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Katastrophen allerorten Wie viel Empathie wir uns leisten können

Die Rettung der jungen Fußballer in Thailand hat viele Menschen tief berührt - Empathie ist eine zentrale menschliche Eigenschaft. Doch wie kommt es, dass viele andere Katastrophen uns eher gleichgültig sind? Claus Lamm klärt auf - er ist Professor für Soziale Neurowissenschaften in Wien und Empathie-Forscher.

Stand: 13.07.2018

Bayern 2-radioWelt: Warum hat gerade die Rettung der jungen Fußballer aus der Höhle in Thailand bei so vielen Menschen Mitgefühl ausgelöst?

Claus Lamm, Professor für Soziale Neurowissenschaften in Wien und Empathie-Forscher: Da gibt es mehrere unterschiedliche Gründe, wie man das aus wissenschaftlicher Sicht erklären kann: Einer ist, dass mit dieser überschaubaren Zahl von zwölf Personen das Leid oder die Bedürftigkeit ein Gesicht bekommen kann. Der zweite Faktor ist: Es sind Kinder, also prinzipiell schützenswerte Wesen, denen man sich eher zuwendet, wenn sie Hilfe brauchen. Hilflosigkeit bei Kindern löst sicherlich stärkere Reaktionen aus. Und wenn man das in Vergleich setzt zu Flüchtlingen, die im Mittelmeer ertrinken, spielt sicherlich auch noch eine Rolle, dass diese Rettungsaktion ein überschaubares Ereignis war. In diesem Fall noch dazu mit einem positiven Ergebnis und auch einem potentiell positiven Ergebnis, als man das noch nicht gewusst hat, also mit einem klaren Anfang und Ende, das auch zu positiven Emotionen führen kann. Während bei den Personen, die schon seit mehreren Jahren über das Mittelmeer oder andere Fluchtrouten zu uns kommen und dabei sterben, das wahrscheinlich nicht so schnell enden wird. Es ist also emotional schwerer verkraftbar, hier Mitgefühl nicht nur zu entwickeln, sondern auch über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten.

Bayern 2-radioWelt: Welche Rolle haben die Medien gespielt, die die Höhlenrettung Tag für Tag als Drama abbilden?

Claus Lamm: Man kann das schon als Inszenierung bezeichnen. Das wird natürlich eher vor den Vorhang geholt, weil es etwas Neues ist, mal "etwas anderes". Im Gegensatz zu den immer währenden Hintergrundgeräuschen von Personen, die versuchen, nach Europa zu flüchten und dabei auch Leib und Leben riskieren.

Bayern 2-radioWelt: Könnte man ähnliches Mitgefühl auslösen, wenn Kameras beispielsweise tagelang an Bord eines Flüchtlingsschiffes wären und dort auch die Gesichter von Kindern zeigen würden, die gegen das Ertrinken ankämpfen?

Claus Lamm: Prinzipiell bis zu einem gewissen Grad natürlich schon. Wenn man sich zurückerinnert: 2015, als die große erste Bewegung stattgefunden hat, war das ja durchaus so. Da war die mediale Aufmerksamkeit noch viel positiver. Mit "Refugees Welcome" etc. gab es ja eine große Welle der Hilfsbereitschaft. Aber über die Zeit hinweg hat dann das gesellschaftliche, politische und vielleicht auch mediale Klima etwas umgeschlagen - und dann werden diese Storys nicht mehr verkauft als "diesen Personen muss man helfen" oder "diese Personen muss man retten", sondern eher als: "Ok, das sind jetzt Wirtschaftsmigranten" oder "was wollen die denn überhaupt bei uns", "wir müssen uns vor denen schützen" - und das dreht Mitgefühl und Zuwendung natürlich relativ schnell ab.

Bayern 2-radioWelt: Könnte man aus wissenschaftlicher Sicht Empathie auch über eine sehr lange Zeit mit einer sehr großen Zahl von Menschen haben? Wenn es beispielsweise über Jahre hinweg Tausende Flüchtlinge betrifft?

Claus Lamm: Es gibt ja ständig positive Beispiele, wie Personen, die für Flüchtlingsorganisationen oder andere gemeintätige Organisationen tagtäglich arbeiten. Die leben das tagtäglich, aber für die breite Masse ist es möglicherweise eine zu große Herausforderung. Etwas, mit dem man eben auch umgehen können muss. Tagtäglich mit dem Leid von anderen Personen konfrontiert zu sein - wie bei Krankenschwestern, Ärzten - wo Personen dann auch sterben, dafür muss man ausgebildet und vorbereitet sein. Die breite Bevölkerung hat möglicherweise diese Fähigkeiten zu wenig.

Bayern 2-radioWelt: Wenn man das Gefühl hat, dass man selbst immer mehr abstumpft angesichts der vielen schlechten Nachrichten auf der Welt: Kann man lernen, wieder empathischer zu werden?

Claus Lamm: Einerseits muss man sich fragen, warum man abstumpft: Ist es einem einfach zu viel, ist man emotional überfordert? Oder liegen andere Motive dahinter? Fühlt man vielleicht tatsächlich bedroht? Entweder durch die Emotionen, die ausgelöst werden, oder durch die Personen, die zu uns kommen wollen? Das andere ist, dass man sich sozusagen in ein gesellschaftliches Umfeld hineinbewegt, wo es auch ok ist, diese Emotionen zu empfinden. Oft ist es ja so, dass Mitgefühl nicht in einem Vakuum passiert, sondern im gesellschaftlichen Umfeld: Nachbarn, der Bäcker, bei dem man einkaufen geht, die beeinflussen in gewisser Art und Weise auch, wie viel Mitgefühl ok ist, wie viel Mitgefühl man für die Personen empfinden darf, soll oder kann. Und wenn sich dieses gesellschaftliche Umfeld in eine Richtung entwickelt, wo das Mitgefühl nicht mehr im Vordergrund steht, oder man vielleicht sogar sagt - "mit denen wollen wir gar kein Mitgefühl haben, weil die nutzen uns ja nur aus, das sind Migranten, die kommen her, weil sie uns nur was wegnehmen wollen" - dann ist das schon ein ziemlicher "Killer". Dann muss man dem viel entgegenhalten, dass man sagt: "Nein, ich möchte nicht so denken, nicht so fühlen und nicht so handeln!"


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