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Schadstoffbelastung für Schüler und Lehrer Dicke Luft in Schulen

Seit diesem Schuljahr hat der Bund 3,5 Milliarden Euro Fördermittel freigegeben, das größte Investitionsprogramm der vergangenen zehn Jahre. Doch was passiert mit den Fördermitteln, wer kontrolliert die Ergebnisse der Sanierungen?

Von: Reinhard Weber

Stand: 03.11.2017

Burgkunstadt in Oberfranken: Zusammen mit dem Architekten und Ingenieur Konrad Fischer besucht mehr/wert die Realschule. Der Experte soll für uns testen, was die energetische Sanierung taugt.

Die Schule wurde vor acht Jahren mit Styropor gedämmt. Dafür flossen 1,3 Millionen Euro Fördergelder aus dem Konjunkturpaket II, das 2009 nach der Finanzkrise die Wirtschaft ankurbeln sollte. Die Fenster hat man hermetisch abgedichtet, doch eine Lüftungsanlage wurde nicht eingebaut.

Frischluft Fehlanzeige! Unsere Vermutung: Die Kinder leiden unter zu viel Mief im Klassenzimmer. Mit einem handelsüblichen Messgerät wollen wir die CO2-Werte im Raum überwachen, ein einfacher Test, kein wissenschaftlicher Versuch.

Rückblick – unser Besuch in 2012

CO2-Grenzwerte

Schon 2012 haben wir die Realschule Burgkunstadt besucht und eine Unterrichtsstunde lang die CO2-Werte gemessen. Binnen 45 Minuten stieg der Wert in der Raumluft auf 2650 ppm, das sind millionstel Teile. Doch was bedeutet das?

Laut Umweltbundesamt sind CO2-Werte unter 1000 ppm hygienisch unbedenklich.

1000 bis 2000 ppm werden als hygienisch auffällig eingestuft und Werte über 2000 wie bei den Kindern in Burgkunstadt gelten als hygienisch inakzeptabel.

Hat sich seit 2012 etwas verändert?

Die Realschule Burkundstadt

Wir lüften noch mal gründlich durch, starten dann die Schulstunde mit einem Wert von 550 ppm, also bester Frischluft. Doch bereits nach einer Viertelstunde steigt der Wert über die Komfortzone von 1.000 ppm und das Gerät schlägt Alarm.
Kein Wunder: Baulich wurde nichts verändert, eine Lüftung nicht nachgerüstet - schlecht für die Kinder.
Und am Ende der Stunde übersteigt der CO2-Wert wieder den inakzeptablen Wert von 2.000 ppm.

"Ab 1.400 geht schon eine starke Leistungsstörung los, und ab 2.000 ist der Grenzwert absolut erreicht. Da kommen Kopfschmerzen und man merkt einfach den Sauerstoffmangel. Das CO2 ist zwar kein Gift, aber es betäubt."

Konrad Fischer, Architekt. Hochstadt am Main

Energetische Sanierung mit dem Konkjunkturpakt II

Messung

Die Realschule Burgkunstadt ist nur eine von 808 Schulen in Bayern, die mit Hilfe des Konjunkturpakets II energetisch saniert wurde. Insgesamt hat man im Freistaat 655 Millionen Euro Fördergelder ausgezahlt.

Glaubt man dem Bauministerium, war das ein großer Erfolg. In der Broschüre "Energiesparen macht Schule" werden Modellprojekte mit schon fast wundersamen Energieeinsparungen von teils über 50 Prozent beworben. Ist also alles nur schöngerechnet? Gibt es überhaupt eine Überprüfung in der Praxis?

Auf Anfrage weicht das Ministerium aus: "Die im Betrieb erreichten Verbrauchswerte" seien stark vom Nutzer abhängig, so dass "eine Vergleichbarkeit hier nur über eine modellhafte Berechnung möglich ist."

Die Grundschule in Weitramsdorf

Die Grundschule in Weitramsdorf wurde zwei Jahre generalsaniert.

Wir können ein Beispiel aus dem laufenden Betrieb präsentieren: die Grundschule in Weitramsdorf bei Coburg. Sie wurde von 2008 bis 2010 generalsaniert und dann nach neuesten energetischen Richtlinien wieder aufgebaut. Vom Staat gab es dafür 1,6 Millionen Euro Fördermittel. Doch dann - die Überraschung:

Der Hausmeister führt uns zur Technik- und Heizanlage. Heuer kontrollierte der Rechnungsprüfungsausschuss der Gemeinde hier erstmals die Energiebilanz und kam zu dem fast schon absurden Ergebnis: Trotz neuer Pelletheizung und Wärmepumpe hat die Schule fast eineinhalbmal mehr Energiekosten wie mit der alten Ölheizung vor der Sanierung. Statt 23.000 nun 31.000 Euro. Dazu der Bürgermeister:

"Wir haben zugesagt, dass ermittelt werden muss, woran es liegt mit der Feststellung. Und diese Ermittlungen müssen wir noch abwarten. Aber wir wissen eines, wir haben die Schule mit der Energie versorgt, und die Energie wurde verbraucht, die nötig war."

Wolfgang Bauersachs, Bürgermeister, Weitramsdorf

Immerhin stimmen nach unseren Messergebnissen für die Kinder hier nun Klima und Sauerstoffgehalt. CO2-Probleme gibt es keine, denn Messfühler im Raum steuern eine Lüftungsanlage, die über viele kleine Löcher in der Decke frische Luft einbläst.

"Keine Kontrolle bei den Förderfällen"

Kontrolle mit der Endoskopkamera

Sofort aber fällt auf: Alles ist fest eingebaut und verputzt. Wie will man das reinigen? Unsere Vermutung: jede Menge Dreck dahinter.

Mit einer Endoskopkamera versuchen wir durch die Löcher zu blicken, testen die Decke an verschiedenen Stellen, denn niemand kann uns sagen, wo welche Technik verbaut wurde. Und auf einmal sehen wir deutliche Ablagerungen.

"Wir haben die Gefahr, dass sich in diesen Situationen Keime bilden und diese Keime gesundheitsschädlich sind. Kontrollieren kann man das eigentlich überhaupt nicht. Man müsste Revisionsöffnungen haben, die es nicht gibt."

Konrad Fischer

Experte Konrad Fischer konfrontiert den Bürgermeister mit dem Ergebnis. "Das ist schön, dass sie mir das jetzt so aufzeigen", so die Antwort des Bürgermeisters, "das werde ich natürlich gleich weitergeben."

Aber wie kommt es überhaupt zu solchen Pannen? Wir fragen bei der Regierung von Oberfranken nach, ob denn niemand die korrekte Umsetzung der Förderprojekte kontrolliert? Die Antwort:
"Eine Erfolgskontrolle in dem Sinne, dass die Funktionsweise der technischen Anlagen geprüft würde, ist in diesen Förderfällen nicht vorgesehen; sie fand auch nicht statt."

Fazit: Da werden Schulen mit viel Fördergeld energetisch saniert - und sind gleich wieder Sanierungsfälle. Die Leidtragenden: Schüler und Lehrer.


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