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Nach BR-Recherche Sozialministerium will alle Heime kontrollieren

Das bayerische Sozialministerium will alle Heime mit Behinderten in Bayern kontrollieren. Das hat Sozialministerin Emilia Müller angekündigt. Damit reagiert sie auf Berichte von BR Recherche, dass behinderte Kinder in bayerischen Heimen immer wieder eingesperrt werden.

Von: Ingo Lierheimer

Stand: 07.04.2016

Am Boden sitzendes Kind in dunklem Flur | Bild: pa/dpa/Arne Dedert

Die BR-Recherche hat die CSU-Ministerin gestern offensichtlich aufgeschreckt. Noch am selben Tag hat sie Vertreter aller Aufsichtsbehörden für heute in ihr Ministerium einbestellt. Nach diesem Treffen will Müller jetzt alle 104 Einrichtungen in Bayern umfassend kontrollieren lassen. Darüberhinaus soll bereits nächste Woche ein Expertenrat eingesetzt werden, um die Aufklärung auf eine breite Basis zu stellen. In dem Gremium sollen neben den Einrichtungen selbst und den Aufsichtsbehörden auch Behindertenverbände und Eltern vertreten sein.

"Wir schauen uns alle Heime an, wir lassen keines aus."

Emilia Müller, Bayerische Sozialministerin

Reaktionen der Opposition

Auch die Landtagsfraktionen von Grünen und Freien Wählern auf die BR-Veröffentlichung reagiert und im Bayerischen Landtag Dringlichkeitsanträge eingereicht: Die Freien Wähler fordern Aufklärung darüber, in welchem Ausmaß Kinder in den Heimen eingesperrt werden, und die Grünen treten dafür ein, Kinder und Jugendliche mit Behinderung nur dann Zwangsmaßnahmen auszusetzen, wenn in dedem Fall die Eltern und ein Richter zugestimmt haben.

"Fachaufsicht nicht wahrgenommen"

Die SPD-Abgeordnete Alexandra Hiersemann wirft dem Sozialministerium vor, die Fachaufsicht nicht wahrgenommen zu haben. Erst durch die Veröffentlichung des BR seien die Missstände ans Licht gekommen. In einer schriftlichen Antwort auf eine SPD-Anfrage zum Thema hatte das Sozialministerium noch Tage zuvor geantwortet, dass Kinder und Jugendliche mit Behinderung nicht in Zimmern oder Time-Out-Räumen eingesperrt würden. Jetzt sagte Müller dazu:

"Wir haben das Ganze revidiert, weil wir jetzt wissen, dass es dies gibt."

Emilia Müller, Bayerische Sozialministerin

BR Recherche hatte gestern offen gelegt, dass geistig behinderte Kinder in bayerischen Heimen immer wieder eingesperrt werden. Teilweise mehrmals am Tag und bis zu zwölf Stunden. Eine Umfrage von BR Recherche ergab, dass sich über die Hälfte der befragten 30 Heime freiheitsbeschränkende Maßnahmen vorbehält. Alle Heime betonen, dies nur im Einzelfall und nach Abwägung aller Alternativen zu tun.


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Gabriele, Donnerstag, 07.April, 22:06 Uhr

3. ....und was passiert

mit dem gesetzlichen Vormund (weiblich), die das Mädchen weggesperrt hat und die Pflegeeltern von dem Kind mit allen Mitteln fernhält. So etwas Grausames habe ich noch nie gehört. Dieses Kind war 12 Jahre in der Familie. Das Kind muss sofort zu den Pflegeeltern und zu Ihrer Schwester. Wie kann so etwas passieren. Der Frau muss sofort jede gesetzliche Handhabe entzogen werden. Sie darf nie wieder mit Menschen arbeiten.

  • Antwort von Lila, Freitag, 08.April, 06:22 Uhr

    Mich würde auch sehr interessieren, was mit dem Mädchen passiert. Wurde nach dem Beitrag etwas in die Wege geleitet, um den Fall zu prüfen?
    Es kann doch nicht sein, dass Eltern in solchen Fällen keinerlei Rechte haben.
    Wird es Konsequenzen für die Verantwortlichen geben?

BR-Fan, Donnerstag, 07.April, 19:18 Uhr

2. Es gibt nichts Gutes außer man tut es

Wollen ist zu wenig.

Einfach TUN!

Und zwar OHNE Voranmeldung

Mutter, Donnerstag, 07.April, 18:59 Uhr

1.

http://www.br.de/nachrichten/kinderheime-bayern-zwangsmassnahmen-fixierung-100.html

An dieser Stelle möchte ich dem BR danken, dass er die Recherchen ausgedehnt hat und Hinweise Ernst genommen hat. Es ist erfreulich zu lesen, dass die oberste Behörde ENDLICH Heime kontrollieren will. Um hier für Bewohner gute und nachhaltige Ergebnisse zu erzielen, wird dies aber bei Weitem nicht ausreichen. Es muss nun endlich etwas dagegen unternommen werden, dass Menschen mit Behinderung isoliert werden und einer Wohnsituation ausgesetzt sind, die kaum einsehbar ist. Außerdem ist es fatal Eltern vor eine entweder-oder Entscheidung zu stellen und einen Heimplatz , bzw. betreutes Wohnen nur zu ermöglichen, wenn Eltern Zugeständnisse machen, von denen Sie nicht überzeugt sind , weil sie keine Wahl haben. Ich hoffe, der BR wird weiter berichten. Es ist ein Skandal, welchen Verhältnissen behinderte Menschen, die sich nicht wehren ausgeliefert sind. Das muss sich eher gestern als morgen ändern.

  • Antwort von fischer, Donnerstag, 07.April, 19:45 Uhr

    dem Kommentar kann ich mich als Mutter nur anschließen. als Mutter eines behinderten Sohnes hatte ich schon viele schlaflose Nächte und einige Erlebnisse diesbezüglich. Diese Heimsysteme bedürfen einer grundlegenden Veränderung.

  • Antwort von Lila, Donnerstag, 07.April, 21:36 Uhr

    Ich möchte mich ebenfalls dem Kommentar von Mutter anschließen und fordere die Behindertenverbände wie z.B. die Lebenshilfe auf, endlich die Betroffenen und Angehörigen in der breiten Öffentlichkeit im Kampf gegen Missstände zu unterstützen. Bisher passiert das viel zu selten.
    Leider stehen Heime der Lebenshilfe ebenfalls auf der Liste der Anwender von freiheitsbeschränkenden Maßnahmen.
    Wir brauchen mehr mutige Mitarbeiter, die solche katastrophalen Zustände melden und in die Öffentlichkeit tragen.

    Wir dürfen diese menschenverachtenden Maßnahmen NIEMALS mit Personalmangel entschuldigen, denn gegen Personalmangel gibt es wirksame Abhilfe.
    Der Sparwahn darf nicht auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen werden.

    Ich würde mir wünschen, dass solche Themen in den Medien mehr beachtet werden, denn nur mit Druck wird sich endlich etwas ändern und die Betroffenen und Angehörigen sind auf wohlwollende Menschen angewiesen, da sie in einer Minderheit sind, die selten erhört wird.

  • Antwort von qw, Freitag, 08.April, 08:54 Uhr

    Dem Dank an die verantwortlichen Personen des BR kann ich mich nur anschließen.
    BITTE bleiben Sie als BR dran, was und wie nun die TATSÄCHLICHE UMSETZUNG durch Fr. MÜLLER aussieht!!!

    Nur durch den Druck der Öffentlichkeit kann diesen unmenschlich behandelten Kindern und deren Eltern geholfen werden.
    G. Mollath würde heute noch weggesperrt leben müssen, ohne jede Chance! Und hier geht es um ganz wehrlose Kinder, die genauso wie wir alle ein Recht auf ein würdiges Leben haben!

  • Antwort von Inge R., Freitag, 08.April, 14:46 Uhr

    Bitte denken Sie auch an die Einrichtungen für geistig behinderte Menschen im Erwachsenenalter!
    Denn wenn die Aufsichtsbehörden auch künftig nicht genauer hinschauen, dann wird sich nie etwas ändern. Und das macht mir wirklich Angst. Angst, wie es denn in anderen Einrichtungen zugehen mag, aus denen - zumindest im Moment - nichts nach außen dringt, weil die dort wohnenden Menschen zu schwer behindert sind, um sich zu wehren. Oder weil die Eltern und Angehörigen nach Jahren der Betreuung und Pflege keine Kraft mehr haben, um mit der nötigen Hartnäckigkeit gegen die ganz sicher bestehenden Missstände vorzugehen.