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Stapel verschiedener Tageszeitungen
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Günter Herkel
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Stapel verschiedener Tageszeitungen

In Zeiten der Globalisierung eine paradoxe Entwicklung: Die Welt wird kleiner, zumindest in der deutschen Regionalpresse. Die Medienkonzentration wächst, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Zum Beispiel DuMont. Die sechs Blätter der Kölner Mediengruppe, darunter der "Kölner Stadtanzeiger" und die "Berliner Zeitung", bekommen seit dem 1. Oktober vergangenen Jahres alle überregionalen Inhalte vom Madsack-Verlag in Hannover geliefert. Durch diesen Deal wurden die DuMont-Auslandskorrespondenten überflüssig: Ihnen waren schon Monate zuvor die Pauschalistenverträge gekündigt worden. Mit Folgen zum Beispiel für die Berichterstattung aus Polen und Ungarn:

"Es ist doch sehr dünn, weil es nicht einen Korrespondenten gibt, der da lebt und einfängt, was es für Entwicklungen gibt und das dann seiner Redaktion erzählt und verkauft." Ulrike Simon, freie Journalistin

Gordon Repinski, Leiter des Hauptstadtbüros vom Redaktionsnetzwerk Deutschland vom Madsack-Verlag, erklärt, dass sich die Tageszeitungen Auslandskorrespondenten schlicht nicht mehr leisten könnten. Die Branche verliere im Schnitt fünf Prozent an Auflage pro Jahr und teilweise zweistellig bei den Anzeigen.

Presseagenturen profitieren

Die Welt in den Regionalzeitungen schrumpft, vor allem aus ökonomischen Gründen. Nutznießer dieser Entwicklung ist die dpa, die Deutsche Presseagentur. Zwar soll von deren Journalisten vor Ort nicht nur die Chronistenpflicht erfüllt, sondern auch Hintergrund geliefert werden. Aber die Auslandsberichterstattung sei sehr stark aktuell orientiert:

"Das zeitlosere Stück, das den Hintergrund über die Situation in Armenien liefert oder der Ukraine, wenn gerade kein kriegerischer Konflikt droht, hat es naturgemäß schwer im Abdruck und noch schwerer in der Online-Nutzung." Sven Gösmann, Chefredakteur Deutsche Presseagentur

Mischung aus verschiedenen Zuliefer-Modellen

Der Berliner "Tagesspiegel", das Hauptstadtblatt mit überregionalem Anspruch, ist eine der wenigen Zeitungen, die sich dem allgemeinen Trend zur Ausdünnung der Auslandsberichterstattung widersetzt und wieder einen Korrespondentenposten in Washington eingerichtet hat. Doch die meisten Auslandsmitarbeiter sind aus Kostengründen auch hier Sammelkorrespondenten, bedienen also diverse Titel.

Es ist eine neue Mischung, die sich über die Jahre etabliert hat zwischen festen Korrespondenten, Sammelkorrespondenten und individueller Reisetätigkeit.

Eine neue Entwicklung sind auch internationale Rechercheteams, die – wie im Fall der Panama Papers – Themen aufgreifen, mit denen einzelne Redaktionen überfordert wären – auch ökonomisch.

Öffentlich-rechtlicher Rundfunk im Vorteil

Aber auch der "Tagesspiegel" verfügt beispielsweise über keinen festen Korrespondenten in Moskau. Hier setzt man auf die Expertise einiger erfahrener Redakteure mit Russland-Erfahrung. Gerade weil die Welt in der Regionalpresse immer kleiner wird, kommt auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine umso größere Verantwortung zu, meint der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm:

"Da ist das Korrespondentennetz der ARD natürlich ein Riesenpfund. Wenn das auch nicht mehr so leistungsfähig sein könnte, wenn man das zusammenfassen muss, wenn man sozusagen für einen ganzen Kontinent nur noch ein Büro hätte, das wäre wirklich dramatisch." ARD-Vorsitzender Ulrich Wilhelm

Gefahr der Förderung des Populismus

Dieser Rückzug ins Innere, ins vermeintlich Sichere in einer globalisierten Welt, sei ein gesellschaftliches Phänomen, sagt dpa-Chefredakteur Sven Gösmann. Das erkläre auch Nationalismus und Rechtspopulismus. Aufgeklärte Gesellschaften sollten sich immer eine fundierte Auslandsberichterstattung leisten, so Gösmann.

Mehr qualifizierte Korrespondenten vor Ort könnten auch für mehr Meinungsvielfalt sorgen, ergänzt "Tagesspiegel"-Chefkorrespondent Christoph von Marschall .