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"Wollen wir eine Gesellschaft, die koloniale Verbrecher ehrt?" | BR24

© pa/dpa/Bildagentur-online/Schoening

Initiative Schwarzer Menschen setzt sich für einen sensiblen Umgang mit deutscher Kolonialgeschichte ein.

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    "Wollen wir eine Gesellschaft, die koloniale Verbrecher ehrt?"

    Die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland ISD setzt sich gegen Rassismus ein. Und für einen sensiblen Umgang mit der deutschen Kolonialgeschichte: keine Straßennamen oder Denkmäler für Täter, dafür Empathie mit den Opfern und deren Nachfahren.

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    Tahir Della kam über ein Buch zur Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland: "Farbe bekennen", geschrieben von schwarzen Frauen, die hier aufgewachsen sind. Della erinnert sich, dass ihm seine Mutter wochenlang das Buch hinterhergetragen hatte. Und meinte: "Das haben Leute geschrieben, die sind so wie Du!" Für den jungen Münchner – Mutter Deutsche, Vater US-Amerikaner - damals ein ganz neuer Blick auf das eigene Leben. Er nahm Kontakt auf zu den Frauen, die das Buch geschrieben hatten, wurde Teil der Initiative.

    Klischeebeladene Wahrnehmung von Geschichte

    Eine seiner ersten medienwirksamen Kampagnen organisierte Della vor zehn Jahren in Augsburg. Er protestierte gegen ein "Afrika-Festival" auf dem Zoogelände. Für ihn war das eine Art "moderne Völkerschau" – auch wenn anders als im 19. Jahrhundert keine Menschen aus Afrika ausgestellt werden sollten. Aber allein die Idee, eine Verbindung herzustellen zwischen Afrika, der Steppe und den Tieren - und dazwischen Stände mit afrikanischem Schmuck und Essen – das sei eine "Schnapsidee" gewesen. Und ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich Menschen Geschichte wahrnehmen und wie klischeebeladen das oft sei.

    Aus Bayern nach Berlin

    Nach Projekten in München, Stuttgart und Nürnberg kam Tahir Della vor sieben Jahren nach Berlin. Aus dem ehrenamtlichen Engagement des ausgebildeten Gärtners, Bäckers und Fotografen ist mittlerweile ein Vollzeit-Job geworden. Della war bis vor kurzem im Vorstand, ist für die Öffentlichkeitsarbeit der Initiative verantwortlich. In seinem Büro in Berlin-Kreuzberg zeugen große Fotos an der Wand von einem Vorstoß, der derzeit viel Beachtung findet: Die Umbenennung von Straßen, die an Kolonialisten erinnern: Lüderitzstraße etwa oder Petersallee.

    Koloniale Spuren im öffentlichen Raum

    Adolf Lüderitz, deutscher Großkaufmann und erster deutscher Landbesitzer im heutigen Namibia. Und Carl Peters, der als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika gilt. Beide Namen, sagt ISD-Mitglied Simone Dede Ayivi, findet man deutschlandweit immer wieder. Die Theaterregisseurin aus Hanau hat mit dem Peng-Kollektiv eine interaktive Seite mit dem Hashtag #tearthisdown erstellt. Die Idee: Jeder Interessierte hält die Augen offen, schaut sich Straßennamen, Denkmäler, Gedenksteine im öffentlichen Raum genauer an, und kann die Information darüber einspeisen. Auch für Bayern gibt es bereits viele Einträge - von Coburg bis Garmisch-Partenkirchen, von Donauwörth bis Regensburg.

    "Akteure, deren Gräueltaten bekannt sind"

    Ayivi möchte die Aufmerksamkeit auf Straßen lenken, mit denen "Kolonialverbrecher geehrt werden, die nicht nach Ländern benannt sind, sondern nach Akteuren, deren Gräueltaten bekannt sind." Dazu kommen noch rassistische Begriffe, wie zum Beispiel "die ganzen M-Straßen". Ayivi benutzt die Abkürzung M und meint: Mohren-Straße, wie sie es zum Beispiel in Berlin-Mitte gibt. Dass der gleichnamige U-Bahnhof umbenannt werden soll, findet Ayivi prinzipiell gut.

    Allerdings sei sie irritiert, dass Organisationen wie die ISD bei der Suche nach einem neuen Namen nicht gefragt wurden. Ayivi würde sich wünschen, dass sich Stadt und Berliner Verkehrsbetriebe gemeinsam auf einen neuen Namen einigen würden. Ihr Vorschlag: Anton-Wilhelm-Amo-Straße, als Würdigung des ersten afrikanischen Philosophen in Deutschland.

    Jahrzehntelang "den Mund fusselig geredet"

    Das Projekt #tearthisdown trifft offenbar einen Nerv. Laut Ayivi kommen viele Nachfragen, die meisten positiv: von Kommunalpolitikern und der Presse, von LehrerInnen und SchülerInnen. Das Wissen, auf dem wir heute aufbauen und koloniale Spuren im öffentlichen Raum nachspüren können, haben Ayivi zufolge AktivistInnen geschaffen. Basisarbeit, die bisher nicht gewürdigt worden sei, ganz im Gegenteil: "Ihnen wurde immer wieder gesagt: das Thema ist nicht wichtig, das hat doch nichts mit heute zu tun, warum macht Ihr das?!" Dreißig Jahre "haben sich Aktivisten den Mund fusselig geredet", jetzt aber sei die Zeit des Erklärens vorbei. Jetzt gehe es um ein "So nicht mehr".

    Breite Diskussion über deutsche Kolonialgeschichte

    Tahir Della nimmt wahr, dass das zunehmend gehört wird, und zwar auch von Menschen, die selbst nicht von Rassismus betroffen sind. Er treffe bei Protestaktionen zunehmend auf Leute, die nie zuvor bei einer Demonstration waren, und die sich fragen: "Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der koloniale Verbrecher geehrt werden? Oder wollen wir eine Gesellschaft, die frei ist von Diskriminierung, die sich der Geschichte verantwortlich stellt und die richtigen Schlüsse daraus zieht."Auch die Politik stellt sich Della zufolge inzwischen dem Thema. Zumindest gelte das für die Grünen, Linken und Teile der SPD.

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