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Hassan Gholam mit seiner Familie im Nordwesten Bosniens.

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    Zwischen allen Stühlen: Geflüchtete aus Afghanistan in Bosnien

    In Bosnien und Herzegowina sind viele Menschen aus Afghanistan gestrandet. Geflohen sind sie lange vor der Machtübernahme durch die Taliban. Nun blicken sie mit Entsetzen auf die Ereignisse in ihrem Heimatland und sorgen sich um Angehörige.

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    Von
    • Srdjan Govedarica
    • Eldina Jasarevic
    • Andrea Beer

    Schlimme Nachrichten aus der Heimat

    Eine Wiese in der nordwest-bosnischen Stadt Velika Kladuša. Kinder spielen zwischen dünnen Plastikzelten, die zurzeit ihr zuhause sind. Bis zu 100 Menschen sind hier gestrandet. Die meisten stammen aus Afghanistan. Auch Feriba Nurzai. Es gibt keine Toiletten hier, kein sauberes Trinkwasser und auch keines zum Waschen, erzählt die 32-jährige. Die Zelte schützen kaum vor der Hitze und streunende Hunde kommen vor allem nachts den Kindern gefährlich nahe. Ihre Heimat habe sie vor zwei Jahren verlassen und war schon im Iran, in der Türkei, in Griechenland, Albanien und Montenegro. Aus Bosnien will sie, wie viele andere auch, Kroatien erreichen und dann weiter nach Westen, nach Deutschland, wo ihr Bruder lebt. Zurück in ihre Heimatstadt Herat, wo sie als Lehrerin gearbeitet hat, kann sie nicht mehr, erst recht nicht seit die Taliban dort an der Macht sind.

    Von ihrer Familie in Herat habe sie vor zwei Tagen erfahren, dass die Taliban Mädchen ihren Angehörigen entreißen und sie dann nach Pakistan verschleppen würden. Außerdem sei ihr Bruder dort in großer Gefahr, weil er für die inzwischen abgesetzte Regierung gearbeitet habe.

    „Nur eine Option“

    Rund 50 Meter weiter hackt Hassan Gholam Holz für die Feuerstelle, auf der gerade Kartoffeln brutzeln. Hassan Gholam ist mit seiner 4,5-jährigen Tochter und seinem sechsjährigen Sohn unterwegs. Trotz der widrigen Umstände halten sie sich hier in Grenznähe auf – Kroatien und die Europäische Union sind nur wenige Kilometer weit weg:

    Ich kann den europäischen Ländern nicht vorschreiben, die Grenzen zu öffnen, weil das ihre Länder sind. Aber wir haben nur eine Option, um unsere Familien zu retten – und das ist über die Grenze zu gehen. Die zweite Option ist der Tod. Hassan Gholam

    Er sei Ingenieur und habe drei Jahre lang für die britische Armee in Helmand und Kabul gearbeitet, sagt Hassan Gholam. Auch habe er die amerikanischen Marines bei einem Wiederaufbauprojekt unterstützt. 2017 hat er Afghanistan verlassen – es wurde zu gefährlich, sagt er. Den Amerikanern wirft er vor, Afghanistan zu früh verlassen – er sagt verkauft zu haben. Außerdem hätten sie mit Aschraf Ghani den Falschen an der Staatsspitze installiert:

    Dieser Typ war nicht die Wahl der afghanischen Nation, sondern von internationalen Politikern. Und am Ende hat er das Land an die Taliban ausgehändigt. Hassan Gholam über Aschraf Ghani

    „Ich denke jede Nacht an sie“

    Ein paar Zelte weiter ist ein junger Afghane mit seiner Frau und zwei Kindern untergekommen. Seinen Namen möchte der 29-jährige nicht öffentlich machen, damit habe er schlechte Erfahrungen gemacht, sagt er.

    Ich glaube, Afghanistan ist jetzt erledigt. Und Afghanistan in dieser Situation ist eine Gefahr für alle Länder – am meisten aber für das afghanische Volk.

    Im Auftrag der Amerikaner habe er afghanische Militärangehörige unterrichtet, erzählt der junge Mann. Und das habe sich herumgesprochen – deshalb habe er fliehen müssen. Zuerst in den Iran. Nach mehreren Abschiebungen zurück nach Afghanistan, schafft es der junge Afghane nach Griechenland und von dort nach Bosnien und Herzegowina. Seine kleine Tochter sei gerade krank, sagt er, sobald sie wieder gesund sei, wolle die Familie über die Grenze nach Kroatien und dann weiter in den Westen. Sie versuchen es zum ersten Mal und haben schon viele Berichte von illegalen Abschiebungen und Gewalt durch kroatische Grenzpolizisten gehört. Im Moment überwiegt aber die Sorge um den Rest der Familie in Afghanistan:

    Den größten Stress machen mir gerade Gedanken an meine Familie. Ich denke die ganze Zeit an sie. Obwohl es uns hier auch nicht gut geht, denke ich jede Nacht an sie. Weil ich weiß, dass sie nicht in Sicherheit sind.

    Hintergrund Flüchtende in Bosnien und Herzegowina

    Während der großen Fluchtbewegung 2015 und 2016 liegt Bosnien und Herzegowina abseits der sogenannten Balkanroute. Das hat sich grundlegend geändert. Zehntausende sind seit 2017 durch das Land gekommen und 2021 (Januar bis Juli) wurden ca. 7500 Flüchtlinge und Migranten in Bosnien und Herzegowina registriert. Sie versuchen, ohne dafür gültige Papiere über die Grenze nach Kroatien zu gelangen und damit in die EU. Von kroatischen Polizisten werden sie nach Bosnien zurückgeschoben, unter Missachtung der Gesetze und unter Anwendung von Gewalt. Kroatische Behörden dementieren das, die Vorfälle sind jedoch gut dokumentiert.