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Schweine in der Massentierhaltung: Die Ammoniak-Emissionen aus Gülle sind Hauptverursacher für die besonders hohe Feinstaubbelastung.
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Schweine in der Massentierhaltung: Die Ammoniak-Emissionen aus Gülle sind Hauptverursacher für die besonders hohe Feinstaubbelastung.

Die Zahl der vorzeitigen Todesfälle durch Feinstaubbelastung ist offenbar viel höher als bisher angenommen. Das besagt eine bisher unveröffentlichte Studie des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie, über die das ARD-Magazin Monitor berichtet. Demnach sterben in Deutschland pro Jahr nahezu 120.000 Menschen vorzeitig durch Feinstaub - fast doppelt so viele wie bisher angenommen. Als Hauptverursacher des Problems benennt die Studie die Landwirtschaft.

Ebenso viele vorzeitige Tote wie durch das Rauchen

Die Untersuchung stützt sich auf 40 internationale Studien aus 16 Ländern, deren Daten über Jahrzehnte erhoben wurden. "Die Datengrundlage für diese Studie hat enorm zugenommen. Das ist einer der Gründe, dass wir jetzt zu diesen höheren Zahlen kommen", sagt der Leiter der Studie, Professor Jos Lelieveld. Damit sei Feinstaub für etwa ebenso viele vorzeitige Todesfälle verantwortlich wie das Rauchen.

Mit einem Anteil von etwa 45 Prozent gilt für das Max-Planck-Institut die Landwirtschaft - und hier vor allem die Massentierhaltung - als Hauptverursacher für die in Deutschland besonders hohe Feinstaubbelastung. Der Grund: Ammoniak-Ausgasungen aus Gülle verbinden sich in der Atmosphäre mit anderen Gasen und werden so zu Feinstaub. "Die Massentierhaltung führt zu Ammoniak, Ammoniak führt zu Feinstaub und Feinstaub führt zu frühzeitigen Todesfällen", beschreibt es Lelieveld. Allein die Ammoniak-Emissionen aus der Landwirtschaft seien für rund 50.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich.

Im "Schweinegürtel" schlimmer als in der Großstadt

Unter Fachleuten ist der Zusammenhang zwischen Massentierhaltung und Feinstaubbelastung seit Jahren bekannt. So verzeichnen Luftmessstationen im ländlichen Landkreis Cloppenburg regelmäßig höhere Feinstaubwerte als Messungen in Großstädten wie Hannover. Der Landkreis Cloppenburg gehört zum sogenannten Schweinegürtel in Niedersachsen. Um die Belastung zu reduzieren, hat sich Deutschland bereits im Jahr 2001 selbst verpflichtet, die Ammoniak-Emissionen ab 2010 unter einen Wert von 550.000 Tonnen zu begrenzen. Tatsächlich aber liegt der Wert seit Jahren regelmäßig rund 20 Prozent darüber.

"Eigentlich ist in Deutschland in den letzten Jahren nichts passiert, um diese gesteckten und auch unterschriebenen Ziele auch nur annähernd einhalten zu können", sagt der EU-Abgeordnete Martin Häusling von den Grünen.

Bauernverband bestreitet Studienergebnisse

Der Deutsche Bauernverband betont auf Nachfrage, man sei intensiv bemüht, die Ammoniak-Emissionen zu reduzieren. Die Zahlen der neuen Studie des Max-Planck-Instituts für Chemie bestreitet man jedoch: "An diesen Spekulationen, ich halte das für Spekulationen, beteilige ich mich nicht", sagt der Umweltbeauftrage des Deutschen Bauernverbandes, Eberhard Hartelt, gegenüber Monitor.

Studienleiter Lelieveld hält dem entgegen, die neue Studie sei schlicht "ein Wachsen von Erkenntnissen, woraus hervorgeht, dass die Gesundheitswirkung von Feinstaub eigentlich noch viel stärker ist, als wir gedacht haben". So sieht es auch der Direktor der Kardiologie I im Zentrum für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz, Professor Doktor Thomas Münzel: "Feinstaub führt zu Lungen- und Herz-Kreislauf Erkrankungen. Die hohe Zahl der vorzeitigen Todesfälle muss umgehend politische Konsequenzen haben." Man könne in Europa Millionen an vorzeitigen Todesfällen durch Feinstaub vermeiden, wenn man die europäischen Grenzwerte zum Beispiel auf amerikanische Grenzwerte reduzieren würde, so Münzel.

Experten fordern Reduzierung der Tierbestände und Filteranlagen

Experten fordern eine Reduzierung der Tierbestände, zumindest aber für Großbetriebe eine flächendeckende Verpflichtung zum Einsatz technischer Maßnahmen, mit denen die Ammoniak-Belastung reduziert werden kann. So ließen sich die Ausgasungen durch Filteranlagen in den Ställen und Abdeckungen auf Güllebecken reduzieren. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft äußerte sich dazu bisher nicht.

Über dieses und weitere Themen berichtet das ARD-Magazin Monitor am Donnerstag ab 21.45 Uhr.