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Kampf gegen das Bienensterben EU verbietet Neonikotinoide auf Äckern

Die EU-Staaten haben den Einsatz von bestimmten Pflanzenschutzmitteln auf Äckern verboten. Es geht um drei Wirkstoffe aus der Gruppe der Neonikotinoide. Sie werden zum Beispiel für das Bienensterben verantwortlich gemacht. Landwirte fürchten, dass sich das auf Qualität und Ertrag ihrer Ernte auswirken könnte.

Von: Michael Kraa

Stand: 27.04.2018

Tote Biene auf einer gelben Blüte | Bild: picture-alliance/dpa/McPhoto

Konkret wurde der Einsatz der Wirkstoffe Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid auf Äckern untersagt. Damit dürfen die Substanzen dort gar nicht mehr genutzt werden - weder in Form von Saatgutbehandlung noch als Spritzmittel. Auch nach der heutigen Abstimmung bleiben die Wirkstoffe in Gewächshäusern erlaubt, wie Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner mitteilte.

Vor der Sitzung in Brüssel hatte sich eine Zustimmung für das Verbot des Freilandeinsatzes abgezeichnet. Fraglich war allerdings, ob die erforderlichen Quoten zustande kommen würden. Damit der Verbotsvorschlag der EU-Kommission durchgeht, mussten mindestens 16 EU-Staaten zustimmen - und sie müssen mindestens 65 Prozent der EU-Bevölkerung repräsentieren.

Deutschland und Frankreich hatten vorab bereits ihre Zustimmung signalisiert. Deutschland werde mit einer "klaren Haltung abstimmen" und dem Vorschlag der Kommission folgen, sagte Klöckner im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Andere Länder ließen ihre Haltung offen.

Von der Wunderwaffe zum Bienenkiller

Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide galten einst als Wunderwaffen gegen Schädlinge. Dann wurde klar, dass sie auch für Bienen und andere nützliche Insekten gefährlich sind. Erst im Februar hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit drei Wirkstoffe (EFSA) als "Risiko für Wild- und Honigbienen" bezeichnet.

Beurteilt hat die EFSA die Wirkung von drei Mitteln: Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid, alle aus der Gruppe der Neonikotinoide, die als Kontakt- oder Fraßgifte wirken. Behandelte Pflanzen werden durch sie vor beißenden und saugenden Insekten geschützt. Kommen Insekten mit den Mitteln in Kontakt, binden sich die synthetisch hergestellten Wirkstoffe der "Neonics" an die Rezeptoren der Nervenzellen der Insekten und stören so die Weiterleitung von Nervenreizen. Bei den Insekten führt dies schließlich zum Tod.

Eine Erfolgsgeschichte

Das macht diese Insektizide hochwirksam, weshalb sie heute die am meisten eingesetzten bei der Schädlingsbekämpfung sind. Gegen den Maiswurzelbohrerer ebenso wie gegen den Rapsglanzkäfer. Im Apfelanbau gegen Läuse. Ebenso beim Hopfen, bei Getreide, im Weinbau oder bei Zuckerrüben. Die Neonikotinoide können dabei nicht nur versprüht, sondern vor allem auch zur Vorbehandlung des Saatgutes eingesetzt werden, dem sogenannten "Beizen". Das Saatgut wird dabei quasi mit einer giftigen Schutzhülle ummantelt.

Der Wendepunkt

Lange waren die Neonics ein Verkaufsschlager. Bis 2008 etwas Verheerendes passierte: Im baden-württembergischen Rheintal starben massenhaft Bienen, 11.500 Völker wurden ausgelöscht. Die Ursache: gebeizter Mais. Das Saatgut war mit einer sehr hohen - zu hohen - Dosis eines Neonicotinoids behandelt. Da nicht sachgerecht gebeizt worden war, entstand beim Ausbringen eine Staubwolke aus Insektengift, die sich weiträumig verteilte. Eine Studie ergab, dass die Neonics für Bienen 5.000 Mal giftiger sind als das Supergift DDT. Deutschland zog damals die Zulassung für acht Produkte zurück.

Stimmen für ein komplettes Verbot

Doch auch bei "sachgerechter" Anwendung sind die Neonicotinoide nicht ungefährlich - weshalb sich auch viele Wissenschaftler dafür aussprechen, sie ganz zu verbieten. So der Bienenforscher und Neurobiologe Prof. Randolf Menzel von der Freien Universität Berlin.

In einer Testreihe wird die Hälfte seiner Bienen mit einer Zuckerlösung gefüttert, die eine kleine – nicht tödliche - Dosis des Neonikotinoids Thiacloprid enthält. Die andere Hälfte bekommt Futter ohne Gift. Dann trainiert er das Gedächtnis der Bienen. Sie werden mit einem Duft angeblasen. Und gleichzeitig gefüttert. Im Gehirn der Bienen wird der Duft  mit der Erinnerung an Essen verknüpft. Einen Tag später prüft Randolf Menzel, ob sich die Bienen an den Duft erinnern. Das Ergebnis: In der Kontrollgruppe - ohne Neonics - erkennen rund 80 Prozent der Bienen den Duft wieder. Von den Bienen, die vorher mit dem Insektengift gefüttert wurden, sind es dagegen nur 20 Prozent.

"Die Biene kann sich nicht mehr gut erinnern. Sie nimmt nicht mehr am sozialen Kontakt teil. Sie kann nicht von anderen Bienen lernen – im Tanz, wo es etwas Gutes zu holen gibt. Sie kann auch nicht mehr gut navigieren. Sie ist in ihren gesamten kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt – so, wie das auch bei Alzheimerpatienten auftritt."

Prof. Randolf Menzel, Freie Universität Berlin

EFSA spricht von "Risiko"

"Die Mehrzahl der Anwendungen von Neonikotinoid-haltigen Pestiziden" stellt nach einem im Februar veröffentlichten Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA "ein Risiko für Wild und Honigbienen dar". Aktualisiert hatte die EFSA darin die Risikobewertungen für die drei Mittel Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam, die aufgrund ihrer Bedrohung für Bienen bereits EU-weiten Beschränkungen unterliegen.

Die neue Bundesregierung hatte in verschiedenen Stellungnahmen ihre Haltung deutlich gemacht:

"Ich werde mich dafür einsetzen, dass Pflanzenschutzmittel nur noch zugelassen werden dürfen, wenn ihre Auswirkungen auf die biologische Vielfalt in ausreichendem Maß ausgeglichen werden."

Svenja Schulze (SPD), Bundesumweltministerin

Und auch ihre Kollegin aus dem Landwirtschaftsressort bekräftigte, dass sie in Brüssel dem Freilandverbot für die drei Mittel Clothianidin, Thiamethoxam und Imidacloprid zustimmen würde.

"Was der Biene schadet, kommt vom Markt."

Julia Klöckner (CDU), Bundeslandwirtschaftsministerin

Ersatzgifte liegen schon in der Schublade

Doch die Industrie hat längst neue Insektizide in der Schublade. Zum Beispiel die Wirkstoffe Sulfoxaflor aus der Gruppe der Sulfoximine oder Flupyradifuron aus der Gruppe der Butenolide. Stoffe, die keine Neonikotinoide sind, aber eine verdächtige Ähnlichkeit haben. Auch sie binden sich an die Rezeptoren der Nervenzellen von Insekten und stören dadurch die Weiterleitung von Nervenreizen.

Durch die EU sind beide Mittel bereits zugelassen. Flupyradifuron ist auch bereits in einigen Mitgliedsstaaten zugelassen, allerdings nicht in Deutschland.

Von Flupyradifuron weiß man, dass es die Geschmackswahrnehmung von Bienen, das Lernen und das Gedächtnis negativ beeinflussen kann. Das haben Versuche an der Uni Würzburg gezeigt. Bei bestimmungsgemäßer Anwendung auf dem Feld, so die Wissenschaftler, sei aber nicht damit zu rechnen, dass die Bienen mit der im Labor verabreichten Dosis in Kontakt kämen. Wichtig sei es jetzt zu erforschen, wie sich Flupyradifuron auf die motorischen Fähigkeiten der Tiere, den Bienentanz und die Orientierung auswirke.


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Siegfried Borkowitz. , Montag, 30.April, 12:16 Uhr

33. Bienen/Leben ................

Jahrhunderte ist die Menschheit ohne Pflanzenschutz sehr gut ausgekommen .....................
Ich bin für einen kompletten Verbot .....................

Kurt Beck (nicht ehem.Ministerpräsident v.Rhpf), Sonntag, 29.April, 11:16 Uhr

32. Insektiziede

Ich finde es drigend erforderlich,dass alle derartigen und in ihrer vergleichbaren Wirkung sogenanter "Pflanzenschutzmittel" weder hergestellt, noch verkauft und angewandt werden dürften. Dies muss ausdrücklich gesetzlich verboten werden.Schliesslich sind nicht nur Bienen und andere nützliche Insekten,sondern indirekt auch wir Menschen und Tiere davon betroffen.Hier sollten unsere Politiker unbedingt die Empfehlungen unserer Wissenschaftler befolgen und auch danach handeln!

Ulrike Feldt-Laubach, Sonntag, 29.April, 09:53 Uhr

31. Bienengifte

Es ist nicht möglich, wann werden die Menschen endlich lernen, dass Gift nicht nur der Umwelt und Tieren schadet, es tötet irgendwann auch die sogenannte Krönung der Schöpfung: den Menschen selbst.

Ademi, Samstag, 28.April, 07:37 Uhr

30. Gift

Hallo ich bin froh das Männchen sind jetzt wach geworden .weil bin selbst Imka und merke das ohne Bienen keine richtigen Leben. Danke an alle Organisationen gegen Bienen sterben

Karin Joos, Freitag, 27.April, 19:21 Uhr

29. Die Natur und den Menschen zerstörende Denk-Richtung

Welches Denken liegt der Erfindung aller -die Umwelt und den Menschen in grossem Maße schädigenden, einseitig wirtschaftlichem Wachstum verpflichteten Entscheidungen zugrunde ? : ein auf das "Ursache - Wirkung" - Prinzip reduziertes Vorstellungsprinzip, anstatt eines "ganzheitlichen", "organismischen" Denkens, das fähig wird, die dem Lebendigen zugrundeliegende Zusammenhänge zu erfassen.

Wie wird eine bestimmte Denk-Richtung "erzogen" ? Durch einen einseitig - materialistischen Blickwinkel, der die Aufgabe der Erziehung zum Menschen mit einer Wissens-Informations-Flut verwechselt. Indem die Entwickelungs-Gesetze des Menschen in ihrem Zusammenhang mit den in der Natur herrschenden nicht mehr aus einer spirituellen Orientierung heraus gesucht werden.