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Youtuber fordern von Politik mehr Offenheit und Authentizität | BR24

© pa-dpa/Simon Belcher

YouTuber fordern von Politikern mehr Offenheit und Authentizität

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    Youtuber fordern von Politik mehr Offenheit und Authentizität

    Rezo sei Dank: Seit der Europawahl herrscht in den Parteizentralen eine gewisse Ratlosigkeit, wie man jungen Wählern begegnen soll. Experten sagen: Leidenschaft hilft mehr als blaue Haare.

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    Ein permanentes Kopfschütteln liegt über dem Gespräch, als könnten es die beiden immer noch nicht glauben, dass Profipolitiker wiederholt so daneben liegen. Robin Blase und David Hain sind Youtuber, zusammen haben sie fast 700.000 Abonnenten auf ihren Kanälen RobBubble und BeHaind. An diesem Nachmittag sitzen sie in ihrem Produktionsbüro in einem Berliner Hinterhof.

    Gamingstühle, zwei Mikrofone und viel Gesprächsstoff. Einmal wöchentlich diskutieren die beiden aktuelle Netzphänomene, Gesellschaftsthemen, Medienereignisse für ihren Podcast "Lästerschwestern". Die medialen Fehlgriffe der CDU in den vergangenen Tagen stehen diesmal im Mittelpunkt.

    Nicht hip sein, sondern authentisch

    Verwundert und irritiert sind die beiden darüber, wie unsouverän die Parteichefin und ihre Mitstreiter auf die Videos von Rezo und die damit verbundene Diskussion reagiert haben:

    "Gefühlt waren es nur Angriffe und Verteidigungshaltung, aber keine Kommunikation auf Augenhöhe oder irgendeine Form von Respekt." Robin Blase, Youtuber

    Für Hain ist das Ganze ein "Kommunikationsdebakel". Er hat den Wahlaufruf, der sich gegen CDU, CSU, SPD und AfD richtet, unterschrieben. "Ich wollte Teil des Movements sein", sagt er, um junge Leute zu motivieren, wählen zu gehen und auch Position zu beziehen.

    Blase, der auch Videos für die Bundeszentrale für politische Bildung und das öffentlich-rechtliche Onlineangebot funk produziert, klingt in dieser Hinsicht zurückhaltender. Die direkte Aufforderung, bestimmte Parteien nicht zu wählen, ging ihm zu weit. Einig sind sich beide, dass die umstrittenen Videos von Rezo wichtig sind, um die Politik wachzurütteln und junge Menschen zu erreichen. Und dass der 26-jährige Youtuber die Menschen überzeugt, nicht weil er jung und hip ist, sondern weil er leidenschaftlich dafür eintritt, was ihm wichtig ist.

    Influencer-Stammtisch im Kanzleramt

    Das würde vermutlich auch Dorothee Bär unterschreiben. Die Digitalstaatsministerin von der CSU ist eine von wenigen Unionspolitikern, die in diesen Tagen als Positivbeispiel dafür genannt werden, wie man in Zeiten von Twitter, Facebook & Co. kommuniziert. Bär hat keine Berührungsängste - ob es um Gaming-Veranstaltungen oder die neusten Social-Media-Möglichkeiten geht. Sie lädt schon mal zum "Influencer-Stammtisch" ins Kanzleramt.

    Snapchat und TikTok, ein bei Kindern und Jugendlichen aktuell sehr beliebter Videodienst aus China, sind für sie keine Fremdworte. Für viele ihrer Kollegen allerdings schon, wie sie zugibt. Ein TikTok-Video könne man nun mal nicht in einem Pressespiegel abheften. Den Parteispitzen rät sie zu mehr Mut. Es gehe nicht, dass jeder Tweet "erstmal von zwanzig Leuten abgesegnet" werden müsse. Und ein PDF als Reaktion auf eine Videokritik sei in Zukunft sicher keine Lösung.

    Außerdem, so Bär, müssten die Parteien über neue Formen der Beteiligung nachdenken. Klar wünsche sie sich, dass junge Menschen in Parteien einträten, um von innen heraus für Veränderung zu sorgen. Aber weil das eben nicht jeder wolle, müsse man Möglichkeiten schaffen, Leute kurzfristig in Projekte einzubinden. Jeder müsse die Chance haben, gehört zu werden - auch ohne Mitgliedschaft. Ihrer Meinung nach könnte man sogar Mitgliederbefragungen über die Ausrichtung und Themen einer Partei wie der CSU für Außenstehende öffnen.

    Anarchische Logik des Netzes

    Neue Ansätze fordert auch die Politikwissenschaftlerin Isabelle Borucki, die an der Universität Duisburg zu Parteien im digitalen Wandel forscht. Die großen etablierten Parteien CDU und SPD täten sich mit der Netzwelt so schwer, nicht nur weil sie alt seien - die SPD etwa über 150 Jahre - sondern auch, weil sie eine sehr stringente Organisationsstruktur hätten. Deren Logik liege im Grunde "quer zur hierarchiefreien, fast auch anarchischen Logik" des Internets, wo sich jeder "schnell mal irgendwo beteiligen und vernetzen kann".

    Borucki rät den Parteien, stärker darüber nachzudenken, wie man Organisationsstrukturen digitalisieren und verändern kann. Die Grünen, die die interne Kommunikation inzwischen vollständig digitalisiert hätten, sind für sie ein gutes Beispiel. Allerdings müsse jede Partei ihren eigenen Weg finden.

    Haarfarbe egal, wenn die Leidenschaft stimmt

    Braucht die CDU also eigene, coole Youtuber? Nein, finden Robin Blase und David Hain. Es gehe nicht darum, junge Menschen mit bunten Haaren vor eine Kamera zu setzen. Es gehe darum, den Leuten mit Respekt zu begegnen, sie ernst zu nehmen. Natürlich könne das auch mithilfe von Netzvideos passieren. Entscheidend sei Authentizität, betont Blase:

    "Ich würde das gern sehen, völlig egal, wie alt einer ist, wie hip, welche Haarfarbe er hat, ob er Schimpfworte benutzt. Was wichtig ist, ist das man mit Leidenschaft positiv kommuniziert, warum man hinter den Dingen steht, die einem wichtig sind. Das habe ich in dieser Debatte noch gar nicht gesehen." Robin Blase, Youtuber

    Über dieses Thema berichtet das Erste im Bericht aus Berlin am 02. Juni 2019 um 18:30 Uhr.