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Zwischen Aufbruch und Depression: Leben in der Ostukraine | BR24

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Seit fünf Jahren befindet sich die Ukraine im Dauerkonflikt mit Russland. Im Osten des Landes herrscht nach wie vor Krieg. Die Stimmung dort schwankt vor der ukrainischen Präsidentschaftswahl Ende März zwischen Aufbruch und Depression.

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Zwischen Aufbruch und Depression: Leben in der Ostukraine

Seit fünf Jahren befindet sich die Ukraine im Dauerkonflikt mit Russland. Im Osten des Landes herrscht nach wie vor Krieg. Die Stimmung dort schwankt vor der ukrainischen Präsidentschaftswahl in zwei Wochen zwischen Aufbruch und Depression.

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Schwungvoll steuert Olga Altunina ihren Kleinwagen durch das Zentrum von Slowjansk. Gelber Klinker, leicht verfallen, verglaste Veranden, Hochhäuser aus der Sowjetzeit. Die 100.000-Einwohner-Stadt liegt etwa 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt.

Olga Altunina ist ehrenamtlich Abgeordnete im Stadtparlament von Slowjansk und ständig unterwegs. An ihrem Rückspiegel flattern eine ukrainische Fahne in Blau Gelb und das blaue Sternenbanner der EU. Ihr Geld verdient sie als Koordinatorin der Kiewer Gespräche, eines deutsch-ukrainischen zivilgesellschaftlichen Netzwerks.

Russische Besatzung: Zurück blieb eine zerstörte Stadt

Auch Slowjansk war kurze Zeit in der Hand der von Russland unterstützten Separatisten. Es war einer der ersten Orte, an dem sie 2014 die Macht übernahmen. Drei Monate blieben sie. Dann konnten die Ukrainer die Stadt zurückerobern. Wie viele Bewohner, verließ Altunina während der Besatzung die Stadt.

"Als wir zurückkamen, gab es keinen Strom, es gab kein Gas, alles war zerschlagen, alles war abgeschaltet, kein Wasser, natürlich kein Internet." Olga Altunina, Kommunalpolitikerin

Die Abgeordnete hält vor den Ruinen eines Krankenhauses. Durch leere Fensterhöhlen strahlt blauer Himmel, die Fassaden sind perforiert von Einschüssen. Der Krieg hat Altunina geweckt. Sie gab ihren Job als Immobilienmaklerin auf, um sich der Politik zu widmen.

"Was Heimat ist, was die Ukraine ist, was Patriotismus ist, haben wir wohl erst 2014 begriffen. Erst, als unser Gebiet in Gefahr war, als unsere Stadt okkupiert war, als Männer in Militäruniform hier patrouillierten und unser Leben bedroht war." Olga Altunina, Kommunalpolitikerin

Reformeifer eckt an in der Kommunalpolitik

Altunina weiß um das schlechte Ansehen der Regierung und der staatlichen Institutionen bei den Menschen in der Ostukraine. Umso wichtiger findet sie es, auf lokaler Ebene für Reformen zu kämpfen und die Menschen dabei mitzunehmen. Deshalb kandidierte sie 2015 für den Stadtrat.

Olga Altunina eckt mit ihrem Reformeifer an. Und sie hat Gegner. Denn sie berührt die Interessen der alteingesessenen Eliten. Sie hat in Slowjansk Unregelmäßigkeiten bei der Vermietung städtischer Immobilien entdeckt. Ein großes Gebäude wurde sehr billig vermietet. Der Mieter sollte dort eigentlich Kindernahrung verkaufen, tatsächlich aber wurde dort mit Lebens- und Reinigungsmitteln gehandelt.

"Ich habe den Bürgermeister gebeten, mir den Mietvertrag zu zeigen. Er hat abgelehnt. Obwohl ich nach dem Abgeordnetengesetz das Recht darauf habe. Ich habe geklagt, habe Recht bekommen, und ich habe mich gefragt, warum ich mich eigentlich nur für eine Immobilie interessiere. In der Stadt gibt es 900 davon." Olga Altunina, Kommunalpolitikerin

Altunina beantragte, alle 900 städtischen Immobilien überprüfen zu lassen. Der Antrag ging durch, es wurde eine Kommission gebildet, in der sie und ihre Mitstreiter sogar die Mehrheit stellen. Doch Altunina wurde bedroht, persönlich und telefonisch, unter Druck gesetzt. Unterkriegen lassen will sie sich davon nicht.

Co-Working-Space: Hilfe für junge Kreative

In Slowjansk fährt die Lokalpolitikerin Olga Altunina zu einem ihrer Lieblingsprojekte. Es ist ein Co-Working-Space, also ein Treffpunkt für Kreative, die kein eigenes Büro haben.. Sie parkt vor einem Backsteinbau.

Im ersten Stock bedeckt abgedunkeltes Laminat den Fußboden. Stühle stehen vor einer kleinen Bühne. Zwei Frauen sitzen an Schreibtischen vor ihren Laptops und arbeiten. An der Wand steht "Top Place – Work, Study, Fun". Altunina begrüßt den Chef mit Küsschen. Er heißt Aleksej Owtschinnikow. Die Leute, die hier arbeiten, hätten gut abwandern und in irgendwelchen großen Städten Fuß fassen können, sagt Aleksej, doch sie seien geblieben und versuchen etwas aufzubauen.

"Einige haben sich mit Street Food ausprobiert und ein Café in Slowjansk eröffnet. Das Problem ist, dass die Leute die Möglichkeiten in der Region nicht sehen und nicht kennen. Tatsächlich aber ist die Region leer, und es gibt sehr viele Möglichkeiten für unterschiedliche Geschäftsideen, vor allem für Kleinunternehmer." Aleksej Owtschinnikow, Hilfsorganisation USAID

Unterstützt wird der Co-Working-Space von der US-amerikanischen Hilfsorganisation USAID. Aleksej ist mit 40 Jahren der älteste im Team. Die anderen sind zwischen 22 und 24. Ihre Aufgabe ist es, den jungen Leuten zu helfen und kulturelles Leben zu fördern. Und letztlich damit die Abwanderung junger Leute zu stoppen.

Abwanderung junger Leute aus Ukraine stoppen

In Slowjansk haben die von Russland unterstützten Separatisten 2014, nachdem sie das Rathaus und alle anderen Schlüsselstellen besetzt hatten, über eine Abtrennung von der Ukraine abstimmen lassen. Das sogenannte Referendum fand unter Waffen statt und wurde international nicht anerkannt. Es hieß, 90 Prozent hätten damals für die Loslösung der Region von der Ukraine gestimmt.

Olga Altunina meint, dieses Ergebnis sei vor allem deshalb zustande gekommen, weil an der Abstimmung vor allem alte Leute teilgenommen hätten. Diese alten Leute seien immer noch da, sagt Altunina. Umso wichtiger sei es, etwas für die jüngeren Leute zu tun.Und dafür ist der Co-Working-Space da.

"Wenn es hier keine Möglichkeiten gibt, fangen die Schwierigkeiten schon an. Wir haben jetzt einen Filmprojektor angeschafft und werden ein Open-Air-Kinofestival organisieren." Aleksej Owtschinnikow, Hilfsorganisation USAID

Aleksej möchte, dass die Menschen in Slowjansk bleiben und das Schicksal ihrer Stadt selbst in die Hand nehmen. Wie in der ganzen Ukraine. Der Osten der Ukraine muss attraktiv werden, damit die jungen Leute nicht weggehen, damit die Region nicht irgendwann doch durch die kalte Küche von Russland einkassiert wird.