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Bamberg und Manching als Vorbilder? Bayerns Flüchtlingszentren in der Diskussion

Die Unionsparteien wollen Flüchtlingszentren wie Bamberg und Manching zum Vorbild für ähnliche Einrichtungen in Deutschland machen. Der Massenbetrieb bringt jedoch Probleme mit sich - für Bewohner und Anlieger. Beispiel Bamberg: Die Kriminalität steigt und die Polizei stößt an ihre Grenzen.

Von: Carlo Schindhelm und Carola Brand

Stand: 27.01.2018

In Bamberg leben über 1.400 Menschen in der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken, wie das Flüchtlingszentrum offiziell heißt. Insgesamt ist auf dem ehemaligen Kasernengelände am östlichen Stadtrand sogar Platz für 3.400 Asylbewerber. Eine Kantine, Unterrichtsräume für Kinder und ein Materiallager, wo es wichtige Dinge wie Babynahrung und Zahnpasta gibt, sind Teil des Konzepts. Um die Abwicklung der Asylverfahren zu beschleunigen und zu vereinfachen, haben Behörden Außenstellen dort eingerichtet. So kann das gesamte Asylverfahren auf dem Gelände durchgeführt werden. Auf den ersten Blick ideale Bedingungen.

Frust unter Flüchtlingen und Angst vor Schlägereien

Ein Problem aber ist: Menschen verschiedener Herkunft und Religion leben eng zusammen und sie haben ganz unterschiedliche Bleibeperspektiven. Die einen können auf eine Anerkennung als Flüchtlinge hoffen, bei anderen ist der Ausgang des Verfahrens völlig offen und wieder andere müssen damit rechnen, abgeschoben zu werden. Gerade bei Menschen mit einem negativen Asylbescheid ist die Frustration hoch. 

Und was dann passiert, erzählt eine Tschetschenin, die in der Aufnahmeeinrichtung einen Landsmann besucht, der hier mit Frau und zwei kleinen Söhnen lebt:

"Er sagt, wenn die Menschen das mitbekommen, was hier passiert, werden sie verrückt. Jeden Tag Schlägereien, Singles und Familien werden zusammen in einem Block untergebracht. Es gibt immer Missverständnisse oder Mentalitätsunterschiede - es ist unmöglich, meint er."

Tschetschenin übersetzt Schilderung eines Landsmanns

Familien mit Kindern im Flüchtlingszentrum

Eine Iranerin, die mit Mann und Kind in der Einrichtung lebt, berichtet dem Reporter, sie habe Angst, allein mit ihrer Tochter zum Spielplatz zu gehen. Und sie würde gerne ihre Zimmer absperren. Doch das ist laut Regierung von Oberfranken nicht zulässig - aus Sicherheitsgründen.

"Stellen sie sich einen Brandfall vor. Da kann eine offene Tür Leben retten."

Stefan Krug, Regierung von Oberfranken

Polizei: Deutlich mehr Diebstähle und Körperverletzungen

Nachfrage beim Innenministerium: Wie gefährlich ist das Leben in der Aufnahmeeinrichtung? Von rund 50 gefährlichen Körperverletzungen durch Zuwanderer im vergangenen Jahr in Bamberg ereigneten sich laut Bayerischem Innenministerium die meisten in der Aufnahmeeinrichtung. 

Auch im Stadtgebiet von Bamberg verzeichnet die Polizei deutlich mehr Diebstähle und Körperverletzungen. Die Gruppe der Zuwanderer ist laut Kriminalitätsstatistik auffallend stark vertreten - als Täter und als Opfer. Die Bamberger Polizei bekam bereits vorübergehend Verstärkung aus Coburg, Hof und Bayreuth, sagt Polizeichef Thomas Schreiber.

Gleichzeitig aber betont Polizeichef Schreiber: Die Mehrheit der Bewohner in der Aufnahmeeinrichtung sei unauffällig. Es sei eine Minderheit, die den Beamten immer wieder zu schaffen macht. Das seien vor allem die Asylbewerber ohne Bleibeperspektive.

Fllüchtlinge ohne Bleibeperspektive: "Das ist nicht fair"

Aufnahmeeinrichtung Bamberg: Ein Sicherheitsdienst ist immer vor Ort

Nach Angaben der Regierung von Oberfranken haben knapp 17 Prozent der Flüchtlinge in der Bamberger Massenunterkunft nur eine geringe Bleibeperspektive. Das betrifft Menschen, die vom Balkan kommen, aus dem Senegal oder aus Ghana. Die drei Staaten gelten als sichere Herkunftsländer. Die Aussicht auf Asyl ist also schlecht. "Kein Ghanaer hat eine Chance hier", sagt ein Betroffener, der mit anderen Männern vor einem Wohnblock steht.

"Wir wollen arbeiten. Wir sind nicht hier, um im Supermarkt Wein und teures Zeug zu stehlen, das ist einfach nicht fair."

Asylbewerber aus Ghana

Auf dem Weg zwischen der Aufnahmeeinrichtung und dem Bahnhof liegen mehrere Läden und Geschäfte. Arno Döring ist der Leiter eines Supermarktes. Allein in seinem Laden seien vergangenes Jahr 50 Diebstähle angezeigt worden. Die meisten Täter seien Asylbewerber, berichtet er.

"Es ist natürlich auch mit Kosten verbunden, auf denen wir als selbstständige Einzelhändler einfach sitzen bleiben. Das geht locker in den fünfstelligen Bereich das Jahr über; das muss der Politik auch klar sein, an einem Standort wie bei uns, dass das richtig Geld kostet."

Arno Döring, Leiter eines Supermarktes

Anwohner des Flüchtlingszentrums verunsichert

Ehemalige Kaserne: Bamberger hatten auf zusätzlichen Wohnraum gehofft

Das Flüchtlingszentrum auf dem ehemaligen Kasernengelände hat viele Bürger vor vollendete Tatsachen gestellt. Gerade Familien hatten beim Abzug der US Soldaten auf günstigen Wohnraum gehofft, der in Bamberg Mangelware ist. Doch offen äußern will sich kaum einer. Bei einer Umfrage in den Straßen rund um die Aufnahmeeinrichtung winken die meisten ab, nur wenige sagen etwas ins Mikrofon.

"Klar, man achtet allgemein mehr drauf und schaut auch mehr, wenn man jetzt das Haus verlässt. Aber vom Sicherheitsgefühl her fühle ich mich trotzdem relativ sicher, muss ich sagen."

Anwohnerin des Flüchtlingszentrums

Anders empfindet das der Anwohner Markus Ritter. Er fühlt sich mit seiner Familie nicht mehr so sicher wie früher und hat an seinem Haus eine Videoüberwachungsanlage installiert - eine Vorsichtsmaßnahme, wie er sagt.

"Hier in unserer Straße und in der Pödeldorfer Strasse und der Nachbarstrasse wurden innerhalb von mehreren Nächten Autospiegel abgetreten. Es wurden Fahrradschuppen aufgebrochen und Fahrräder geklaut."

Markus Ritter, Anwohner

2016 wollte Markus Ritter zusammen mit Mitstreitern verhindern, dass die Aufnahmeeinrichtung weiter ausgebaut wird. Mit einer Online-Petition sammelten die Aktivisten rund 3.000 Unterschriften und übergaben diese an die Bayerischen Staatsregierung. Letztlich konnten sie den Ausbau nicht verhindern. Tatsächlich wurde die Obergrenze von 1.500 Bewohnern bisher nie überschritten.

Union will Flüchtlingszentren in ganz Deutschland

Zentrale Aufnahme- und Rückführungszentren wie in Bamberg und Manching sollen bundesweit zum Vorbild werden, so hat es die Unionsfraktion im Herbst vereinbart. CDU und CSU wollen das auch im Koalitionsvertrag für die neue Bundesregierung festschreiben.


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