits EU-weiten Beschränkungen.

Außerdem gibt es weitere Neonicotinoide, die allesamt als Kontakt- oder Fraßgifte wirken. Behandelte Pflanzen werden durch sie sowohl vor beißenden als auch vor saugenden Insekten geschützt. Bei den Insekten führen die synthetisch hergestellten Wirkstoffe wiederum zum Tod.

Eine Erfolgsgeschichte

Als der Bayer-Konzern Anfang der 90er Jahre die ersten Neonicotinoide auf den Markt brachte, hatten Landwirte deshalb endlich wirksame Mittel gegen gleich eine ganze Reihe von Schädlingen zur Verfügung: gegen den Maiswurzelbohrerer ebenso wie gegen den Rapsglanzkäfer. Im Apfelanbau gegen Läuse. Ebenso beim Hopfen, bei Getreide, im Weinbau oder bei Zuckerrüben.

Die Neonicotinoide können dabei nicht nur versprüht, sondern vor allem auch zur Vorbehandlung des Saatgutes eingesetzt werden, beim sogenannten "Beizen". Das Saatgut wird dabei quasi mit einer giftigen Schutzhülle ummantelt.

Der Wendepunkt

Lange waren die Neonics deshalb ein Verkaufsschlager - bis 2008: Damals starben im baden-württembergischen Rheintal massenhaft Bienen. 11.500 Völker wurden ausgelöscht.

Die Ursache: Mais-Saatgut war mit einer zu hohen Dosis eines Neonicotinoids behandelt worden. Und da nicht sachgerecht gebeizt worden war, entstand beim Ausbringen eine Staubwolke aus Insektengift, die sich weiträumig verteilte.

Eine Studie ergab, dass die "Neonics" für Bienen 5.000 Mal giftiger sind als das Supergift DDT. Deutschland zog damals die Zulassung für acht Produkte zurück.

Stimmen für ein komplettes Verbot

Doch auch bei "sachgerechter" Anwendung sind die Neonicotinoide alles andere als ungefährlich - weshalb sich Umweltschützer und viele Wissenschaftler längst dafür aussprechen, sie ganz zu verbieten. So auch der Bienenforscher und Neurobiologe Prof. Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin. Er erforscht, wie sich die Neonics auf das Gedächtnis von Bienen auswirken.

Dafür füttert er Bienen mit einer kleinen, nicht tödlichen Dosis des Neonicotinoids Thiacloprid. Dann werden die Tiere mit einem Duft angeblasen. Einen Tag später prüft Menzel, ob sich die Bienen an den Duft erinnern. Das Ergebnis: In der Kontrollgruppe - ohne Neonics - erkennen rund 80 Prozent der Bienen den Duft wieder. Von den Bienen, die mit dem Insektengift gefüttert wurden, sind es dagegen nur 20 Prozent.

"Die Biene kann sich nicht mehr gut erinnern. Sie nimmt nicht mehr am sozialen Kontakt teil. Sie kann nicht von anderen Bienen lernen. Sie kann auch nicht mehr gut navigieren. Sie ist in ihren gesamten kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt - so, wie das auch bei Alzheimerpatienten auftritt."

Prof. Randolf Menzel, Freie Universität Berlin

Nicht nur Bienen betroffen

Gefahr droht aber nicht nur Insekten, die mit dem Gift an der Pflanze in Kontakt kommen. Denn Neonicotinoide sind wasserlöslich.

Je nach Beschaffenheit des Bodens kann es mehrere Jahre dauern, bis Neonicotinoide in unwirksame Bestandteile zerfallen sind. Bei den drei als besonders gefährlich eingestuften Neonics Imidachloprid, Clothianidin und Thiamethoxam dauert es 100 bis 200 Tage, bis sie sich zur Hälfte abgebaut haben. Kommt dann etwa ein starker Regenschauer und es werden Teile des Bodens ausgeschwemmt, können Neonics leicht in nahe gelegenen Gewässern landen.

Solch ein Ereignis haben Forscher am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung mit künstlich angelegten Bachläufen nachgestellt, und zwar mit dem Insektizid Thiacloprid, ebenfalls ein Neonicotinoid. In die Hälfte der Bäche wurde Thiacloprid gegeben. Das Ergebnis war eindeutig, selbst in niedrigster Thiacloprid-Konzentration - einer Menge, die laut Zulassung eigentlich keine Wirkungen haben sollte:

"Ein Drittel bis ein Viertel der Arten, die in den Systemen vorhanden waren, haben das nicht überlebt."

Prof. Matthias Lies, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Leipzig

EFSA spricht von "Risiko"

"Die Mehrzahl der Anwendungen von Neonicotinoid-haltigen Pesitiden" stellt auch nach dem heute veröffentlichten Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, EFSA, "ein Risiko für Wild- und Honigbienen dar". Ebenso für Solitärbienen und Hummeln.

Diese Bewertung ist Grundlage für die EU-Kommission und die Mitgliedsstaaten, über das weitere Vorgehen wie auch ein mögliches Verbot  zu entscheiden. Dabei geht es zunächst nur um die drei genannten Stoffe.

Naturschützer plädieren für umfangreichere Änderungen

Für Naturschützer ist das bei weitem noch nicht ausreichend.

"Wir haben ja noch mindestens 100 andere Pestizide auf dem Markt, die alle sehr schädliche Einflüsse haben auf die Lebewelt, oft auch aufs Grundwasser, und es müssen grundsätzlich die Zulassungsverfahren geändert werden. Was beispielsweise fehlt, ist die Prüfung auf Amphibien. Frösche und Kröten leiden extrem unter allen Pflanzenschutzmitteln und das wird bisher überhaupt nicht berücksichtigt."

Matthias Luy, Landesbund für Vogelschutz

Der Bund Naturschutz sieht bei den Zulassungsverfahren neben inhaltlichen Versäumnissen auch formale Kriterien, die dringend geändert werden müssten.

"Wir brauchen unabhängige Studien, wir brauchen staatlich überwachte Studiendesigns, nicht die Studien der Industrie. Und wir fordern auch, dass die Zulassungsformalitäten für die Pflanzenschutzmittelzulassung nicht beim Landwirtschaftsministerium bleiben, sondern zum Umweltministerium kommen, denn da sind sie nach unserer Auffassung besser aufgehoben."

Marion Ruppaner, Bund Naturschutz

Ob es dazu jemals kommen wird, ist mehr als fraglich. Eine wirkliche Macht, Neonicotinoide - wie auch andere Pestizide - zu verhindern, hätte derzeit der Verbraucher. Etwa indem er Bio-Lebensmittel kauft. Für deren Anbau ist die Verwendung von Pestiziden nämlich grundsätzlich verboten.


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Klaus Peter Kraa, Mittwoch, 07.März, 10:03 Uhr

5. Bienengifte

Das bedenkenlose Verspritzen von Giften zeigt, das in diesem Lande und anderswo noch zu wenig bekannt ist, das stetiger Wohlstandszuwachs und ökologisches Gewissen nicht in Überseinstimmung gebracht werden können. Diese Erkenntnis muss aber nicht die Industrie gewinnen - die hat sie schon, sondern vor allem der Verbraucher, damit sie Bestandteil der politischen Leitkultur wird. Das ist aber auch eine Frage der Qualität unsere Bildungssysteme, die grottenschlecht sind und weitgehend von der Wirtschaft, die ja unsere Gesetze bestimmt (Lobbyismus) auch so gehalten werden, denn dumm vermarktet sich besser.

Wer weiß denn sowas, Mittwoch, 28.Februar, 22:43 Uhr

4. Bienen und andere Geschöpfe

Burli, Burli.

Arnim D., Mittwoch, 28.Februar, 21:00 Uhr

3. Bienen

Die Politiker, die sich bestechen lassen, und das tun sie MEINER Meinung nach, haben keinen Anstand und noch weniger Verantwortungsgefühl. Denn dass sie nicht wissen, was diese Gifte bewirken, glaubt ja wohl keiner. Leider kann man aber solche "Straftaten" unbehelligt am Leben halten. Chemiekonzerne sind Profitgeier schlimmster Sorte, wie ICH finde. Die Umwelt bewusst zu zerstören setzt einen fragwürdigen Charakter voraus, aber es gibt sie zur Genüge. Es sind ja nicht nur die Bienen betroffen, sondern sämtliche Insekten. Flächenfrass tut sein Übriges, oder Gülle. Denkt eigentlich keiner an die folgenden Generationen?

  • Antwort von Helga, Mittwoch, 28.Februar, 21:40 Uhr

    Richtig ! und keine Insekten, keine Vögel. Eins greift in's andere. An die Zukunft wird kein Gedanke verschwendet. Schliesslich ist man dann ja selber vom Acker.

  • Antwort von Francesco, Donnerstag, 01.März, 09:49 Uhr

    Bin voll Ihrer Meinung und noch mehr.... Für mich ist das ganz einfach: Wenn die Menschen zu blöd sind, diesen Kreislauf und die Konsequenzen zu erkennen, MUSS die Politik Schutzgesetze erlassen. Und tun sie dies nicht, wie von Ihnen schon angesprochen, dann muss man sie mit allen legitimen Mitteln zwingen und da gibt es einige.

Selim, Mittwoch, 28.Februar, 16:28 Uhr

2. ...er denkt also ist er... wer?

Bei den Römern waren es angeblich die Bleibecher - keiner von denen hätte das geglaubt.
Bei uns hat man mal die Syphillis mit Arsen oder so bekämpft, auch nett.
Dann kamen die Eternitdächer
und der Insektenschutz in verbautem Holz und keiner hat damals was "geahnt".
dann kam die grenzenlose Automobilität und die Menschen machen "Oh",
weil plötzlich (ganz plötzlich) der Klimawandel kommt.
Dann versichert die Chemieindustrie, dass Unkrautvernichter ganz harmlos sind,
dann sind es Neonicotinoide auch.
Ohje
und keiner hat vorher was geahnt.
Oh Mensch - Du Krone der Schöpfung - kannst einem schon Leid tun.
Von wegen Biene Maja
kennen die Kinder vielleicht bald nur noch vom Zeichentrick

  • Antwort von focus, Donnerstag, 01.März, 09:53 Uhr

    "kennen die Kinder vielleicht bald nur noch vom Zeichentrick"

    welche Kinder??

    (in 100 Jahren, wenn das so weitergeht)

Rainer, Mittwoch, 28.Februar, 15:48 Uhr

1. Insektizide - eine Gefahr für Bienen

Jedem geistig potenten Mitteleuropäer ist klar, dass Insektizide und Herbizide für die Umwelt - u. a. Bienen - schädlich sind. Welch ungeahnte geistige Hochleistung - die EFSA stellt nun fest, dass u. a. Neonicotinoide schädlich sind. Dies gilt insbesondere für Glyphosat ebenso - hier kam die EFSA - aufgrund Chemieindustrie gesponserter Gutachten zu einem anderen Urteil - Chemie ist gesund! Es drängt einen der Gedanke auf, dass die Chemieindustrie nicht genug "Spendengelder" an die EFSA, spendenempfangsbereite Politiker und Parteien bezahlte, damit diese wiederum eine Art "Unbedenklichkeitsstudie" hätten publizieren können. Ein willfähriger Chemie-Politiker - wie der noch Landwirtschaftsminister und CSU-Mann Christian Schmidt hätte sich mit Sicherheit gefunden.
Vielleicht besteht ja noch Hoffnung für die Umwelt bzw. die Bienen, sonst müssen alle Politiker, die für Neonicotinoide/Glyphosat stimmten zukünftig die künstliche Befruchtung der Obstbäume, etc. übernehmen. Viel Erfolg!