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Auf Schritt und Tritt Getrackt: Wie Eltern ihre Kinder überwachen

Sie sind eine Art Babyfon für größere Kinder: Eltern-Apps fürs Handy. Damit lassen sich nicht nur die Internetaktivitäten der Kinder kontrollieren. Der Nachwuchs kann buchstäblich auf Schritt und Tritt überwacht werden. Keine Frage, Eltern wollen größtmögliche Sicherheit für ihr Kind und die Anbieter solcher Anwendungen versprechen genau das. Was die wenigsten wissen: Der Spion im Schulranzen kann gewaltig Schaden anrichten und erlaubt ist längst nicht alles, was technisch möglich ist.

Von: Anja Wahnschaffe

Stand: 13.07.2018

Seit einigen Jahren wird es besorgten Eltern leicht gemacht, mit speziellen Tracking-Apps automatisch die GPS-Koordinaten ihrer Kinder aufs elterliche Handy schicken zu lassen. Life 360 oder Handy Orten sind zum Beispiel solche Controll-Apps. Franzi hat die Freunde-App von Apple eingesetzt, um ihre Kinder zum Beispiel auf dem Schulweg zu orten - am Anfang mit deren Wissen, später heimlich.

"Als die Kinder noch klein waren, da wollten wir einfach wissen, wo sie sind oder wenn es mal länger gedauert hat, dass man einfach wusste, die sind jetzt da und da. Okay, ich muss mir keine Sorgen machen, die sind gleich daheim." Franzi, Mutter von zwei Kindern

Kontroll-Apps: Eltern lesen Nachrichten mit und sperren Kontakte

Viele Apps haben allerdings auch weitere Überwachungsfunktionen. Eltern können Sohn und Tochter damit auch ausspionieren: Sie können die Internetaktivität auf dem Smartphone des Nachwuchses überwachen, Nachrichten mitlesen oder unerwünschte Kontakte und Apps sperren.

Das Handy des eigenen Kindes zu kontrollieren, ist elterliche Pflicht. Denn Eltern müssen das Kind vor Gefahren im digitalen Bereich schützen. Andererseits steht im Bürgerlichen Gesetzbuch auch, dass Kinder im zunehmenden Alter zu eigenverantwortlichen Menschen zu erziehen sind.

Überwachung größerer Kinder kann ein Rechtsverstoß sein

Eltern, so Jurist Anatol Dutta von der Ludwig-Maximilians-Universität München, sind also verpflichtet, ihrem Nachwuchs gewisse Freiräume zu lassen. Rechtlich gesehen bedeutet das, "dass solche Ortungsapps, die eine permanente Ortung zulassen, dass sie bei zunehmenden Alters des Kindes kritisch sind", sagt der Jurist. Allerdings gebe es keine klaren Altersgrenzen, bis wann eine derartige Überwachung erlaubt sei. Das müsse im Einzelfall je nach Entwicklungsstand des Kindes entschieden werden.

Die Überwachungsmöglichkeiten von Kindern steigen stetig, immer wieder werden neue Apps entwickelt. Doch der Nutzen wird oft vorab nicht geprüft.

Schutzranzen-App verspricht mehr Sicherheit im Verkehr

Derzeit versucht zum Beispiel das Unternehmen coodriver die sogenannte Schutzranzen-App auf den Markt zu bringen. Die Idee: Das Kind hat auf seinem Handy eine App oder trägt im Schulranzen einen GPS-Sender. Wenn das Kind sich dann in der Nähe eines Autos befindet, sendet die App einen Warnton auf das Handy des Autofahrers. 

Der Unternehmer Walter B. Hildebrandt von Coodriver hat die Schutzranzen-App 2015 für die Verkehrssicherheit von Kindern entwickelt. Er ist vom Nutzen seiner App überzeugt und will jetzt in mehreren Städten Testphasen laufen lassen, um Erfahrungen zu sammeln. Allerdings gibt es Widerstand gegen seine Entwicklung.

Kann Überwachung ein Sicherheitsrisiko sein?

Datenschützer fürchten neben der Überwachung auch Sicherheitsrisikos für Kinder. Friedemann Ebelt von der Bürgerrechtsorganisation "Digitalcourage" warnt davor, leichtfertig mit Positionsdaten von Kindern umzugehen.

"Die Positionsdaten von Kindern werden in eine Cloud übertragen. Es gibt dann im Internet einen Server, auf dem, wenn das Projekt breit etabliert wird, alle Positionsdaten von Kindern in Echtzeit drüberlaufen. Das ist so ein sensibler Bereich, muss man da wirklich drüber nachdenken." Friedemann Ebelt, Digitalcourage

Digitalcourage sorgt sich um Positionsdaten von Kindern

Die Daten, so die Befürchtung von Digitalcourage, könnten abgefangen und missbraucht werden. Aus Sicht des Unternehmens coodriver ist die Kritik unberechtigt. Daten würden nicht gespeichert, sagt Walter B. Hildebrandt.

"In Deutschland sind wir sehr stark dabei, etwas kaputt zu reden mit Bedenken anstatt mal was auszuprobieren und dann mal sachlich zu diskutieren." Walter B. Hildebrandt von coodriver will die Schutzranzen-App einführen

Kinderschützerin: Zu viel Kontrolle hemmt Entwicklung der Kinder

Cordula Lassner-Tietze vom Deutschen Kinderschutzbund hat einen ganz pragmatischen Ratschlag: Eltern und Kinder sollten darüber sprechen, welche Gefahren Kinder vermeiden sollen, aber auch welche Situationen sie schon bewältigen können. Zu viel Kontrolle, so warnt die Kinderschützern, schade mehr als dass sie nutzt. Damit werde Kindern die Möglichkeit genommen, sich frei zu entwickeln und Dinge zu entdecken.


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Kommentare

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bay, Dienstag, 17.Juli, 18:52 Uhr

26.

Ein App ersetzt oft mangelnde Intelligenz - oder fördert die Demenz.

  • Antwort von Agnes , Mittwoch, 18.Juli, 15:05 Uhr

    Diese App ist sicher sehr verlockend. Aber wenn größere Kinder ihre Smartphones tauschen, um ungehindert ihren Interessen nachzugehen, ist Mama genauso weit wie vorher, es sei denn, sie sichert jede App-Erkenntnis mit einem Kontrollanruf. Dann hat sie gut zu tun.

Sandra Aichner, Montag, 16.Juli, 08:11 Uhr

25. Erfahrungsbericht

Ich habe für mich und meine Kids eine dieser Apps. Kann ich damit meine Kinder überwachen - ja klar! Hier ist aber auch die Frage, will ich das? Ganz ehrlich, ich bin eine vollzeitarbeitende, alleinerziehende Mama, dafür habe ich gar keine Zeit.
Aber - es ist unbandig paktisch. Wenn Sohn mal wieder mit der Schule unterwegs ist, spät abends Heim kommt und im Bus schläft, ich weiß wann ich am Treffpunkt sein muss. Oder Tochter früher aus hat, sieht sie, wo ich gerade bin und nimmt die Richtige Haltestelle - ohne groß hin und her zu telefonieren.
Klar, schau ich schon mal, wo mein Nachwuchs gerade ist - meist, wenn wir irgendwelche Termine ausgemacht haben.
Als mein kleiner in die Schule in der Großstadt gewechselt hat, und der Bus ausfiel zeigte sich, wie praktisch sowas sein kann. So konnte ich ihn schnell auf Schleichwege zu Fuß in die Schule leiten. Und meine Kinder WISSEN um die App - und können mich genauso Tracken ;-)

  • Antwort von tell, Dienstag, 17.Juli, 18:45 Uhr

    Eine Mutter sollte ihr Kind nicht 'KID' nennen - soviel zum Sprachgebrauch!

  • Antwort von Goldenes Zeitalter, Mittwoch, 18.Juli, 13:43 Uhr

    @tell
    Wieso nicht?
    Unsere bezeichneten uns damals als "Bälger" und "Kröpfe" (70er/noch 80er).

  • Antwort von Agnes , Mittwoch, 18.Juli, 15:36 Uhr

    @Goldenes Zeitalter
    tell hat recht. "Kid" klingt genau so unmöglich wie "Job". Nur weil Sie anscheinend als "Balg" bezeichnet worden sind, müssen Sie das nicht an den heutigen Kindern auslassen.

Surveillancer, Sonntag, 15.Juli, 22:50 Uhr

24. Echt praktisch

Eltern können den Unterricht "überwachen" und kontrollieren, ob die Lehrer alles richtig machen. Dass man sich dadurch strafbar machen könnte, muss wohl nicht extra erwähnt werden.
Apropos strafbar, auch wer das für seinen Partner verwendet muss mit Ärger rechnen.

Mani, Sonntag, 15.Juli, 17:52 Uhr

23.

Man sollte sich mehr Gedanken machen, wer die Eltern überwacht!

Heinrich, Sonntag, 15.Juli, 17:35 Uhr

22. Alles ist Gift, nichts ist Gift

Ich kann mir mit einem Messer ein Brot schmieren. Ich kann aber mit dem gleichen Messer jemanden verletzen.

Es kommt einfach darauf an, wie ich es verwende, und ob ich mir über die Auswirkungen Gedanken gemacht habe.

Auch eine App kann missbraucht werden. Es fällt zu gern der Begriff Helikopter-Eltern, was eigentlich eine Denunziation ist, und gerne von Pädagogen gebracht wird, um ihre Arbeit nicht rechtfertigen zu lassen.

Aber so eine App bietet die Möglichkeit im Zweifelsfall doch einmal das Kind zu orten. Man muss sie ja nicht benutzen.

Somit obliegt es der Verantwortung eines jeden selbst, ob und wie er sein Messer bzw. seine App einsetzt. Eine pauschale Verurteilung eines Anwenders sollte unterlassen werden. Lieber sollten die Facebook, WhatsApp, Twitter und andere Netzwerke verwendenden Ankläger sich über das einmal Gedanken machen.

Und eine sorgsame Kontrolle von Eltern ist kein Vergleich mit einem Polizeiaufgabengesetz, das Vollmachten einer Staatspolizei gibt.