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Zu klein, um frei zu sein? Grönlands Autonomie-Dilemma | BR24

© pa/dpa/Thomas Wenning

Zu klein, um frei zu sein? Grönlands Autonomiedilemma

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Zu klein, um frei zu sein? Grönlands Autonomie-Dilemma

Seit 300 Jahren steht Grönland unter dem Einfluss Dänemarks, hat bisher aber nicht zu einer Haltung zu seiner Kolonialisierung gefunden. Symbol dafür ist die Statue des ersten Missionars, die immer noch in der Hauptstadt steht.

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2021 ist es genau 300 Jahre her, dass der dänisch-norwegische, protestantische Missionar Hans Egede auf die Insel kam. Er übersetzte die Bibel ins Grönländische und begann, Inuit-Kinder zu taufen. Das alles mit "Segen" des dänischen Königs, dem es dabei nicht nur um die Christianisierung ging, sondern auch um die Kolonialisierung.

Grönlands Staatsoberhaupt ist immer noch die dänische Königin

Bis heute sind die gut 55.000 Grönländer nicht wirklich frei, aber seit 1979 und dann noch einmal erweitert seit 2009 weitgehend unabhängig. Staatsoberhaupt ist allerdings die dänische Königin, und Dänemark bestimmt die Außen- und Verteidigungspolitik. Der Autonomiebewegung geht das nicht weit genug. Es gibt die Forderung nach vollständiger Unabhängigkeit zum 300. Jahrestag der Ankunft Egedes.

Egedes Statue bleibt stehen

Und es gab es eine Abstimmung darüber, ob dessen Statue in der Hauptstadt Nuuk entfernt werden solle. 600 von 23.000 berechtigten Wählern waren dafür, aber 921 dagegen. Unter ihnen auch die Rentnerin Mia Nielsen, für die Hans Egede ein Teil der grönländischen Geschichte ist. Seine Statue stehe auch für das Gute im Christentum, dem viele Grönländer verbunden seien.

Anja Nielsen, Chefin des Grönlandhauses in Kopenhagen, sieht die Sache aus der Distanz etwas differenzierter. In ihren Augen ist Hans Egede umstritten, weil er auch ein Symbol für die Kolonialzeit ist und die damit verbundene Unterdrückung. Es gibt noch immer Ungleichheit und deshalb sind so viele unzufrieden.

In Grönland und Dänemark keine breite Debatte über Kolonialisierung

Eigentlich müsste die Autonomiebewegung dann doch wesentlich mehr Zulauf haben und ebenso eigentlich müsste Egedes Statue doch längst weg sein? Dafür gibt es Gründe, weiß Juno Barthelsen, Sprecher der Dekolonalisierungs-Organisation "Nalik". Er vermisst sowohl in Dänemark als auch in Grönland eine breite Debatte über die gemeinsame Kolonialgeschichte. Viele hätten keine Ahnung von dem, was damals unter Egede und den anderen Missionaren passiert ist. Ohne Geschichtsbewusstsein könne man auch keine Lösungen finden.

Ist Grönland zu klein für die Freiheit?

Da ist offenbar noch Aufklärungsarbeit zu leisten. Aber selbst die dürfte nicht zu einem Aufstand führen. Viele Grönländer scheinen auch zu denken, dass ihr Land wohl zu klein ist, um wirklich frei zu sein - wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit vor allem von Dänemark.

Der Journalist Walter Turnowski relativiert deshalb das grönländische Autonomiestreben. Seiner Ansicht nach wünschen sich die Grönländer zwar, Herr im eigenen Haus zu werden, aber die Verbindung vollständig kappen wollen sie nicht. Sie hätten die Idee einer neuen gleichberechtigten Zusammenarbeit. Aber: "Was viele Grönländer wirklich ärgert, ist, dass Dänemark die Oberhoheit hat", so der Journalist.

Trumps Kaufinteresse an Grönland war ein Signal

Immerhin sind die Grönländer seit dem vergangenen Jahr selbstbewusster. Da hatte US-Präsident Trump Kaufinteresse an ihrer rohstoffreichen Insel signalisiert und einen Staatsbesuch in Kopenhagen beleidigt gestrichen, nachdem die dänische Regierung "Nein" gesagt hatte.

Ebenso wie Grönlands Regierungschef Kim Kielsen, der die Gelegenheit aber clever für ein Signal an Dänemark nutzte. Grönland stehe zwar nicht zum Verkauf, aber man sei offen für Geschäfte. Amerika könne aber stattdessen in die Infrastruktur investieren, sich an Projekten zur Gewinnung von Bodenschätzen beteiligen oder zur Verbesserung des Bildungssystems beitragen.

"Doch dies ist unser Land und hier gelten unsere Gesetze. Diese Gesetze sollten genau so respektiert werden wie die Menschen, die hier leben." Kim Kielsen, Grönlands Regierungschef

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© BR/Isabella Arcucci

Die Wikinger warteten dringend auf das Wort Gottes warten, da war sich der Norweger Hans Egede ganz sicher. Am 12. Mai 1721 stach er in See und fand statt Wikingern in Grönland die Inuit. Autorin: Isabella Arcucci