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Zunehmender Islamismus in Indonesien: Die Toleranz nimmt ab | BR24

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Vor Ostern ist die Polizei in Indonesien in Alarmbereitschaft, weil vor allem christliche Kirchen immer wieder Ziel von Anschlägen werden.

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    Zunehmender Islamismus in Indonesien: Die Toleranz nimmt ab

    Lange Zeit haben in Indonesien Christen und Muslime friedlich zusammengelebt, doch es gibt häufiger Übergriffe und Anschläge. Die Polizei hat den Schutz christlicher Kirchen über Ostern erhöht.

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    Von
    • Holger Senzel

    Das Land mit den weltweit meisten Muslimen war lange berühmt für seine religiöse Toleranz. "Einheit in Vielfalt" ist das Motto des 260-Millionen-Einwohner-Staates, in dem der Islam zwar dominiert, aber nicht Staatsreligion ist. Doch das Klima für andere Religionen wird seit einigen Jahren zunehmend rauer.

    Vor Ostern ist die Polizei in Indonesien in Alarmbereitschaft, weil vor allem christliche Kirchen immer wieder Ziel von Anschlägen werden. Erst am Palmsonntag zündeten zwei Motorradfahrer vor einem katholischen Gotteshaus in Makassar einen Sprengsatz und verletzten 20 Menschen.

    "Intoleranz kann die Gesellschaft zerstören"

    Der Politologe Muhamed As Hiam betrachtet die wachsende Intoleranz in der Gesellschaft mit Sorge: "Intoleranz ist die Saat, aus der sehr üble Sachen erwachsen. Rassismus, Fanatismus, Radikalität. Insofern ist Intoleranz für mich die gefährlichste Saat, weil sie unsere Gesellschaft zerstören kann".

    Die Trennung von Religion und Staat ist in der indonesischen Verfassung verankert, doch konservative Muslime fordern immer vehementer einen muslimischen Staat mit muslimischen Gesetzen. Als Mehrheit von immerhin 90 Prozent der Bevölkerung glauben sie, einen Anspruch darauf zu haben. Die Toleranz gegenüber anderen Religion sinkt, vor allem bei der Jugend.

    Gesellschaft wurde über die Jahre konservativer

    Der ehemalige Gouverneur von Jakarta etwa, ein chinesisch-stämmiger Christ, wurde 2017 zu einer Haftstrafe wegen Blasphemie verurteilt. Er hatte davor gewarnt, den Koran für den Wahlkampf zu missbrauchen. Aber auch Kleinigkeiten im Alltag zeigen die Veränderung des Klimas: So verwarnte die Medienkontrollbehörde kürzlich einen Fernsehsender, weil dieser einen Beitrag über balinesischen Wein gezeigt hatte - Alkohol ist Muslimen verboten.

    "Es war ein langer Prozess und wir haben das lange gar nicht realisiert, wie sich die Gesellschaft zum Konservativen verändert hat", glaubt die 48 Jahre alte Geschäftsfrau Ismutia Rickard: "Als ich 1992 mein Studium begann, haben höchstens zehn Prozent einen Schleier getragen. Ich hatte kein Problem mit den Frauen, die den Hijab getragen haben und die hatten kein Problem mit mir, die ich keinen getragen habe. Wenn ich jetzt die Bilder aus der Uni sehe, dann tragen 99 Prozent der Studentinnen einen Hijab. Und die Einzige, die keinen Schleier trägt, ist keine Muslima".

    Druck gerade auf Frauen und Mädchen wächst

    Ein Gesetzentwurf, der das Tragen des Schleiers in Schulen zur Pflicht machen sollte, wurde von Präsident Joko Widodo gestoppt. Aber das ändert nichts an dem Druck, dem die Frauen in Indonesien zunehmend ausgesetzt sind. Ismutia Rickard ist die einzige in ihrer Familie, die keinen Hijab trägt: "Freunde, Familie, sie sagen zu mir: Oh, wie schön deine Schwestern sind, seit sie Hijab tragen. Wann wirst du es tun? Oder sie sagen, du wirst in der Hölle schmoren, wenn du keinen Hijab trägst. Und deine armen Eltern werden dafür verantwortlich gemacht, dass du keinen Schleier trägst. Oder dass ich verantwortlich bin, wenn mein Ehemann in die Hölle kommt, weil ich keinen Hijab trage. Solche Sachen sagen sie zu mir".

    Soziale Medien helfen bei der Radikalisierung

    Für den Politologen Wasito Raharjo Jotti ist die Islamisierung der Gesellschaft in Indonesien weniger eine spirituelle Bewegung als die Politisierung der Religion. Präsident Joko Widodo, einst als Obama Indonesiens gelobt, kann ein Lied davon singen. Ständig muss sich der säkulare Politiker gegen Vorwürfe verteidigen, nicht muslimisch genug zu sein, in sozialen Medien wird er als Sozialist geschmäht.

    Die Rolle der sozialen Medien ist groß in Indonesien. WhatsApp bestimmt den Alltag. Und so haben Hassprediger leichtes Spiel, ihre Botschaften zu verbreiten. Falschmeldungen und Lügen über Gegner, wie zum Beispiel gemäßigte Politiker, sind in Sekundenschnelle in der Welt. Wissenschaftler sehen in den sozialen Medien auch eine der Ursachen für die zunehmende Radikalisierung. Indonesier verbringen dort im Schnitt dreieinhalb Stunden täglich, eine Stunde mehr als der Rest der Welt.

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