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Gabriel Bach war stellvertretender Ankläger im Prozess gegen NS-Verbrecher Adolf Eichmann.

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    Zeitzeuge: Kein Tag ohne Erinnerungen an den Eichmann-Prozess

    Er war eine der Schlüsselfiguren im Eichmann-Prozess: Gabriel Bach leitete die Voruntersuchungen und war stellvertretender Staatsanwalt. So trug er zur Aufklärung der Verbrechen des Holocausts bei. Im BR-Interview erzählt er von seinen Erinnerungen.

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    • BR24 Redaktion

    Gabriel Bach ist Jude und musste als Jugendlicher mit seiner Familie erst von Berlin in die Niederlande und anschließend nach Palästina fliehen. Er war stellvertretender Ankläger im Prozess gegen den NS-Verbrecher Adolf Eichmann. Für diese Funktion wurde Bach ausgewählt, weil er Deutsch sprach und schon einige wichtige Verhandlungen hatte. Bis heute begleitet den 94-jährigen der Eichmann-Prozess, bei dem 108 Zeugen aussagten: "Wirklich, es vergeht kein Tag, wo ich nicht in irgendeiner Weise an diesen Prozess erinnert werde."

    Wie liefen die Voruntersuchung ab?

    Bei Yagur, nahe bei Haifa hatte man ein Gefängnis geleert, und da war Eichmann. Und da habe ich neun Monate in einem Hotel in Haifa gelebt und fuhr jeden Tag in das Gefängnis. Aber ich habe Eichmann am Anfang nicht persönlich getroffen. Warum? Als ich zum ersten Mal ins Gefängnis kam, habe ich ihm mitteilen lassen, dass er, wenn er persönliche Probleme hat oder seinen Verteidiger ernennt, (wenn er angeklagt werden sollte), dann kann er zu mir kommen. Dann werde ich mit ihm sprechen. Aber dass ich nicht bereit bin, mit ihm über die Vergehen zu sprechen, die ihm vorgehalten werden, denn dann hätte ich Zeuge sein müssen. Und ich wusste, ich werde Ankläger sein.

    Erinnern Sie sich an die erste Begegnung mit Eichmann?

    Das werde ich nie vergessen. Da saß ich in dem Gefängnis und las die Autobiografie von Rudolf Höß. Das war der Kommandant der SS in Auschwitz. Und da las ich ein Kapitel, wo er beschrieb, dass die SS-Leute dort im Gefängnis viele Tage hatten, wo sie 1.000 jüdische Kinder pro Tag getötet hatten, und da beschrieb er, wie die Kinder manchmal auf Knien gebeten hatten, verschont zu bleiben. Und dann hat er hinzugefügt: Wenn ich und meine Kollegen die Kinder in die Gaskammer stoßen mussten, da bekam ich manchmal Kniezittern. Aber ich habe mich immer geschämt über diese Schwäche von mir, nachdem ich mit Obersturmbannführer Adolf Eichmann gesprochen hatte. Denn Eichmann hat mir erklärt, dass es hauptsächlich die jüdischen Kinder sind, die man zuerst töten muss, sagt er. Denn wo ist die Logik? Das man eine Generation von älteren Menschen umbringt und eine Generation von möglichen Rächern, die ja auch eine Keimzelle für die Wiedererrichtung dieser Rasse bedeuten können, dass man die am Leben lässt.

    Zehn Minuten, nachdem ich das gelesen hatte, kam ein Polizeioffizier und sagte Herr Bach, Adolf Eichmann möchte sie sprechen. Wie ich da seinen Kopf sah und seine Schritte hörte, nachdem ich das gerade gelesen hatte über die Notwendigkeit, alle jüdischen Kinder zu töten, war es nicht so leicht, eine ruhige Miene zu behalten.

    Kann man die eigenen Gefühle abschalten als Jurist? Oder gibt es schon so etwas, wie Hassgefühle gegen einen solchen Menschen, nachdem man das gelesen hat, was Höß beschrieb?

    Gott, ich meine, es war nicht nur das. Ich muss sagen, ich habe wirklich viele interessante Prozesse gehabt. Aber was hier Adolf Eichmann in vielen deutschen Dokumenten war. Eichmann ist als Judenreferent den ganzen Krieg über dageblieben, weil er so identifiziert war mit der Notwendigkeit, alle Juden zu töten. Das ist wirklich eine Sache, die man sehr schwer vergessen konnte und wie gesagt, es vergeht kein Tag, wo ich nicht in irgendeiner Weise an ihn und alles, was mit ihm zusammenhängt, erinnert werde.

    Zur Vorbereitung auf den Prozess haben Sie die Kopien der schriftlichen Unterlagen zu Eichmanns Dienstzeit erhalten. Darunter auch die Gesuche von SS-Kommandanten, einzelne jüdische Familien nicht nach Auschwitz zu schicken, sondern sie zu verschonen. Wie hat Eichmann darauf reagiert?

    Jedes Mal, wenn die Antwort von Eichmann kam, bestand er darauf, dass die Tötung stattfand. Ich gebe Ihnen einige Beispiele: der Mann, der verantwortlich war für Frankreich, der schrieb an Eichmann: "Es gibt einen Mann, der Professor Weiß, das ist ein Deutscher, der wohnt in Paris mit seiner Frau, und der ist ein Experte für Radar. Der hat Radarpatente. In der ganzen Welt wird das gebraucht und dieser Mann ist sehr, sehr wichtig."

    Also, da habe ich gedacht, mitten im Krieg ein Jude, Experte für Radar - in der ganzen Welt dafür bekannt, da muss er doch nachgeben! (…) Und Eichmann schreibt an diesen General. "Ich habe die Sache noch einmal weiter untersucht, und ich habe festgestellt, dass die deutsche Armee diese Patente im Radar von dem Juden schon übernommen haben. Daher sehe ich keinen Grund, auch noch um einen Tag zu verschieben."

    Es gab aber noch mehr Beweismaterial. Sie haben mehr als 300 Filme über die Gaskammern vom Land Polen zur Verfügung gestellt bekommen. Daraus haben Sie einen Film von 45 Minuten Länge gemacht und diesen dem Angeklagten und seinem Verteidiger vorab gezeigt. Warum?

    Aus Fairness dem Angeklagten gegenüber wollten wir das nicht den Richtern zeigen, bevor er und sein Anwalt das vorher gesehen haben. Ob sie vielleicht Einspruch erheben wollen, gegen irgendwelche Teile davon. Und da haben wir eben den Gerichtssaal nachts genommen ohne die Richter und haben den Film gezeigt. Ich kannte ja den Film. Also habe ich nicht auf den Film geguckt. Ich wollte sehen, wie er reagiert, wenn er diesen Film sieht. Und da war er völlig stoisch, hat gar nicht weiter reagiert.

    Aber plötzlich hat er sehr aufgeregt gesprochen zu seinem Wächter neben ihm. Als die Sache vorbei war, habe ich den Wächter gerufen: "Sagen Sie, warum war er auf einmal so aufgeregt?" Er sagte: Man hätte ihm versprochen, dass man ihn nie in den Gerichtssaal nimmt, es sei denn, er hat seinen dunkelblauen Anzug an, und man hat ihn hierher gebracht in seinem grauen Anzug mit seinem grauen Pullover. Und man soll ihm doch so was nicht versprechen, wenn man es nicht einhalten kann.

    Was war die Strategie Adolf Eichmanns während des Prozesses?

    Er wollte sein Leben retten. Ich hatte manchmal das Gefühl, dass er so glaubte: Gott, diese Juden, diese Israelis, die reden viel. Aber wenn's drauf ankommt, werden sie es nicht durchführen. Sein Anwalt, Servatius, erzählte es mir auch, dass er gebeten hatte, sich an andere Länder zu wenden. Dass man die Auslieferung von ihm vielleicht verlangt in andere Länder und so weiter. Und dass er so irgendwie die Hoffnung hatte, dass man doch irgendwie noch sein Leben retten könnte.

    Was ja nicht funktioniert hat. Eichmann wurde zum Tode verurteilt. Hatten Sie Bedenken wegen der Hinrichtung?

    Nachdem Eichmann zum Tode verurteilt wurde, hat er ja ein Gnadengesuch eingereicht an den Präsidenten von Israel. Am nächsten Tag hatte der Präsident entschieden, ich wusste davon nichts. Plötzlich rief mich meine Frau und sagte: "Gabi, man hat jetzt eben mitgeteilt, der Präsident hat das Gnadengesuch abgelehnt." Einige haben gedacht, man kann eventuell einige Wochen warten. Aber ich hatte so die Befürchtung, dass wenn man einige Wochen wartet, nachdem das Gnadengesuch abgelehnt wurde, dass man irgendwo in der Welt ein jüdisches Kind nimmt in Südamerika oder in Portugal oder in Russland oder wo auch immer und dass man sagt, in dem Moment, wo man die Hinrichtung durchführt, dann wird ein jüdisches Kind getötet werden.

    Also hat man gesagt: "Was schlägst du vor?" Dann sage ich: ich schlage vor, dass an dem Tag, wo der Präsident entscheidet, das Gnadengesuch abzulehnen, dass man das um 11 Uhr nachts im Radio und im Fernsehen mitteilt und um 12 Uhr nachts die Sache ausführt. Und so ist es dann auch geschehen.

    Sie wollten aber bei der Exekution nicht dabei sein?

    Die Polizei hatte mir angeboten, dabei zu sein, während der Exekution. Ich hatte es abgelehnt. Ich habe gesagt, wir haben unsere Tätigkeit getan. Wir haben die Verurteilung und auch die Hauptstrafe, die haben wir erreicht. Und da wollte ich absolut nicht dabei sein. Ich habe es dann nur im Radio gehört.

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