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Zehn Jahre nach der Selbstverbrennung: Wo steht Tunesien heute? | BR24

© picture alliance / NurPhoto | Chedly Ben Ibrahim

Tunesische Frauen formen mit ihren Händen das Siegeszeichen bei der Feier zum siebten Jahrestag der Tunesischen Revolution.

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    Zehn Jahre nach der Selbstverbrennung: Wo steht Tunesien heute?

    Vor zehn Jahren erschütterte der Tod eines Gemüsehändlers eine ganze Region. Der Tunesier Mohamed Bouazizi verbrannte sich selbst, aus Protest gegen die Willkür des Staates. Der Arabische Frühling war geboren. Doch der Weg zur Demokratie ist steinig.

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    Von
    • Dunja Sadaqi

    Als der Sarg aus dem Auto gehoben wird, gibt es in Sidi Bouzid kein Halten mehr. Es ist der Sarg mit dem Leichnam von Mohamed Bouazizi. Tausende geballte Fäuste strecken sich in die Luft. "Das Blut von Mohammed wird nicht umsonst geflossen sein", rufen die aufgelösten Menschen Anfang Januar 2011.

    2010: Mohamed Bouazizi verbrennt sich selbst

    Einer seiner Freunde sagt damals: "Mohamed hat Obst und Gemüse verkauft, um davon Bücher bezahlen zu können. Er hat doch studiert - und er wollte seine Familie unterstützen."

    Mohamed Bouazizi wird nur 26 Jahre alt. In Sidi Bouzid, vier Autostunden südlich der Hauptstadt Tunis, hatte er sein Geld als Gemüsehändler verdient. Als die Polizei ihm seine Waren wegnimmt und ihn misshandelt,  übergießt er sich vor dem Sitz der Regionalverwaltung mit Benzin – und zündet sich an. "Schluss mit der Armut! Schluss mit der Arbeitslosigkeit!" schreit er dabei. 

    Selbstverbrennung löst Massendemonstrationen aus

    Die Selbstverbrennung Bouazizis löste dank der Informationsverbreitung durch soziale Medien in Tunesien Massendemonstrationen aus - und eine Revolution. Aktivisten aus der Zeit beschreiben Tunesien als Dampfkochtopf, der in die Luft fliegt, weil er zu lange unter zu großem Druck stand. Das Volk hat die Nase voll – es fliegen Steine, Flaschen und Molotowcocktails.

    Das Regime schlägt zurück. Mit Gummiknüppeln, Tränengas und scharfer Munition. Als er sich in die Ecke gedrängt fühlt, versucht der autokratische Langzeit-Präsident Zine el-Abidine Ben Ali zu beschwichtigen. Er hatte das Land zu einem Polizei- und Überwachungsstaat umgebaut. Folter, Brutalität und Intrigen gegen Journalisten und Oppositionelle gehörten zum System.

    "Ja, ich habe euch verstanden. Ich habe alle verstanden, den Arbeitslosen, den Demonstranten, den Politiker, und den, der mehr Freiheiten verlangt – ich habe euch verstanden." Zine el-Abidine Ben Ali

    Tunesien ist Ausgangspunkt des "Arabischen Frühlings"

    Zehn Tage nach dem Tod von Gemüsehändler Mohamed Bouazizis, flüchtet Ben Ali nach 23 Jahren an der Macht aus Tunesien nach Saudi-Arabien. Zuvor hatte es zahlreiche Tote und Verletzte durch Sicherheitskräfte gegeben. Das kleine, rund Zwölf-Millionen-Einwohner-Land Tunesien ist der Ausgangspunkt des sogenannten Arabischen Frühlings und das einzige Land, dem ein Regimewechsel und letztendlich ein anhaltender Demokratisierungsprozess gelingt.

    "Leuchtturm des Arabischen Frühlings", so wird Tunesien gerne in den Medien genannt. Die freie deutsche Journalistin Sarah Mersch sagt, vielen Menschen im Land hängt dieser Begriff schon aus den Ohren raus. Sarah Mersch lebt seit rund zehn Jahren im Land, hat die Revolution hautnah miterlebt. Sie sagt, der politische Umbruch habe den Menschen vor allem Meinungsfreiheit gebracht.

    Menschen können frei über Politik diskutieren

    "Allein die Tatsache, dass die Leute im Café auf einmal über Politik diskutiert haben. Das war unvorstellbar", erzählt Srah Mersch. "Die Leute haben vorher ihr Telefon ausgestöpselt, wenn sie zu Hause über Politik geredet haben." Das treffe auch auf Journalisten zu.

    "Es ist viel, viel leichter geworden, allein, dass ich (...) nicht mehr von morgens bis abends überwacht werde, keinen Polizisten vor der Tür habe, dass ich ohne Aufpasser rausgehen kann, Interviews machen kann." Sarah Mersch

    Trotzdem sagt Sarah Mersch, würden gerade tunesische Journalisten noch schikaniert. Recherchen zu Sicherheits- und Migrationsfragen würden erschwert. Die Journalisten-Organisation Reporter ohne Grenzen, die Tunesien auf Rang 72 von 180 Ländern platziert, schreibt: "In der Praxis wurden Journalistinnen und Journalisten in den vergangenen Jahren oft bedroht oder gewaltsam angegriffen und vor allem bei Kritik an Amtsträgern schnell verklagt. Zuletzt ist die Zahl der Übergriffe aber deutlich gesunken."

    Enttäuschung in strukturschwachen Regionen

    Und doch: Der Frust und die Enttäuschung sitzen heute bei vielen tief. Vor allem in strukturschwachen Regionen. Wie in Sidi Bouzid, wo auch Mohamed Bouazizi herkam, der sich damals selbst in Brand steckte. Die Stadt liegt in Zentral-Tunesien und hat rund 48.000 Einwohner. 

    Sidi Bouzid hat kein Meer für Tourismus oder schicke Hotels. Die Stadt ist umgeben von Bergen und ist der größte Gemüseproduzent im Land. Hier lebt auch Issam, er ist arbeitslos. Issam sagt, seit der Revolution habe sich in Sidi Bouzid nichts verbessert - im Gegenteil, das Leben sei teurer und schwieriger geworden.

    In Würde hier leben, könne er nicht, sagt Issam. Es gebe nicht einmal einen Notarzt in Corona-Zeiten. In die Politiker in der Hauptstadt setzt er keine Hoffnungen mehr, alles falsche Versprechungen, findet Issam: "Ich bin 32 Jahre alt und habe keine Perspektive. Ich muss meine Mutter heute noch um Geld für einen Kaffee bitten."

    Arbeitslosigkeit in Tunesien nach Revolution höher als davor

    Tatsächlich ist die Arbeitslosigkeit in Tunesien nach der Revolution höher als davor. In den vergangenen Monaten fanden in verschiedenen Orten des Landes Blockaden von Ölanlagen statt, Streiks und Demonstrationen. Es geht um Investitionen in die entlegenen Regionen des Landes und Arbeitsplätze. Junge, frustrierte Männer, ohne Aufgabe - das kann ein Nährboden für Extremismus sein, warnen Experten.

    In den ersten Jahren nach dem Arabischen Frühling hatte es eine Vielzahl islamistischer Anschläge in Tunesien gegeben - zum Beispiel 2015 auf Besucher des Bardo-Museums in Tunis und Touristen im Urlaubsort Sousse. Seither hat sich die Sicherheitslage in Tunesien deutlich verbessert. Der Tourismus erholte sich - bis zur Pandemie.

    Auch politisch ist Tunesien gelähmt: soziale Reformen für die Bevölkerung kommen nicht voran - ständig wechseln Ministerpräsidenten, seit der Revolution neun Mal. Das Parlament bleibt auch nach den Wahlen im Herbst 2019 weiterhin zersplittert. 

    Schwierige Situation für die Wirtschaft

    Die verfahrene politische Situation macht auch der Wirtschaft zu schaffen, sagt Jörn Bousselmi, Geschäftsführer der deutsch-tunesischen Industrie- und Handelskammer in Tunis: "Kontinuität war einfach nicht gewährleistet. Das ganze schafft dann natürlich Herausforderungen für Unternehmen, die sagen: Wenn ich heute mit einem spreche, der mich für die Investition begeistert, ist der morgen eigentlich auch noch da?"

    Selbst Tunesiens größtes Aushängeschild im Ausland, frustriert heute viele: Frauenrechte. Schon vor der Revolution hatten Tunesiens Frauen im Vergleich zu ihren Geschlechtsgenossinnen in der Region mehr Rechte. Seit den 50ern sind Frauen per Verfassung gleichberechtigt, dürfen legal abtreiben, die Polygamie ist abgeschafft.

    30 Prozent Frauenanteil im tunesischen Parlament

    Die neue Verfassung, die als modernste in der sogenannten Arabischen Welt gilt, untermauerte das: So ist dort die geschlechterparitätische Besetzung von Wahllisten gesetzlich vorgeschrieben. Ein Ergebnis davon: ca. 30 Prozent Frauenanteil im Parlament. Zusätzlich gibt es Gesetze, die Frauen vor jeglicher Art von Gewalt schützen sollen. Das diskriminierende Erbrecht wird heiß diskutiert. Das Problem ist, sagen viele, die Verfassung werde nicht umgesetzt, alte Gesetze nicht reformiert. Aber auch die Gesellschaft müsse sich verändern, sagt Historikern Kmar Bendana.

    "Ich habe den Eindruck, die Fortschritte, die ich erlangt habe, haben meine Töchter nicht, weil sich die Gesellschaft nicht bewegt, sie weigert sich, weil sie noch sehr patriarchal ist. Ich glaube, die Herausforderung der Revolution ist die patriarchalische Ordnung in Frage zu stellen - auch im Kopf der Frauen." Kmar Bendana

    Tunesien lebt heute noch Widersprüche. Viele halten noch an einer traditionellen Rollenverteilung der Geschlechter fest. Die tunesische Gesellschaft gilt in großen Teilen als konservativ. Das trifft im Alltag vor allem Frauen und sexuelle Minderheiten im Land - auch wenn heute offener über Themen wie Sex oder Homosexualität geredet werden kann. Zu den Präsidentschaftswahlen 2019 wollte sogar erstmals ein offen homosexueller Kandidat antreten. Trotzdem: Sowohl politisch als auch gesellschaftlich haben die Tunesier noch viele Baustellen zehn Jahren nach der Revolution.

    Soziale Medien haben Propaganda des Regimes entwaffnet

    Es gibt jedoch Entwicklungen, die Regime schwer zurücknehmen können. Die Sozialen Medien sind eine davon. Sie haben einen Großteil der Propaganda der Regime entwaffnet. Im Endeffekt haben sie in Tunesien den politischen Umbruch sogar befeuert. Viele junge Nordafrikaner sind in dieser Zeit des politischen Umbruchs geboren oder groß geworden. Es wird schwerer werden, ihnen die gewonnenen Freiheiten wieder abzunehmen. Der Frühling hat vielen die Angst vor einem übermächtigen Regime genommen.

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