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Zehn Jahre "Arabischer Frühling": Wer waren die Revolutionäre? | BR24

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Bildrechte: dpa

Gedenkfeier zum Jahrestag in Tunis (Archivbild)

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    Zehn Jahre "Arabischer Frühling": Wer waren die Revolutionäre?

    Am 17. Dezember 2010 löste die Selbstverbrennung eines tunesischen Gemüsehändlers eine Welle der Proteste in der arabischen Welt aus. Wer waren die zumeist jungen Aktivisten des "Arabischen Frühlings" in Ägypten, Libyen und Syrien?

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    Von
    • Jürgen Stryjak

    Vor zehn Jahren löst die Selbstverbrennung des tunesischen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi Volksaufstände in der arabischen Welt aus. In den Wochen und Monaten danach erheben sich nicht nur in Tunesien, sondern auch in anderen Ländern der Region Menschen gegen die Machthaber.

    Der "Arabische Frühling" in Ägypten

    In Ägypten beginnt die Revolution von 2011 am 25. Januar, dem jährlichen Ehrentag der ägyptischen Polizei. In der Hauptstadt Kairo kommt es zur ersten Demonstration. Das Datum ist kein Zufall ‒ die Aktivisten der populären Facebook-Gruppe "Wir alle sind Khaled Said" hatten es absichtlich gewählt. Von aller Willkür, die die Ägypter zornig macht, ist es damals besonders die brutale Polizeiwillkür, unter der sie leiden. Khaled Said war im Juni 2010 in Alexandria von Polizisten zu Tode misshandelt worden.

    Eine Woche vor dem 25. Januar setzt sich die Aktivistin Asmaa Mahfouz vor ihre Handykamera und zeichnet einen leidenschaftlichen Appell auf: "Wenn wir noch ein bisschen Würde haben und wie Menschen in diesem Land leben wollen, dann müssen wir am 25. Januar auf die Straße gehen und unsere Rechte einfordern." Sie veröffentlicht das Video auf Facebook, es erreicht binnen Tagen Hunderttausende Ägypter.

    Mobilmachung im Netz und auf der Straße

    Die damals 25-jährige Betriebswirtin Asmaa Mahfouz gehört zur oppositionellen ägyptischen Bewegung 6. April. Andere prominente Mitglieder sind der Bauingenieur Ahmed Maher ‒ sowie der Blogger Muhammed Adel, der zur Vorbereitung der Proteste die serbische Aktivistengruppe "Otpor!" in Belgrad besucht hatte. "Otpor!" heißt auf Deutsch "Widerstand". Die Gruppe war im Jahr 2000 maßgeblich am Sturz von Slobodan Milošević beteiligt.

    "Dort bekam ich erklärt, wie man friedliche Demonstrationen organisiert, wie man die Menschen mobilisiert, Gewalt vermeidet und wie man der Gewalt der Sicherheitskräfte begegnet." Muhammed Adel

    Die ägyptischen Aktivistinnen und Aktivisten schwärmen aus, sie verteilen Flugblätter und nutzen die sozialen Medien zur Mobilisierung. Am 25. Januar beteiligen sich in Kairo rund 25.000 Menschen an den Protesten gegen das Regime, zumeist junge gebildete Leute aus der Mittel- und auch der Oberschicht.

    Kritische Masse: Arbeiter und Tagelöhner, Fußball-Ultras und Muslimbrüder

    Eine wirklich kritische Masse wird erst drei Tage später erreicht, am Freitag des Zorns. Rund 100.000 Ägypterinnen und Ägypter gehen in etlichen Städten des Landes auf die Straße. Wenige Stunden zuvor hatten die Aktivisten massenhaft Kurzmitteilungen verschickt, in denen stand: "Versammelt Euch vor den Moscheen und Kirchen! Bildet Demonstrationszüge! Verzichtet auf religiöse Symbole!" "Ich habe mehr Angst um mein Land als um mich", sagt damals einer der Demonstranten. Ein anderer - ein junger Ingenieur - zieht zornig einen Vergleich: "Wir leben wie zu Pharaonenzeiten. Aber heute – heute jagen die Sklaven die Pharaonen weg."

    An diesem 28. Januar demonstrieren auch Arbeiter, Handwerker und Tagelöhner aus den Armenvierteln, die das Elend, in dem sie leben, satt haben. An den Protesten nehmen Fußball-Ultras des populären Kairoer Klubs Al-Ahly teil sowie auch immer mehr Mitglieder der Muslimbruderschaft, die sich in den ersten Tagen noch zurückgehalten hatte. Ohne die Muslimbrüder und die Fußball-Ultras hätten die Demonstranten auf dem Kairoer Tahrir-Platz die Angriffe der Schlägertrupps des Regimes ‒ vor allem am 2. Februar ‒ gar nicht abwehren können.

    Werbeaktion für die Freiheit

    Ab dem 4. Februar herrscht Volksfeststimmung auf dem Platz. Die Demonstranten halten ihn besetzt und machen aus der Revolution eine riesige Werbeaktion für die Freiheit. An einer Ecke sind Plakate und Kunst zu sehen, an der nächsten treten Musiker auf oder Standup-Comedians. Die Menschen sollen abends heimkehren und schwärmen: Ihr müsst euch das ansehen, der blanke Wahnsinn. Und genau das tun die Leute, an manchen Tagen kommen mehrere Hunderttausend Menschen zum Tahrir-Platz. Lehrer bringen sogar ihre Schulklassen mit. Am 11. Februar tritt Präsident Hosni Mubarak schließlich zurück.

    Aufstände auch in Libyen und Syrien

    Ab Mitte März 2011 kommt es auch in Syrien zu Protesten von zumeist jungen Leuten aus der unteren Mittelschicht, viele von ihnen ohne Arbeit und ohne Perspektive.

    Im selben Jahr in Libyen: Auch hier erheben sich 2011 die Menschen. Am 20. Oktober wird Langzeitherrscher Gaddafi getötet. Drei Tage später feiern die Einwohner der libyschen Mittelmeerstadt Benghazi auf einer Kundgebung den Neubeginn. Mustafa Abdel-Dschalil, der Vorsitzende des Übergangsrates, tritt ans Mikrofon und dankt all jenen, die auf der Seite der Revolution gestanden hätten, den Geschäftsleuten, Journalisten und Religionsgelehrten, ja selbst den Sportclubs. Sein besonderer Dank gilt den Frauen.

    Alte Rivalitäten statt breiter Bündnisse

    Für kurze Zeit hatten sich in allen drei Ländern Menschen aus ganz unterschiedlichen Schichten gegen ihre Despoten verbündet. Doch dann zerfielen die Bündnisse, und alte Rivalitäten kehrten zurück. Das Ergebnis ist bekannt: In Syrien schlug das Assad-Regime die Aufstände mit Militärgewalt nieder, Libyen versank im Bürgerkrieg. In Ägypten putschte sich das Militär 2013 erneut an die Macht ‒ und steckte viele der Aktivistinnen und Aktivisten von 2011 ins Gefängnis.

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