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Zum Tag der Kindersoldaten: Schwierige Schuldfrage | BR24

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Archivbild: Dominic Ongwen im Gerichtssaal in den Den Haag

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    Zum Tag der Kindersoldaten: Schwierige Schuldfrage

    Kann ein Opfer Täter sein? Am Fall des LRA-Kommandanten Dominic Ongwen aus Uganda zeigt sich: Ja. Am Internationalen Strafgerichtshof ging ein Prozess gegen den ehemaligen Kindersoldaten zu Ende, der zum Kriegsverbrecher wurde.

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    Von
    • Elsbeth Bräuer

    Selbst das Zuhören ist schwer auszuhalten. Vier Jahre lang wurde vor dem Internationalen Strafgerichtshof geschildert, was die Opfer von Dominic Ongwen erdulden mussten. Ab Ende der 1980er-Jahre wütete die Terrormiliz Lord's Resistance Army in Norduganda. Die Kämpfer zwangen Kinder, Gleichaltrige zu töten. Bei Angriffen warfen sie Babys in brennende Hütten. Mit gezielter Grausamkeit setzten sie sexuelle Gewalt ein und rekrutierten Kindersoldaten.

    Im Zentrum des Prozesses in Den Haag stand der Ex-Kommandant Dominic Ongwen. Vor einer Woche fiel das Urteil: schuldig in 61 von 70 Punkten, darunter Mord, Folter und Vergewaltigung. Doch Ongwen ist nicht nur Täter, sondern auch Opfer. Er wurde selbst als Schulkind von der Lord’s Resistance Army entführt. Als Erwachsener kommandierte er eine berüchtigte Brigade, die auch Flüchtlingscamps attackierte.

    Nicht nur Täter, sondern auch Opfer

    Der Anführer der Lord’s Resistance Army, Joseph Kony, wollte die Regierung stürzen und angeblich einen christlichen Gottesstaat errichten. Kony wurde von seinen Anhängern als eine Art Messias mit magischen Kräften verehrt. Es hatte Kalkül, dass seine Brigaden häufig Kinder verschleppten: Sie lassen sich leichter manipulieren.

    Als Kind war Ongwen wie viele andere in der LRA oft extremem Sadismus und Gehirnwäsche ausgesetzt. Einmal, so beschreibt es sein Anwalt, musste er einen fliehenden Jungen töten, dessen Organe an einen Baum hängen und darunter essen.

    Leben in einer Militärsekte

    Ongwen stieg aber rasch auf. Bald befehligte er Truppen, als Erwachsener sogar die berüchtigte Sinia-Brigade, die ebenfalls Kinder als Soldaten rekrutierte. Ongwen soll bei den Verbrechen besonders brutal und strategisch vorgegangen sein. Für seine Taten wurde er sogar befördert. "Good fighting", lobte ihn sein Vorgesetzter Kony einmal per Funk.

    Ongwens Anwälte argumentierten im Prozess, Ongwen habe auch als Erwachsener an Konys scheinbare magische Kräfte geglaubt und so ständig unter Zwang gehandelt, selbst kilometerweit von ihm entfernt. Außerdem führten sie angebliche psychische Probleme wie Depressionen und PTSD ins Feld.

    Richter: Ongwen war "keine Marionette"

    Das Gericht überzeugte das nicht. Gestützt auf Experten, Funksprüche und etliche Zeugenaussagen hielten es die Richter für erwiesen, dass Ongwen die Verbrechen nicht unter Zwang begangen hat. Er sei keine "Marionette" gewesen. "Die Beweise zeigen, dass Dominic Ongwen Joseph Kony nicht völlig untergeordnet war, sondern dass er oft unabhängig handelte und sogar Befehle Joseph Konys in Frage stellte", so der vorsitzende Richter Bertram Schmitt. Ongwen hätte die LRA, wie viele andere Kommandanten, verlassen können.

    Das Urteil kann noch angefochten werden, auch das Strafmaß steht noch nicht fest.

    Gemischte Reaktionen in Uganda

    Der Anwalt Joseph Manoba, der einen Teil der Opfer vertritt, begrüßt die Entscheidung. "Durch das Urteil erfahren unsere Klienten Gerechtigkeit, zum ersten Mal in vielen Jahren." Doch in Norduganda, wo das Urteil via Live-Stream verfolgt wurde, fielen die Reaktionen durchwachsen aus: Neben Jubel gab es auch Kritik.

    Viele ehemalige Kindersoldaten haben auch Mitgefühl für Ongwen. Etwa Okot (Name geändert), sein ehemaliger Kamerad und selbst Kindersoldat. Er sieht die Verantwortung für die Taten beim Anführer der LRA: "Joseph Kony ist derjenige, der uns zu Opfern gemacht hat." Doch der bleibt verschollen. Okot spricht sich dafür aus, Ongwen zu vergeben. Außerdem wünscht er sich eine Entschuldigung von Ugandas Regierung: Sie hätte Kindersoldaten wie ihn nicht vor der Entführung geschützt.

    Kampf gegen das Stigma

    Der Krieg in Uganda ist vorbei. Doch Probleme gibt es für ehemalige Kindersoldaten noch immer. Viele leiden unter Flashbacks, Alpträumen und Panikattacken. Weil sie einen Teil der Schulausbildung versäumt haben, tun sie sich oft schwer, einen Job zu finden. "Viele leben auf der Straße", sagt Okot. "Wir kämpfen um unser Leben."

    Dazu kommen die Vorurteile. Ob HIV-Infektion, Kinderlosigkeit, Jobverlust: "Wenn etwas Außergewöhnliches passiert, sagen die Leute, das ist, weil der-und-der früher von der LRA entführt wurde", sagt Lino Owor Ogora von der NGO "Foundation for Justice and Development Initiatives". Besonders ehemalige Kindersoldatinnen seien betroffen. Wenn sie nach Vergewaltigungen zurückkehrten und Kinder von LRA-Kämpfern mitbrachten, wurde ihnen manchmal sogar Kollaboration unterstellt.

    Frage nach Reparationen

    Auch finanziell stehen ehemalige Kindersoldaten oft schlecht da. Die Heimatgemeinden der Entführungsopfer sind bis heute wirtschaftlich schwer getroffen: Bei den Attacken wurden auch Nutztiere getötet und Felder abgebrannt, was ihre Lebensgrundlage vernichtete. Große Hoffnungen auf Entschädigung dürften sich die Opfer nicht machen.

    Ongwen selbst ist mittellos, mögliche Gelder kommen aus einem Fonds des Strafgerichtshofs. Im Fall des kongolesischen Warlords Katanga bekamen die Opfer 250 US-Dollar pro Kopf, neben kollektiven Reparationen wie Unterstützung bei Wohnungen und Bildung.

    Wird das Urteil etwas ändern?

    Lino Owor Ogora hat mit Blick auf das Urteil gemischte Gefühle. Einerseits sei Ongwens Prozess ein erster Schritt, um die Vergangenheit zu bewältigen. "Es ist eine Art, den Menschen zu sagen, dass ihr Leiden nicht sinnlos war und dass jemand dafür verantwortlich gemacht wird."

    Andererseits sei es ein Tropfen auf dem heißen Stein, nur einem Einzelnen den Prozess zu machen. Denn auch die Regierungsseite hat im Krieg Verbrechen an der Zivilbevölkerung verübt, etwa Frauen vergewaltigt und sogar selbst Kindersoldaten rekrutiert. Diese Taten sind aber ungesühnt. Der Internationale Strafgerichtshof ist ihnen zwar nachgegangen, fand aber offenbar nicht genug Beweise, um dies zu verfolgen. Viele glauben: Bis die Vergangenheit wirklich aufgearbeitet ist, dürfte es für Norduganda und seine Kindersoldaten noch ein langer Weg sein.

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