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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Jörg Carstensen

Carsten Schmiester über die Bewältigung des Anschlags

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Zehn Jahre nach dem Terror: Utoya ist noch nicht vorbei

Genau zehn Jahre ist es her, dass der Rechtsextremist Anders Breivik auf der Insel Utoya um sich schoss und 69 Menschen tötete. Vorher hatte Breivik schon in Oslo acht Menschen mit einer Bombe getötet. In Norwegen wird der 77 Opfer heute gedacht.

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Von
  • Carsten Schmiester
  • Fabio Taormina

Den ganzen Tag über gibt es in Norwegen Gedenkfeiern: Im Osloer Regierungsviertel, wo am Nachmittag des 22. Juli die Autobombe detonierte, die der Rechtsextremist Anders Breivik gezündet hatte und die acht Menschen in den Tod riss, und dann auf der Insel Utoya, wo Breivik später 69 meist junge Leute im Sommercamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF ermordete. Am Abend folgt eine landesweit im Radio und Fernsehen übertragenen Feier mit einer Rede von König Harald.

Opfer von damals werden heute noch angefeindet

Mit dabei ist auch die AUF-Vorsitzende Astrid Hoem, die schon vor drei Jahren von einer Entwicklung berichtete, die seither viele Menschen im Land beschämt. Danach werden die überlebenden Opfer von Oslo und vor allem von Utoya immer wieder aufs Neue zu Opfern, vor allem im Internet. "Es ist schlimmer geworden. Es gab Morddrohungen und Hassbotschaften. Damit haben wir uns noch nicht wirklich auseinandergesetzt", so Hoem.

Überlebende nicht nur als lebenslange Opfer ihrer eigenen Erinnerungen und Gefühle, sondern auch Opfer von Menschen, die noch immer so denken wie der Täter Anders Breivik. Dieser ist nach einem Gutachterstreit über seine Schuldfähigkeit am Ende als nicht psychisch krank zur Höchststrafe verurteilt worden: 21 Jahre Haft mit möglicher anschließender Sicherungsverwahrung, sollte er dann immer noch eine Gefahr für die Gesellschaft sein.

Anders Breivik zeigt immer noch keine Reue

In den vergangenen Jahren hat er bei weiteren Prozessen um seine angeblich menschenrechtswidrigen Haftbedingungen erneut keine Reue gezeigt. Im Gegenteil: Er streckte den rechten Arm demonstrativ zum Nazi-Gruß. Die Prozesse hat er verloren, aber es ist fraglich, ob er sie überhaupt gewinnen wollte. Er hat sie als Bühne benutzt und damit ein Zeichen gesetzt: Ändern wird er sich nie. Das jedoch mit einer Ausnahme, denn er nennt sich jetzt Fjotolf Hansen - bleibt aber für Menschen und Medien trotzdem Anders Breivik.

Norwegen hat sich verändert

"Einer von uns", so heißt das Buch der Autorin Åsne Seierstad, in dem sie die Geschichte von Anders Breivik rekonstruiert. Sie äußerte sich in einem Interview mit dem ARD-Studio Stockholm anlässlich der Veröffentlichung der deutschen Übersetzung:

"Norwegen hat sich verändert. Wir sind verwundbar. Es ist uns passiert. Wir wurden zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg angegriffen, mitten im Frieden. Und wir waren nicht vorbereitet. Die Polizei hat total versagt. Wir haben gedacht, dass wir unbesiegbar sind, aber das waren wir nicht. Da ist jetzt diese tiefe Wunde, auch weil wir so viele von uns verloren haben und es Norwegen nicht geschafft hat, an diesem Tag seine Jugend zu schützen."

Das schmerze und werde wahrscheinlich für immer schmerzen. Aber sie ist deshalb noch lange nicht der Meinung, dass Breivik das Land in seinen Festen erschüttert hat. Ganz im Gegenteil: Auch was das angeht, sei er gescheitert, denn Norwegen stünde auf ziemlich festen Beinen. Ein einziger Mann und seine Tat könnten es nicht umwerfen, so Seierstad.

Die Aufarbeitung dauert noch an

Aber fertig sind die Norweger mit der Aufarbeitung der Geschehnisse noch lange nicht. Das deutlichste Zeichen dafür ist die scheinbar unendliche Auseinandersetzung um eine nationale Gedenkstätte. Es gab Warnungen vor Betroffenheitstourismus oder einem ungewollten Wallfahrtsort für Neonazis. Geplant waren zum zehnten Jahrestag der Anschläge am Anleger gegenüber der Insel 77 jeweils drei Meter hohe Säulen aus Bronze, eine für jedes Opfer. Die Kosten belaufen sich auf umgerechnet etwa 50 Millionen Euro.

Doch daraus wird wohl nichts. Gründe sind der lange, auch juristische Streit und aktuell angeblich auch pandemiebedingte Verzögerungen beim Bau. Die AUF war hier schneller. Sie hat nicht nur ihre Einrichtungen auf Utoya um- und ausgebaut, sodass dort wieder Sommercamps möglich sind, sie hat auch ein eigenes Denkmal installiert.

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