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DLD 2018 Die Zurückeroberung der digitalen Welt

Facebook, Fake News und Big Business: Wer bestimmt, wo es künftig langgeht in der digitalen Welt? Zum Auftakt der DLD-Konferenz in München war nur eines klar: Wir, die Nutzer, haben zu wenig Macht im Netz.

Von: Florian Regensburger

Stand: 20.01.2018

DLD 2018 | Bild: Hubert Burda Media

"Wer im digitalen Bereich die Vorherrschaft gewinnt, der wird Herr der ganzen Welt werden", zitierte Sigmar Gabriel bei seiner Eröffnungsrede zur "Digital Life Design"-Konferenz (DLD) Wladimir Putin. So oder so ähnlich hatte der russische Präsident das vor ein paar Monaten tatsächlich gesagt. Für Bundesaußenminister Gabriel, Stargast des Auftakt-Abends zur DLD 2018 in München, ist die Aussage auch ein Weckruf, der vor allem Europa angeht.

Europa Zaungast bei USA vs. China?

Sigmar Gabriel plädierte bei der DLD 2018 für mehr weltpolitisches Engagement der Europäer.

Die "Big Five" aus den USA - Google, Apple, Amazon, Facebook und Microsoft - trügen diesen Kampf um die digitale Welt gerade mit den beiden großen chinesischen Playern unter den Tech-Konzernen, Alibaba und Tencent, aus. Und Europa? Sei eher eine Art Zaungast, der zwar irgendwie dabei sein will, sich aber nicht wirklich einzugreifen traut. Das solle sich ändern, so Gabriel. Die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner schlug in die gleiche Kerbe: Man müsse hierzulande "die Digitalisierung gestalten" - anstatt sich nur auf ihren Wogen treiben zu lassen.

Als wäre es gewollt gewesen, passen die beiden Politikeraussagen gut zum diesjährigen Motto der Digital-Konferenz DLD: "Reconquer", Zurückerobern. Doch dabei geht es nicht nur um die Technologieführerschaft von Staaten und Unternehmen. Es geht auch um einen Mangel an Souveränität der Nutzer, der einzelnen Menschen, die im Internet unterwegs sind.

Überfordert das Internet das menschliche Gehirn?

"Facebook und Google haben zu viel Macht", sagte auch der New Yorker Tech-Investor Albert Wenger im Gespräch mit BR24 im Rahmen der DLD. Der gebürtige Franke, dem Kunden aus aller Welt ihr Wagniskapital anvertrauen, sieht dabei auch eine Überforderung des Einzelnen im Internet: "Das menschliche Gehirn ist nicht auf eine Welt eingestellt, in der ich eine endlose Anzahl von Katzenvideos sehen kann".

Die Macht der großen amerikanischen oder chinesischen Tech-Konzerne beruht laut Wenger auf der vielzitierten, riesigen Datenmenge, die diese Unternehmen zur Verfügung haben. Dies sind teils sehr persönliche, auch intime Informationen über unser Leben, unsere Interessen, unsere Wünsche, die vielleicht niemand kennt außer uns - und den genannten Firmen. Nun gelte es, einen Teil dieser Macht zurückzuerobern. Eine Sofortmaßnahme, um den Blick zu klären, könne zunächst sein: "Sich öfter mal bei Facebook ausloggen", sagt Wenger.

Die Blockchain könnte den Nutzern nützen

Eine weiter greifende Lösung, um die ungleiche Verteilung der Datenmacht wieder zu nivellieren, könnte eines Tages auch die Blockchain-Technologie werden. Das technologische Prinzip verteilter Datenbanken, die in einer Vielzahl von Computern in identischer Form vorliegen, hat vielleicht das Zeug dazu, verlorengegangene Souveränität zurückzuerobern.

Die Technik, auf der auch Digital-Währungen wie Bitcoin oder Ether basieren, ist transparent und äußerst fälschungssicher. Transaktionen - seien es Geldüberweisungen, Vertragsabschlüsse oder wechselnde Besitzansprüche auf Bilder, Videos oder Texte - sind für jeden Teilnehmer einer Blockchain ersichtlich und nachvollziehbar. Rechte an digital vorliegenden Informationen lassen sich darüber eindeutig dokumentieren und zuordnen.

Blockchain als Mittel gegen Fakes im Netz

Trent McConaghy entwickelt mit BigchainDB eine Plattform für digitales Rechtemanagement.

Man stelle sich vor, die Daten, die Facebook über einen Menschen hortet, hat dieser nicht (nur) bei Facebook hinterlegt, sondern auch bei sich zu Hause gespeichert. Und nur er selbst bestimmt, was an neuen Informationen dazukommt, was gelöscht oder verändert wird - nicht nur auf dem eigenen Computer, sondern auch auf allen anderen Computern, die über die Blockchain zusammengeschlossen sind.

Die Blockchain ist auch ein heißer Kandidat, um einem anderen drängenden Problem in der digitalen Welt beizukommen: Fake News. So ließen sich etwa Bilder - egal ob von Journalisten, Unternehmen oder Privatpersonen - mit einer "eindeutigen kryptografischen Signatur" versehen, so gut wie fälschungssicher, sagte Trent McConaghy BR24 bei der DLD.

Urheberrechts-Management per Blockchain

So könnte man etwa bei fake-verdächtigen Fotos, die heute von Fakten-Checkern in den Redaktionen mit oft aufwendigen und langwierigen Verfahren geprüft werden müssen, umgehend feststellen, von wem die Aufnahme stammt. Mit seinem Unternehmen BigchainDB, dessen Technikchef er ist, entwickelt der Kanadier McConaghy eine entsprechende Datenbank auf Blockchain-Basis. Die lässt sich zum Beispiel auch für ein effektives Management der Urheberrechte an digitalen Werken wie Bildern, Videos oder Texten einsetzen.

Uber-Chef am Montag in München erwartet

Noch bis Montag geht es bei der DLD-Konferenz, die Hubert Burda Media jedes Jahr im Januar in München veranstaltet, um die verschiedensten Ecken der digitalen Welt, in denen es etwas zurückzuerobern gilt: um Maschinen und künstliche Intelligenz, die für Menschen immer mehr zu Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt werden; um vertrauenswürdige Nachrichten im Internet; um vernetzte Wohnungen und Städte - und um die Mobilität. Am Montag wird dazu mit Dara Khosrowshahi der neue Chef eines weiteren großen Datenkonzerns erwartet: des Taxi-Schrecks Uber. Nicht ausgeschlossen, dass dann auch die Münchner Taxifahrer kommen werden, um etwas zurückzuerobern.


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