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Gemeinsam lernen? Inklusion - gut gedacht, schlecht gemacht

Menschen dürfen nicht aufgrund ihrer Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden. Das sagt die UN-Konvention zum Schutz und zur Förderung der Rechte behinderter Menschen, die 2009 auch von Deutschland ratifiziert worden ist. In Bayern ist der gemeinsame Schulbesuch aber nicht die Regel.

Von: Eva Eichmann und Sissi Pitzer

Stand: 17.04.2018

"Inklusion ist  ein Auftrag, alle Kinder entsprechend ihrer Anlagen, Fähigkeiten und Interessen möglichst so zu fördern, dass sie eigenverantwortlich am sozialen Leben teilnehmen können." So definiert Joachim Kahlert den Begriff Inklusion. Er ist Professor für Grundschulpädagogik und Didaktik an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Drei Jahre lang hat er die Inklusion an bayerischen Schulen untersucht und ist mit dem Stand der Dinge ziemlich zufrieden. Für ihn ist es das Wichtigste, bei jedem einzelnen Kind abzuwägen, was nötig ist - Inklusion als Einzelfallentscheidung also.

Jedes Bundesland hat eigenes Konzept

Einige Bundesländer machen es anders und haben sich gegen Förderschulen entschieden; dort wird versucht, alle Kinder mit Behinderung in den Regelklassen mitzunehmen. In Bayern gibt es dagegen ein Nebeneinander von Förder- und Regelschulen. Für Kahlert ist entscheidend, dass die Durchlässigkeit gewahrt bleibt: Ein Mal Förderschule dürfe nicht heiße, immer Förderschule.

Bayern: Mehr Kinder in Förder- als in Regelschulen

Die UN-Behindertenkonvention sieht vor, dass kein Kind eine Förderschule besuchen muss, wenn seine Eltern das nicht wollen. In Bayern werden rund 20.000 Kinder mit Förderbedarf in den Regelschulen unterrichtet, das entspricht ungefähr 27 Prozent. Der Rest der Förderschüler, das sind gut 54.000, lernt unter sich.  

Der zusätzliche Aufwand mit Kindern, die mehr gefördert werden müssen, sei in den Regelschulen nicht unbedingt möglich, auch wenn viele Lehrkräfte sehr motiviert an die Sache rangehen, so Kahlert.  Fakt ist, dass die meisten Pädagogen den Umgang mit behinderten Kindern nicht gelernt haben und deshalb oft große Berührungsängste haben. Sonderpädagogen sind oft nur stundenweise in den Klassen mit dabei.

Bayerischer Sonderweg

Bayern geht bei der Inklusion einen Sonderweg und setzt auf viele verschiedene Modelle: Auf die Partnerklassen beispielsweise, bei denen Klassen einer Förderschule zeitweise mit einer Regelklasse zusammenarbeiten. Oder auf aktuell rund 700 Kooperationsklassen, in denen Kinder mit und ohne Förderbedarf zusammen lernen, unterstützt von ausgebildeten Förderlehrern.   

Dossier Politik, 18.04.2018, 21:05 Uhr, Bayern 2

Thema: Gemeinsam lernen? Inklusion - gut gedacht, schlecht gemacht

Studiogäste: Ruth Brenner, Sprecherin der Landesfachgruppe Grund-, Mittel- und Förderschulen der GEW und Jörg Schwinger, Gemeinsam Leben Lernen e.V., Leitung ambulanter Dienst

Themen der Beiträge:

  • Förderschule oder nicht? Wie hält es Bayern mit der Inklusion (Eva Eichmann)
  • Italien: Gelebte Inklusion in gemeinsamen Schulen (Julia Mumelter)
  • Zwischen allen Stühlen: Warum Schulbegleiter wichtig und lästig zugleich sind (Lisa Weiß)

Moderation: Nina Landhofer
Redaktion: Sissi Pitzer


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