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Der Redaktionssitz der Süddeutschen Zeitung in München-Zamdorf

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    Zeitung unter Druck: Die Süddeutsche muss sich neu erfinden

    Für die Süddeutsche Zeitung wird es schwerer, mit der gedruckten Ausgabe Geld zu verdienen. Die Zukunft ist digital - ein Umbau der Redaktion steht an. Während Corona hat der Transformationsprozess Fahrt gewonnen. Wo steht die SZ jetzt? Eine Analyse.

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    Von
    • Linus Lüring

    Es ist paradox: Das Corona-Jahr 2020 war für die Süddeutsche Zeitung ein großer Erfolg - wenn man die Abo-Zahlen anschaut. Die Zahl der Digital-Abos hat sich verdoppelt, auf 180.000. Zählt man Print und Digital zusammen, hatte die SZ nach eigenen Angaben noch nie so viele Abonnentinnen und Abonnenten.

    Das ist aber nur die eine Seite. Bei vielen in der Redaktion ist die Stimmung gedrückt. Das beobachtet auch Franz Kotteder, stellvertretender SZ-Betriebsratsvorsitzender. "Ich kenne viele Leute, die sagen, ich habe eigentlich keine Lust, mich hier noch groß zu engagieren. Das bringt nichts. Das wird nicht gewürdigt und bezahlt entsprechend."

    Kurzarbeit und Stellenabbau sorgen für Unmut

    Auch andere Stimmen aus der Redaktion sprechen von Frust oder Sorge. Öffentlich äußern möchte sich von den SZ-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die für diese Analyse kontaktiert wurden, allerdings niemand.

    Wie sieht die Chefredaktion die Stimmung in der Redaktion? Eine Gesprächsanfrage wird abgelehnt. Es wird verwiesen auf ein Interview, das die neue SZ-Chefredakteurin Judith Wittwer im "Journalist", dem Magazin des Deutschen Journalistenverbandes (DJV), vor Kurzem gegeben hat. Wittwer leitet die SZ seit einem Dreivierteljahr zusammen mit Wolfgang Krach und stellt in dem Gespräch fest:

    "Mein Fazit nach den ersten Monaten fällt […] überaus positiv aus. Auch wenn ich nicht schönreden möchte, dass mein Start in eine schwierige Zeit fällt: Corona, Homeoffice, aber auch der Stellenabbau oder die vorübergehende Kurzarbeit zehren aus. Manche Kolleginnen und Kollegen sind erschöpft." - Judith Wittwer, SZ-Chefredakteurin im "Journalist"

    Und damit spricht Wittwer zwei Hauptgründe für den Frust in der Redaktion an: Kurzarbeit und Stellenabbau. Die Kurzarbeit wurde im ersten Corona-Lockdown im vergangenen Jahr für mehrere Wochen eingeführt. Eine Entscheidung, die viele nicht nachvollziehen konnten. Denn trotz oder gerade wegen der Pandemie gab es in den meisten Ressorts jede Menge zu tun. Dazu kam, dass die Verkaufszahlen nach oben gingen.

    Jede zehnte Stelle in der Redaktion soll wegfallen

    Noch mehr verunsichert hat viele der Personalabbau. Im Herbst letzten Jahres wurde angekündigt: Die Redaktion soll um 10 Prozent schrumpfen. Das heißt, 50 Stellen sollten bis Weihnachten wegfallen. Ein "Freiwilligenprogramm", wie es offiziell genannt wurde, sollte mit Abfindungen den Abgang erleichtern. Inzwischen soll die Maßnahme abgeschlossen sein. Und viele spüren die Sparmaßnahme deutlich: "Da sind echte Leistungsträger gegangen", sagt ein renommierter SZ-Journalist.

    Franz Kotteder aus dem Betriebsrat fürchtet, dass die Arbeit mehr wird und die Qualität leidet. Natürlich bringe es die Gefahr mit sich: je weniger Leute daran arbeiten würden, desto schwieriger werde es, das Niveau zu halten. Es werde auf lange Sicht, glaubt Kotteder, nicht genügen, "ein paar Highlight-Projekte wie Panama Papers oder so etwas" zu fördern. Man müsse auch schauen, dass der Rest stimme.

    Kritik: Die SWMH verliert den Qualitätsjournalismus aus dem Blick

    Viele in der Redaktion kritisieren die Mehrheitseigentümerin der Süddeutschen Zeitung: Die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), mit Sitz in Stuttgart. Dort würde man vor allem betriebswirtschaftliche Ziele verfolgen und den Qualitätsjournalismus aus dem Blick verlieren. Die SWMH war nicht zu einem Interview bereit.

    Fest steht aber: Die Holding hat ehrgeizige Pläne. Sie will bis Ende 2022 den Umsatz im Digitalen um 50 Millionen Euro erhöhen. Die Zahl der Digital-Abos soll weiter gesteigert werden. Ein Schlüssel dafür sei die Transformation in den Redaktionen, erklärte der SWMH-Chef Christian Wegner in einem internen Video. Und da läuft es bei der SZ nicht ganz rund. Chefredakteurin Judith Wittwer sieht das im Interview mit dem DJV ähnlich:

    "So fällt es uns auch bei der SZ nicht immer leicht, Dinge neu zu denken, mit dem Ziel, digitaler zu werden. Wir reden derzeit sehr viel über Strukturen und Abläufe. Der Wettbewerb um Inhalte und Ideen, der Streit um das beste Argument kommt aktuell zu kurz. Aber wir sind auf einem guten Weg." - Judith Wittwer

    Interne Schwierigkeiten beim Redaktionsumbau

    Seit Anfang des Jahres arbeiten alle Ressorts der SZ integriert, also Print und Digital zusammen. "Digital ist normal" soll die Denkweise sein. Prof. Dr. Alexandra Borchardt war lange selbst bei der Süddeutschen tätig und untersucht jetzt als Wissenschaftlerin die digitale Transformation im Qualitätsjournalismus.

    Man sei dort vielleicht etwas langsamer dabei gewesen als andere Redaktionen, "die schon viel früher "digital first" gemacht haben, die schon viel früher umstrukturiert haben, auch ihre Redaktion umgestellt haben", so Borchardt. Aber wenn man ein bisschen langsamer sei, dafür aber auch ein bisschen genauer analysiere, dann müsse das kein Nachteil sein. Dann könne man von den Fehlern anderer lernen und Dinge besser machen.

    Die SZ muss sich also neu erfinden. Das Problem dabei: im Printbereich wird nach Tarif bezahlt. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Digitalen arbeiten dagegen im Moment noch zu schlechteren Konditionen. Auch wenn sich das irgendwann ändern soll, Unzufriedenheit ist vorprogrammiert. Das erklärt möglicherweise, warum in der letzten Zeit auch profilierte Personen aus dem Digitalen die Süddeutsche verlassen haben.

    Digitale Transformation kommt in Gang

    Aber, auch das ist in vielen Gesprächen mit Mitgliedern der SZ-Redaktion zu spüren, das digitale Umdenken hat in der letzten Zeit massiv an Geschwindigkeit gewonnen. Die SZ hat den Podcast-Bereich nochmal stark ausgeweitet, durch Kooperationen mit FYEO oder Spotify. Auch in den boomenden Newsletter-Bereich wurde investiert.

    Aber am tiefgreifendsten ist der Gedanke des "digital first". Ein Seite-3-Artikel kann auch schon vorab online veröffentlicht werden. Früher undenkbar. Es geht jetzt darum, wann welche Inhalte am besten an die Zielgruppe ausgespielt werden. Und auch woanders ist etwas in Bewegung gekommen: In der Vergangenheit wurden oft "Männerzirkel" bei der SZ kritisiert. In der letzten Zeit kamen deutlich mehr Frauen in Führungspositionen.

    Betriebsrat: "SZ nach wie vor eine tolle Zeitung"

    Diese Veränderungen kommen gut an. Bei manchen in der Redaktion ist sogar vorsichtige Euphorie zu erahnen. Sie wehren sich dagegen, alles schwarz zu sehen bei der SZ - ob Print oder Digital. Sie denken ähnlich, wie das Betriebsrat Franz Kotteder ausdrückt: "Sie ist nach wie vor noch 'ne tolle Zeitung. Aber man muss eben aufpassen, dass sie es bleibt!"

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